Tabus und Traditionen scherten sie nicht: Ottilie Roederstein war eine charismatische Künstlerin. Höchste Zeit, dass an sie und ihre Freundin erinnert wird.
Nackte Männer? Wieso nicht? Weil es sich nicht schickte. Deshalb durften Künstlerinnen lange Zeit keine männlichen Aktmodelle zeichnen. Ottilie W. Roederstein mochte das nicht hinnehmen. Sie wagte sich selbstbewusst an biblische Szenen, ein Genre, das bis ins 19. Jahrhundert wegen der Männerakte eine reine Männerdomäne war. Roederstein provozierte mit Bedacht. Sie wollte zeigen, dass sie es mit den männlichen Kollegen aufnehmen kann.
Hinterfragte Geschlechterrollen
Die Malerin Ottilie W. Roederstein, die 1891 mit ihrer Freundin nach Frankfurt zog, hat sich gern über Normen hinweggesetzt. Sie stand ihren Mann im Berufsleben und strebte auch als Frau nach Selbstverwirklichung. Sie hinterfragte aber auch die tradierten Geschlechterrollen und zeigte sich auf Selbstporträts gern in maskuliner Garderobe und selbstbewusster Pose. Und sie lebte offen mit ihrer Partnerin. Zwei emanzipierte und moderne Frauen, die sogar durch Nordafrika und den Vorderen Orient reisten.
Es ist erstaunlich, dass heute kaum mehr jemand den Namen von Ottilie W. Roederstein kennt, obwohl sie zu den herausragenden Künstlerinnen ihrer Zeit gehörte. Sie war Mitglied im Hauptvorstand des Frankfurter Frauenkunstverbandes, war bestens integriert in die bessere Gesellschaft und porträtierte viele führende Persönlichkeiten der Zeit. Da diese aber oft jüdischer Herkunft waren, sind viele Porträts in den Herrschaftsjahren der Nationalsozialisten beschlagnahmt und zerstört worden.
Frauen durften nicht studieren
In jüngerer Zeit wurde Roedersteins Werk wiederentdeckt und erst jetzt, 85 Jahre nach ihrem Tod, widmet das Städel Museum Frankfurt ihr eine Einzelschau: „Frei. Schaffend.“. Es besitzt wie auch das Kunsthaus Zürich große Bestände ihres Werkes.
Ottilie W. Roederstein, 1859 geboren, wuchs in Zürich in einer wohlhabenden deutschen Kaufmannsfamilie auf. Nach einer ersten Ausbildung in Berlin zog es sie ins weltläufige Paris. An der staatlichen Kunstakademie durfte sie als Frau zwar auch dort nicht studieren, aber es gab zahlreiche private Akademien. Sie entschied sich für das Damenatelier von Emile Auguste Carolus-Duran und Jean-Jacques Henner und war bald erfolgreich als Porträtmalerin tätig, stellte aus und heimste Preise ein.
Ihre Partnerin ist die erste Chirurgin in Deutschland
Zurück in Zürich, lernte sie Elisabeth H. Winterhalter kennen, die hier Medizin studierte, weil ihr das in Deutschland als Frau noch nicht möglich war. Als die beiden 1891 nach Frankfurt zogen, eröffnete Winterhalter als erste Chirurgin in Deutschland eine gynäkologische Praxis. Die beiden müssen ein charismatischen Paar gewesen sein und waren stets willkommen in der Frankfurter Gesellschaft. 1909 zogen sie in den Taunus, wo sie bis zu ihrem Lebensende wohnten. Winterhalter überlebte Roederstein um 15 Jahren und starb 1952. Bestattet wurden die Freundinnen in einem gemeinsamen Ehrengrab in Hofheim.
Frei. Schaffend. Bis 16. Oktober, Städel Frankfurt, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr