Notre-Dame steht der Welt wieder offen. Foto: AFP/Ludovic Marin

Die Wiederöffnung der Kathedrale von Paris ist eine politische Inszenierung – und noch viel mehr als das.

Paris gebührt ein doppeltes „Chapeau“. Die Stadt der Lichter hat in diesem Jahr nicht nur die Olympischen Spiele reibungslos über die Bühne gebracht. Am 7. Dezember wird auf der Seine-Insel auch die – nach ihrem Brand vor fünf Jahren umfassend restaurierte – Kathedrale Notre-Dame wiedereröffnet. Mit viel Pomp. Mindestens 35 Staats- und Regierungschefs kommen, und auch der designierte US-Präsident Donald Trump hat seine Teilnahme angekündigt. Paris ist damit seine erste Auslandsreise nach dem Wahlsieg.

 

Präsident Emmanuel Macron hat erkannt, welche hochemotionale Wirkung von den Flammenbildern einst und nun von der symbolischen Wiederauferstehung ausgeht: Er, der im Unterschied zu früheren Staatspräsidenten wie Valéry Giscard d’Estaing, François Mitterrand oder Jacques Chirac der Stadt Paris keine architektonische Großtat hinterlassen wird, inszeniert sich wenigstens als Retter der Kathedrale.

Die Botschaften des Präsidenten

Zwei Botschaften will er senden: Erstens, dass er es gewesen ist, der den fünfjährigen Bauplan festgelegt und eingehalten hat; zweitens, dass Frankreich stolz sein kann auf diese Parforce-Leistung.

Beides stimmt. Doch in Frankreich ist Macron so unpopulär wie nie, wie kein Vorgänger vor ihm; seine Reputation ist angekratzt, seitdem er die Nationalversammlung im Frühjahr aufgelöst hatte. Der Regierungssturz von Mittwoch ist eine direkte Folge dieses schweren, fast suizidären Fehlers. Und Trump hat seine eigene Agenda, er wird keine Rücksicht auf Macron nehmen. Ganz allgemein täuscht sich Macron, wenn er meint, dass er innenpolitisch punkten kann, wenn er sich international in Szene setzt. Die Franzosen wissen die beiden Domänen zu trennen.

Viele Mitbürger ärgern sich zwar darüber, wie Macron versucht, die Causa Notre-Dame auf seine politischen Mühlen zu lenken. Und dennoch sind viele auch stolz darauf, dass französische Architekten, Ingenieure und Kunsthandwerker – Männer wie Frauen – ganze Arbeit geleistet haben. Genau wie die Franzosen, die im Sommer die weltweit gefeierten Olympischen Spiele geplant haben.

Trotz Frankreichs klammer Kassen floss für den Wiederaufbau das Geld

Natürlich: Frankreichs Staatsfinanzen sind eine einzige Kalamität. Die Staatsschuld beträgt 3200 Milliarden Euro, genug für eine neue Finanzkrise im Euroraum. Mit dem eigenen Geld kam Frankreich noch nie zurecht. Der Wiederaufbau von Notre-Dame war hingegen von Beginn an auf Rosen gebettet, aufs Geld musste nicht geachtet werden: Aus 150 Ländern waren 850 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen. 140 Millionen sind noch nicht einmal verbraucht; sie werden über die nächsten Jahre für Renovierungsarbeiten rund um die Basilika Verwendung finden.

Ja, der Bau stand unter einem guten Stern. Ein Beispiel: Kurz vor dem Brand hatten Informatiker das Gotteshaus gescannt – das erleichterte den detailgetreuen Wiederaufbau.

Und selbst der in Frankreich übliche, nie gelöste Streit zwischen Kirche und Staat fand diesmal nicht statt. Als Macron seine Ansprache in der Kathedrale halten wollte, bedeutete ihm der Erzbischof diskret, dass dies ein Verstoß gegen den strikten französischen Laizismus wäre. Nun ergreift Macron das Wort draußen, vor der Notre-Dame-Fassade mit ihrer herrlichen Rosette. Keine üble Kulisse für einen politischen Auftritt.

Aber die wichtigste Botschaft an diesem Tag ist: Die Auferstehung ist vollzogen, Notre-Dame ist wieder da. Ihr Schicksal hat nicht nur für Christen etwas Berührendes, Ergreifendes, mit ihrem Leiden und ihrem neuen Glück fast etwas Menschliches. Gewiss, die Kathedrale wird weder Putins Krieg noch den Nahostkonflikt lösen. Aber mit ihren 900 Jahren zeigt sie, dass die Hoffnung nicht zuletzt stirbt, sondern wirklich nie.