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Wildberg In Wildberg finden sich wenig Spuren

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Gabriel Stängle (stehend) hat sich mit Schülern auf die Spuren jüdischer Schicksale im Nordschwarzwald begeben und ein Buch zum Thema veröffentlicht. In der Wildberger Volksbank-Filiale stellte er die Erkenntnisse des Projekts vor. Foto: M. Bernklau Foto: Schwarzwälder-Bote

"Macht und Pracht" war das Thema am "Tag des offenen Denkmals". Wildberg scherte da etwas aus. In der Volksbank und nebenan, am so genannten Judenbad, gab es Vorträge zur Geschichte der Wildberger Juden – und derer im Kreis Calw.

Wildberg. Mit "Jüdischen Schicksalen im Nordschwarzwald" beschäftigte sich der Vortrag des Nagolder Realschullehrers Gabriel Stängle, der sich mit seinen Schülern in das Thema eingearbeitet und ein Buch darüber verfasst hat. Schuldekan Thorsten Trautwein sprach anschließend über den Umgang mit dem Holocaust in der Kirche und im Unterricht. Ulrich Romberg schließlich stellte am Schluss vor, was er über das so genannte Judenbad im Erdgeschoss des benachbarten historischen Fachwerkhauses herausgefunden hat.

Das stattliche Haus an der alten Stadtmauer zur Nagold hin könnte – nach einer Inschrift in der Säule – im Jahr 1346 von einem Maurer Yakob Rehhammer für einen jüdischen Besitzer namens Leble errichtet worden sein, einen Betsaal und ein rituelles Bad, eine Mikwe, enthalten haben. Nach alten Plänen führte von diesem Abschnitt der heutigen Talstraße aus eine "Judengasse" hinauf in die Oberstadt, die jetzige Badgasse. Für das Jahr 1383 ist der Lehensbesitz eines "Jakob, der Jud" aus Alzey urkundlich erwähnt.

Im 20. Jahrhundert aber, also schon vor der nationalsozialistischen Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung der Juden, gab es in Wildberg praktisch keine Juden. Im ganzen Nordschwarzwald waren es auch nicht viele. Eine Gemeindeleben oder Synagogen (wie zeitweise in Unterschwandorf) gab es nicht oder nicht mehr.

Schon Graf Eberhard im Bart hat den Juden zugesetzt

Deshalb hat Gabriel Stängle mit seiner Gruppe auch nur die vergleichsweise kleine Zahl von 15 Juden ausmachen können, die während der Nazi-Herrschaft der Vernichtung anheimfielen und in Auschwitz, Treblinka oder Izbica ermordet wurden. Der aus dem "Judendorf" Rexingen bei Horb stammende Viehhändler Hermann Hopfer besaß bis 1938 einen Stall und eine Scheuer sowie einige Grundstücke in und um Wildberg. Er entkam der Shoa und starb 1959 in den USA.

Geschichte hat immer auch eine Vorgeschichte. Was die Wildberger Juden angeht und die wenigen verstreuten Juden des 1934 aus den Oberämtern gebildeten Landkreises Calw, gehören zu diesen Gründen die Judenvertreibung durch den württembergischen Landesherrn Graf Eberhard im Bart 1477 und der Judenhass des Reformators Martin Luther, aber auch die oft besonderen Berufe der Juden, zu denen sie auch die Ausgrenzung und die stetige Gefahr von Pogromen und Vertreibung nötigte: Handlungsreisende, Kaufleute, aber auch Ärzte, Künstler, Musiker. Nur als "Schutzjuden" lokaler Adeliger wie der Stauffenbergs oder des Malteser-Ordens hatten Juden eine Lebensgrundlage und konnten in Dörfern wie Rexingen oder Baisingen leben.

Von der Märkten in Altensteig, Nagold, Wildberg, Neubulach oder Calw wurden die jüdischen Viehhändler schon in den Dreißigerjahren ausgesperrt, angestachelt durch die fanatischen Nazi-Größen und Abgeordneten in Stuttgart und Berlin, den Schreiner Philipp Bätzner und den Arzt Eugen Stähle, die das Obere Nagoldtal schon früh zu einer Hochburg der Hitlerpartei gemacht hatten

In Calw gab es die jüdische Lindenwirtin Rosa Creuzberger und das Manufakturwarengeschäft Geschwister Klemann der Michelsons. Ein Drogerie- und Fotogeschäft führten die Müllers in Schömberg, in Wildbad – von jüdischen Gästen aus ganz Europa als Kurort hoch geschätzt – gab es Häuser jüdischer Hoteliers und jüdische Kur- und Badeärzte. Der in Neuweiler praktizierende Landarzt und Witwer Eugen Marx konnte über Schanghai der Verfolgung entkommen, seine in Nagold geborenen Töchter Ruth und Rosemarie wurden jedoch im weißrussischen Lager Maly Trostinez ermordet.

Dort in der Nähe wütete auch der aus gut evangelisch-pietistischem Neubulacher Elternhaus stammende SS-Standartenführer Eugen Steimle mit seinen Einsatzgruppen-Kommandos bei Massenerschießungen von Juden hinter der Front. Der in Nürnberg zunächst zum Tode verurteilte Schlächter wurde auf Fürsprache von Leuten wie Theodor Heuss, Carlo Schmid und Landesbischof Theophil Wurm bald begnadigt und aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg freigelassen. Bis zu seiner Pensionierung lehrte er im evangelischen Internats-Gymnasium Wilhelmsdorf Deutsch und Geschichte und starb dort friedlich und unbehelligt im Jahr 1987. Schuldekan Thorsten Trautwein wies auf den beschämenden Fall hin, ohne Namen zu nennen.

Das einstige Judenbad nebenan, wo früher der Wildberger CVJM sein Domizil hatte, konnte zwar entgegen den Hoffnungen von Mitveranstalter Timo Roller nicht besichtigt werden, aber der Bibel-Archäologe und Mikwe-Experte Ulrich Romberg erläuterte den gut 40 Gästen von außen noch ein paar Details seiner Forschungen zum dortigen Judenbad.

Er hatte ja schon Namen genannt und gab noch halb im Ernst eine Wildberger Redensart zum Besten, die womöglich auf den einstigen jüdischen Besitzer des Hauses und seine Eigenheiten zurückzuführen sein könnte: "Du bisch mer au so’n Leble."

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