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Wien/Albstadt Eiszeit-Pflanzen blühen wieder

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Die 32 000 Jahre alten Urpflanzen, noch ohne Blüte, werden mit speziellem Pflanzenlicht in der Ausstellung "Aeviternity" im Kunstmuseum mumok in Wien beleuchtet (oben links). Vor knapp zwei Wochen schaffen es Forscher, die Urpflanze Silene am Institut für Molekulare Biotechnologie an der BOKU-Universität in Wien zum Blühen zu bringen (rechts). Foto: Pichler/Boku/Jakob Vegh/APA/dpa

Wien/Albstadt - Sensationell: Noch vor fast einem Jahr präsentierte der in Wien lebende und aus Albstadt-Tailfingen stammende Künstler Christian Kosmas Mayer 32.000 Jahre alte sibirische Urpflanzen in seiner Ausstellung "Aeviternity" von Februar bis Juni im Wiener Kunstmuseum mumok. Jetzt haben die russischen Eiszeitpflanzen namens Silene stenophylla, die zu den Nelkengewächsen gehören, in der österreichischen Hauptstadt an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in vitro – in einem sterilen Glas – angefangen zu blühen.

Eine weiße Blüte, schön für das Auge – eine weitere von Hunderttausenden? "Pflanzen dieser Art blühten das letzte Mal, als Neandertaler und Mammuts noch lebten", verdeutlicht der 44-jährige Künstler. "Es ist eher ungewöhnlich, dass eine Pflanze überhaupt in vitro mit Blühen beginnt. Normalerweise braucht sie dafür natürliche Lebensbedingungen, wie einen Topf mit Erde." Nach Ansicht des Albstädters ist diese Silene einzigartig, da sie in der heutigen Pflanzenwelt so nicht mehr zu finden ist. "Es gibt heutzutage Nachfahren dieser Urpflanze, die auch ähnlich aussehen, aber von der Erbstruktur sind sie nicht identisch."

Arktisches Ziesel füllt seine Vorratskammer mit Samen und Früchten

Die kleinen Pflänzchen haben eine lange Zeitreise hinter sich. Also geht es für den Hintergrund 32.000 Jahre zurück: Wer guten Winterschlaf halten will, damals wie heute, braucht einen vollen Magen und eine prall gefüllte Vorratskammer. Ein Arktisches Ziesel, ein Erdhörnchen, lagerte fast 40 Meter unter der Oberfläche des sibirischen Permafrostbodens in seinem Erdbau Samen und Früchte. Der üppige Vorrat war umsonst, denn das Tier überlebte den Winter vermutlich nicht – die tiefgefrorenen Samen dagegen blieben erhalten.

"Der Permafrostboden ist wie ein natürlicher Gefrierschrank", erzählt Christian Kosmas Mayer. "Er ist seit Tausenden von Jahren dauerhaft tiefgefroren und hat so den Verrottungs- und Verwesungsprozess von Pflanzen und Tierüberresten gestoppt." Bei einer Expedition in Sibirien im Jahr 2005 haben russische Forscher den Permafrostboden abgesucht und den unterirdischen Erdbau des tischen Ziesels als gefrorenen Eisblock ausgegraben, erläutert Mayer. Darin fanden sie die Samen.

Die Wissenschaftlerin Svetlana Yashina von der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau brachte die Entdeckung ins Labor. Dort gelang es ihr 2012, die Zellen der 32 000 Jahre alten Samen aus dem sibirischen Permafrostboden in vitro zu reaktivieren und zum Austreiben zu bringen, so dass Pflanzen wuchsen.

"Ich war fasziniert, als ich das erste Mal davon gehört habe. Es vereinen sich Zeitdimensionen miteinander und eine davon liegt einfach unvorstellbar lange zurück. Da kam in mir der Wunsch auf, sie als Teil meiner Ausstellung nach Wien zu holen", sagt Christian Kosmas Mayer und kam ins Gespräch mit den Forschern. "Wir sind es gewohnt, in linearen Zeitabfolgen zu denken: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Meistens konzentrieren wir uns auf die Gegenwart, da das eine bereits zurückliegt und das andere noch vor uns liegt. Diese Pflanzen stellen ein solches Verständnis von Zeit auf den Kopf und bringen ein Stück Eiszeit zurück, das längst von der Erde verschwunden ist."

Ausgehend von seiner Faszination für die sibirischen Urpflanzen ist es dem Albstädter gelungen, diese für seine Ausstellung "Aeviternity" vergangenes Jahr im Kunstmuseum mumok nach Wien zu transferieren. "Es war ein langer Prozess, das Vertrauen der russischen Wissenschaftler zu gewinnen, aber im Nachhinein war es den Aufwand wert."

