Trotz fünf Meter hoher Mauern gelingt Patienten immer wieder die Flucht aus dem Psychiatrischen­ ­Zentrum Nordbaden. Foto: dpa

In Wiesloch sollen auch ehemals sicherungsverwahrte Straftäter untergebracht werden.

Wiesloch/Stuttgart - Am Ende hat das ganze Großaufgebot nichts genutzt. Seit Sonntagnachmittag hatte die Polizei mit Hubschrauber und Hunden nach einem 32-Jährigen „mit auffällig watschelndem Gang“ gesucht, der am ersten Weihnachtsfeiertag aus dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden (PZN) geflohen war. Der psychisch Kranke war von der Anstalt als harmlos und nicht gemeingefährlich eingestuft worden. Er war mit dem Zug zu einem Bekannten nach Waiblingen gefahren. Nachdem dieser ihn zur Rückkehr überredete, setzte sich der Gesuchte am Dienstagmorgen in den Zug und fuhr nach Wiesloch zurück.

Erst am Abend wurde bekannt, dass der vermeintlich harmlose Mann während seiner Flucht zwei Frauen sexuell belästigt hatte. Zunächst am Sinsheimer Bahnhof, wo er laut Polizei eine 18-Jährige „in sexueller Absicht“ bedrängt hat. Am Montagabend wurde dann eine 16-jährige Schülerin in Waiblingen Opfer des Mannes. Das Mädchen soll er an eine Wand gedrückt haben, bis dieses um Hilfe schreiend wegrennen konnte. Der 32-Jährige hat beide Taten eingeräumt.

Falsche medizinische Einschätzung

Peinlich für das PZN – und zwar in doppelter Hinsicht. Neben der offenkundig falschen medizinischen Einschätzung muss sich die Einrichtung auch die Frage gefallen lassen, wie es sein kann, dass seit Mai dieses Jahres bereits der dritte Patient aus Wiesloch das Weite finden konnte.

Zunächst gelang einem als Taximörder vom Bodensee bekanntgewordenen und vom Gericht als nicht schuldfähig eingestuften Gewaltverbrecher die Flucht. Er war beim Hofgang weder begleitet noch videoüberwacht worden. Einen Tag später konnte er geschnappt werden. Als Konsequenz verstärkte die zweitgrößte Psychiatrie des Landes ihre Videoüberwachung und brachte zusätzliche Gitter an den Fenstern und Draht auf den Mauern an.

Fünf Meter hohe Mauern keine Hürde

Dennoch büxte im September erneut ein Patient aus. Diesmal stellten die fünf Meter hohen Mauern keine Hürde für einen 21-Jährigen dar. Die Folge: eine neuerliche Großfahndung, die nach 90 Minuten von Erfolg gekrönt war, und weitere bauliche Nachbesserungen nach sich zog. Nun ließ das PZN zusätzliche Stacheldrahtrollen und einen Übersteigschutz auf den Mauern des Bereichs für die weniger sicherungsbedürftigen Patienten anbringen.

Doch auch damit scheinen nicht sämtliche Lücken des 100 Hektar großen Areals ­geschlossen. An Weihnachten erwies sich das Patientencafé auf dem Gelände als Schlupfloch. Von dort konnte sich der 32-jährige Sextäter plötzlich von einer dreiköpfigen Gruppe und seinem Aufseher entfernen und unbemerkt die Pforte passieren.

Mann habe sich auf dem Weg der Besserung befunden

Mann habe sich auf Weg der Besserung befunden

Die Klinik war am Tag darauf zunächst bemüht, den Fall mit dem Verweis auf die vermeintliche Harmlosigkeit des Patienten herunterzuspielen – was dann schnell widerlegt wurde. Der Mann habe sich auf dem Weg der Besserung befunden, weshalb ihm bereits zwölfmal zuvor begleiteter Freigang gewährt worden war. Damit ist es nun vorbei. Auf Anordnung der Polizei wird er nun in der geschlossenen Abteilung untergebracht.

Das Sozialministerium hat sich derweil die Geschäftsführung der 1100 Betten großen Anstalt vorgeknöpft. Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) war nach Auskunft ihres Sprechers vom Dienstag „stinksauer“, weil sie von dem Vorfall erst aus der Zeitung erfahren habe. Da wusste sie von den sexuellen Übergriffen noch nicht einmal. In einem ersten Schritt hat die Aufsichtsbehörde in Stuttgart angeordnet, künftig sofort über Ausbrüche informiert zu werden. Bauliche Sicherungsmaßnahmen obliegen weiterhin der Klinik.

Anstalt soll künftig ehemals sicherungsverwahrte Straftäter unterbringen

Die Reihe von Ausbrüchen in Wiesloch ist vor allem vor dem Hintergrund brisant, dass in der Anstalt künftig auch ehemals sicherungsverwahrte Straftäter untergebracht werden sollen. Altpeter hatte sich erst vor drei Wochen auf den in der Bevölkerung umstrittenen Standort festgelegt – als Zwischenlösung bis Mai 2013.

Bis dahin muss die Sicherungsverwahrung nach den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts neu geregelt sein. Das Land will dann auch nach einer neuen Lösung für die derzeit vier als nicht therapierbar geltenden Straftäter suchen. Laut Altpeters Sprecher haben die Negativschlagzeilen aus Wiesloch aber keine Auswirkungen auf die Wahl des Standorts.