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Wildberg Aus heiterem Himmel fallen Bomben

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Das Wildberger Schloss beherbergte am Kriegsende ein Müttererholungsheim. Der Nordflügel wurde von Bomben zerstört, der Rest des Gebäudes später abgerissen. Foto: Archiv Heimatmuseum Wildberg Foto: Schwarzwälder-Bote

Wildberg (mac). Das Grauen brach aus heiterem Himmel über Wildberg herein. Am gestrigen Sonntag war es 70 Jahre her, dass eine amerikanische Bomberstaffel 40 Sprengbomben über dem Stadtkern abwarf. 53 Menschen starben, ganze Straßenzüge wurden dem Erdboden gleich gemacht.

Ein Augenzeugenbericht stammt von der damals 22-jährigen, inzwischen verstorbenen Hedwig Böckle. Sie war mittendrin, als am 22. Februar 1945 der Krieg nach Wildberg kam. Das Rathaus – ihr Arbeitsplatz – wurde von den Explosionen zwar in Mitleidenschaft gezogen, aber es stürzte nicht ein wie all die Gebäude rings herum.

Gegen 13 Uhr sei sie bei klarblauem Himmel zur Arbeit gegangen. Wieder einmal sei Fliegeralarm ausgegeben worden, aber ernsthaft rechnete wohl niemand damit, dass ausgerechnet Wildberg Ziel eines Luftangriffs werden könnte. Warum auch? "Wir hatten keinerlei militärische Anlagen am Ort, und auf dem Dach des Schlosses prangte ein riesiges rotes Kreuz", schreibt Hedwig Böckle in ihrem Bericht über die Ereignisse jenes Tages.

Das Dröhnen der Bombermotoren sei lauter geworden, als sie ihren Schreibtisch im dritten Stock des Rathauses erreicht hatte, berichtet Böckle weiter. Aus ihrem Bürofenster habe sie einen sich entfernenden Flugzeugpulk gesehen – und war erschrocken: "Schnell raus, sie kommen zurück", habe sie noch ins Nachbarzimmer gerufen, dann sei sie mit zwei Kolleginnen die Rathausstiegen hinabgerannt. Noch bevor die Fliehenden den Ausgang erreicht hatten, schlugen innerhalb weniger Sekunden 40 Sprengbomben in unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses ein.

Die Explosionen drückten die Türen des Verwaltungsgebäudes ein, die Fensterscheiben barsten, ein Balken stürzte herab. Als Hedwig Böckle schließlich auf die Straße gelangte, offenbarte sich ihr nach und nach das ganze Ausmaß der Verwüstung.

53 Menschen kamen bei dem Bombenangriff ums Leben – darunter eine siebenköpfige Familie, die aus Furcht vor Luftangriffen aus Pforzheim nach Wildberg geflohen war.

Die Bomberstaffel hatte ihr eigentliches Ziel um rund 500 Meter verfehlt. Leitbombenschütze C. A. Muse waren nur drei Sekunden Zeit geblieben, um das Wildberger Bahnhofsgelände aus einer Flughöhe von 2743 Metern durch ein Loch in der Wolkendecke anzuvisieren. Zu wenig, wie sich herausstellen sollte. Die tödliche Fracht der Einsatzgruppe mit dem Codenamen "Shorty II" ging über dem Wildberger Stadtkern nieder.

Die Besatzungen der sechs Mittelstreckenbomber vom Typ B-26 "Marauder" hatten am Morgen des 22. Februar 1945 um 6 Uhr ihre Zielein- weisung erhalten. In der Nacht waren ihre Maschinen zusammen mit 106 weiteren an der Operation "Clarion" beteiligten Flugzeugen gleicher Bauweise einsatzbereit gemacht worden. In einem Verband von 18 Maschinen startete die Einsatzgruppe "Shorty II" um 10.52 Uhr auf dem Militärflughafen im französischen Dijon und nahm Kurs nach Nordosten. Eine Stunde nach dem Start erreichten die Flugzeuge die Schwarzenbach-Talsperre.

Dort teilte sich der Verband in drei Einsatzgruppen: Jeweils sechs Flugzeuge steuerten Nufringen und die Bahnstation von Altbulach an, und "Shorty II" machte sich auf den Weg nach Wildberg. Über Zwerenberg, Gaugenwald und Effringen näherten sich die sechs B-26-Bomber ihrem Zielgebiet in doppelter V-Formation. Schlechtes Wetter ließ nur gelegentlich Bodensicht zu, Oberleutnant Muse gelang es nicht, das Zielgebiet vorab auszumachen. Doch dann tat sich urplötzlich ein Loch in der Wolkendecke auf. Für eine Synchronisation des Bombenzielgeräts blieb zu wenig Zeit. Muse meldete dies, und der Formationsführer, Oberleutnant J. E. McKenzie, befahl den Abwurf der 48 Sprengbomben.

24 Sekunden später verzeichneten die Bordkameras die ersten Einschläge – einen halben Kilometer zu weit südlich, mitten im Wildberger Stadtgebiet. Nach 40 Sekunden waren 40 Bomben in die Wildberger Altstadt gefallen – eine der Besatzungen hatte Probleme mit dem Auslösemechanismus und konnte sich ihrer Ladung erst über freiem Feld zwischen Sulz und Gültlingen entledigen, wo sie jedoch keinen Schaden anrichtete.

Auf dem Rückflug nach Frankreich geriet die Bomberformation ins Sperrfeuer der Flakbatterien bei Offenburg. Die Maschine von Staffelführer McKenzie erhielt einen Treffer in den linken Motor. Der Oberleutnant ließ seine Besatzung mit Fallschirmen abspringen und versuchte, die Maschine weiter nach Westen zu steuern. Vier Kilometer südöstlich von Erstein stürzte sie ab. Die verbleibenden Bomber erreichten gegen 14.30 Uhr Dijon.

Bereits im Februar 1944 ernannte der Oberbefehlshaber der US-Heeresluftwaffe in Europa, General Carl A. Spaatz, einen Planungsstab, der Luftangriffe auf kleine Städte und Ortschaften mit wichtigen Bahn- und Straßenverbindungen vorbereiten sollte. Das Projekt erhielt den Decknamen "Operation Clarion". Ziel war es, die Transportwege des Deutschen Reichs zu zerstören. So gelangten auch die Nagoldtalbahn und schließlich Wildberg – erst als Ausweich-, dann als Hauptziel – ins Visier der Alliierten. Am 22. Februar 1945 griffen 112 Mittelstreckenbomber 24 Ziele an. Die Operation war von langer Hand vorbereitet – alleine Wildberg war vor dem Angriff zweimal aus Aufklärungsflugzeugen fotografiert worden.

Karlheinz Franz aus Böblingen hat die Hintergründe der "Operation Clarion" in Archiven in Washington und London recherchiert. Seinen Erkenntnissen sind Teile des obenstehenden Artikels zu verdanken.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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