Mayer gestaltete in "Aeviternity" einen sehr außerirdisch wirkenden Raum, der mit speziellem Pflanzenlampen in rot-blauem Licht beleuchtet war. Im Raum standen in vitro die 32.000 Jahre alten Pflanzen – allerdings noch ohne Blüte. Die Urzeitschönheit braucht viel Pflege: Sie wird nicht gewässert, als Nahrung erhält sie eine Art geleeartige Zuckerlösung, die mit Hormonen versetzt ist – eine Nährflüssigkeit, mit allem, was eine Urpflanze eben so zum Gedeihen braucht. Alle zwei Monate wird Silene in ein neues steriles Glas umgesetzt, erklärt Mayer. "Das war natürlich viel Aufwand, aber mein Partner, die BOKU-Universität, hat mich da unterstützt und geholfen, sie zu pflegen."

Die Eiszeitpflanzen haben die Ausstellung gut überstanden und laut Vertrag mit den Russen sollten sie im Juni 2019 zurück nach Moskau. "Es war aber mein Wunsch, dass sie in Wien bleiben dürfen. "Gemeinsam mit der BOKU ist es mir dann gelungen, die Russen davon zu überzeugen, diese Exemplare in Wien zu belassen", schildert Mayer.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Die österreichischen Wissenschaftler schaffen es vor knapp zwei Wochen – fast genau ein Jahr nach der Ausstellung – unter der Leitung von Pflanzenbiotechnologin Margit Laimer, die Silene am Institut für Molekulare Biotechnologie an der BOKU zum Blühen zu bringen. Eine weiße Blüte ist aus den kleinen Samen etwa 15 Jahre nach deren Auffinden entstanden.

Ziel ist es jetzt, Rückschlüsse auf die Evolution zu ziehen. "Nun können wir mittels genetischer Analysen untersuchen, wie sich das Pflanzengenom entwickelt hat und an die damaligen Klimabedingungen angepasst war", schreibt Laimer auf der Boku-Website. Der Künstler von der schwäbischen Alb fügt hinzu: "Jetzt vergleicht man die alte Silene mit deren Nachfahren und nächsten Verwandten.­ Damit solle rausgefunden werden, wie sich die Pflanzengattung in den letzten 32.000 Jahren entwickelt und verändert hat."

Der Klimawandel taut den Permafrostboden Schritt für Schritt auf

Für den in Wien lebenden Künstler hat das Ganze eine doppelte Bedeutung – es ist faszinierend und furchterregend zugleich. "Zum einen ist es ein großer Fortschritt, Neues über die Urzeit zu erfahren, zum anderen erwecken wir etwas zum Leben, bei dem unklar ist, welchen Einfluss das auf unsere heutige Zeit haben wird. In diesem Fall ist es eine Pflanze – was ist noch unter dem Permafrostboden versteckt, was reanimiert werden könnte?" Sorgen bereitet ihm besonders der Klimawandel, der den Permafrostboden in Sibirien schrittweise auftaut. "Das ist vermutlich nicht mehr aufzuhalten, niemand weiß, was dann an die Erdoberfläche kommt – sicher auch heute unbekannte Bakterien und Viren."

Christian Kosmas Mayer zeigt sich auch ein bisschen stolz: "Jetzt forschen zwei Universitäten in zwei Ländern an den Urpflanzen und bewerben sich mit dem gemeinsamen Projekt sogar für Forschungsgelder." Sein Traum geht damit in Erfüllung: "Es handelt sich um kleine unscheinbare Pflänzchen, die es schaffen, mit ihrer kleinen eigenen Welt hinter der Glasscheibe, Politik, Wissenschaft, Zeit und Kunst zu vereinen."

Christian Kosmas Mayer wurde 1976 in Sigmaringen geboren, mit sechs Jahren kam er nach Albstadt-Tailfingen (Zollernalbkreis). Seit frühster Jugend fasziniert ihn Kunst. Nach dem Abitur begann Mayer 1997 ein Studium an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. Im Jahr 2000 wechselte er an die Akademie für Bildende Künste in Wien, für ein Semester, wie er dachte – es wurden fünf Jahre daraus. Nach dem Studium blieb er in Wien; längst ist er dort zu Hause – mit seiner Lebensgefährtin, die er dort kennengelernt hat, und seinem Sohn.

Als geschichts- und wissenschaftsaffiner Künstler bezieht sich Christian Kosmas Mayer auf konkrete historische und zeitgeschichtliche Ereignisse. Die Zeit in seiner Arbeit sei spürbar, erklärt der 44-Jährige. Von Februar bis Mitte Juni 2019 war seine Ausstellung "Aeviternity" im Kunstmuseum mumok in Wien zu sehen. ­

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