1969 eröffnet die „Haus am Berg GmbH“ im Haus Waldeck ein Heim für psychisch kranke Menschen. Foto: Stadtarchiv Nagold

Sechs Jahre steht das Haus Waldeck leer. 1969 eröffnet dann ein Heim für psychisch kranke Menschen. Die Vorbehalte in der Stadt sind damals groß.

Wir schreiben das Jahr 1967: Vier Jahre schon steht das Haus Waldeck in Nagold leer. Alle Anstrengungen, den Gebäudekomplex im Kreuzertal einer neuen Nutzung zuzuführen, sind bis jetzt gescheitert.

 

Eigentlich ist ja das Land in der Pflicht, einen neuen Nutzer zu finden. Doch Bürgermeister Eugen Breitling und seine Stadträte mischen kräftig mit bei der Nachfolgesuche. Zu entscheiden haben sie aber nicht.

Das Land aber findet endlich eine Lösung. Doch die ist so gar nicht nach dem Geschmack der Nagolder Stadtoberen. Psychisch kranke Frauen sollen im Waldeck künftig betreut werden. Die Sitzungsprotokolle des Gemeinderats zeigen deutlich auf, wie groß die Vorurteile damals noch gegenüber Menschen mit psychischen Problemen waren.

„Das sollte in Zukunft eine Warnung sein“

Unter anderem muss es auch eine Bürgerversammlung gegeben haben, auf der über das Projekt informiert wurde. Danach muss sich Nagolds Bürgermeister Eugen Breitling von einer Stadträtin kritisieren lassen, die Sache sei nicht so schlimm, wie er sie in der Bürgerversammlung dargestellt habe. Und die Gemeinderätin mahnt: „Das sollte in Zukunft eine Warnung sein, zu Sachen Stellung zu beziehen, die noch nicht genau bekannt sind.“

Aufklärungsarbeit leistet Ministerialrat Dr. Sautter. Er führt sowohl mit Breitling Gespräche als auch mit den Gemeinderäten: In nichtöffentlicher Sitzung versucht er den Vorbehalten entgegenzutreten und erörtert das Projekt.

Tag- und Nachtklinik für Alterskranke und psychisch Rekonvaleszente

Der Ministerialrat und Mediziner kennt die Nagolder. Er selbst stammt aus Rotfelden und ging in Nagold zur Schule. Ob er Verwendungsmöglichkeiten für das Waldeck habe, sei er vom Finanzministerium gefragt worden. Und ja, die hatte er.

„Wir möchten eine Tag- und Nachtklinik für Alterskranke und psychisch Rekonvaleszente einrichten“, wird er in dem Protokoll der Gemeinderatsitzung vom Februar 1968 zitiert. An anderer Stelle ist von einem „Heim zur Rehabilitation von psychisch Kranken“ die Rede, von einer „Wiedereingliederung“.

Der Eingang zum Haus Waldeck im Jahr 2025. Das Gebäude steht heute leer und soll abgerissen werden. Foto: Heiko Hofmann

In der Tagklinik wolle man alterskranke Menschen unterbringen, „da die Versorgung der Alten tagsüber sich oft für die Familie schwierig gestaltet“, wird Sautter im Ratsprotokoll zitiert. Abends sollten diese Besucher wieder nach Hause zurückkehren. Es handle sich nicht um ein kleines psychiatrisches Krankenhaus – diese Feststellung ist Sautter wichtig.

„Er wolle damit der Stadt Nagold nichts Schlechtes antun“

Der Mediziner bedauert die „negative Einstellung“ zu diesem Problem, dass allgemein in Deutschland verbreitet sei. „Er wolle damit der Stadt Nagold nichts Schlechtes antun.“ Vielmehr sollte sich die Stadt glücklich schätzen.

Sowohl in dieser Ratssitzung als auch bei einem Vorgespräch mit dem Ministerialrat aus dem Stuttgarter Innenministerium schlagen ihm Bedenken, Vorurteile und regelgerechte Ängste entgegen. Dabei macht Sautter von Anfang an deutlich. Nur Frauen sollen in Nagold behandelt werden, und die Rede ist von „leichten Fällen“.

Die Vorbehalte sind dennoch groß. Nicht bei allen Stadträten. Aber bei vielen. Von „schweren Bedenken“ ist im Ratsprotokoll die Rede. Von einer „Gefährdung der Bevölkerung“. Dass einem das Thema jetzt versüßt werden soll. Und: „Die Stadt habe es aber später nie in der Hand zu verhindern, dass auch schwere Fälle eingewiesen würden“.

„Ich bin nicht hier, um zu Bitten, sondern nur um zu erklären“

Ein Antrag, dass „der Bürgermeister mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln sich dafür einsetzt, dass das Heim nicht zur Unterbringung von psychisch Kranken verwendet wird“, findet eine Mehrheit.

Ministerialrat Sautter weiß von diesem Ratsbeschluss, der noch vor seinem Besuch im Gremium gefasst wurde. Er versucht mit Aufklärung und Argumenten die Befürchtungen zu zerstreuen. Zum Teil durchaus mit Erfolg. Und doch sieht er sich dazu gezwungen, einen deutlichen Hinweis zu geben: „Ich bin nicht hier, um zu Bitten, sondern nur um zu erklären.“

Das Haus Waldeck hat eine lange Geschichte. Unser Foto stammt aus dem Jahr 1912, als das Waldeck als „königliches Militärgenesungsheim“ fungierte. Foto: Stadtarchiv Nagold

Denn die Einrichtung des Heims für psychisch kranke Frauen ist auf höherer Ebene schon beschlossen. Und auch die Mittel für die Sanierung des Hauses Waldeck sind schon eingestellt. Das wiederum, ist auch den Nagolder Räten wichtig, dass der Gebäudetrakt nicht weiter verkommt.

Die Frauen werden betreut von drei Schwestern und einer weiteren Helferin

Und so geht die Geschichte des Hauses Waldeck nach Jahren des Leerstands also doch noch weiter. 1968 beginnt das Land mit der Instandsetzung des Gebäudes, im November 1969 eröffnet dann die „Haus am Berg GmbH“ das Waldeck.

Kurz danach wird das Waldeck in einem Heimatbuch folgendermaßen beschrieben: „Heute bietet das Haus Platz für rund 80 Patientinnen, die dem Heim von den Landeskrankenhäusern und Nervenkliniken zugewiesen werden. Die Frauen werden betreut von drei Schwestern und einer weiteren Helferin, die die Patientinnen in Heimarbeit anleitet. Durch die Arbeitstherapie sollen die Frauen erkennen, dass sie gebraucht werden. Sie bekommen wieder Selbstvertrauen, wenn sie erleben, dass sie etwas leisten und, dass man mit ihnen rechnet.“

Weiter heißt es in dem Beitrag aus dem Jahr 1971: „Dem Heim Waldeck stehen Hauseltern vor, und der Heimarzt macht wöchentlich seinen Besuch. Die Frauen, denen aus irgendeinem Grund nicht mehr möglich ist, ins öffentliche Leben oder in den Familienkreis zurückzufinden, werden mit Liebe betreut, um ihnen Freude am Leben zu vermitteln.“

Haus Waldeck

Von der Kaltwasserheilanstalt zum Asylbewerberheim:
Seit mehr als 120 Jahren prägt das Haus Waldeck den östlichen Nagolder Stadteingang. Nun soll das Gebäude im schönen Kreuzertal abgebrochen werden. Damit verschwindet in Nagold ein Stück Stadtgeschichte. Mit Funden aus dem Stadtarchiv Nagold und alten Zeitungsberichten erinnern wir an bemerkenswerte Episoden aus der wechselvollen Geschichte dieses historischen Nagolder Bauwerks