Der Ausbau der Solarenergie hat mit zum hohen Anteil der Erneuerbaren Energien an der gesamten Energieerzeugung geführt. Foto: Axel Heimken/dpa

Beim Ausbau der Erneuerbaren Energien ist Deutschland inzwischen weite gekommen. Doch der Blick auf die Zukunft der Stromversorgung zeigt, dass viele Probleme lange verdrängt wurden.

Energiewende ist für manche zum Reizwort, für andere zum Kampfbegriff der Klimabewegung geworden. Tatsächlich taucht das Wort schon seit Jahrzehnten in politischen Diskussionen auf. Das Freiburger Öko-Institut skizzierte 1980 in einer Studie mit dem Titel „Energie-Wende: Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“ den Weg weg von Atomkraft und fossilen Energien. Eine damals fast schon revolutionäre Idee.

 

Ausbau der Erneuerbaren Energien schreitet voran

45 Jahre später ist Deutschland schon einen gewaltigen Schritt weiter. Der Atomausstieg ist vollzogen, der Ausbau der Erneuerbaren Energien vor allem bei der Stromerzeugung schreitet voran. Im zweiten Quartal 2025 wurde mit mehr als zwei Drittel des in Deutschland erzeugten Stroms laut Bundesnetzagentur der höchste Wert produziert, der je für ein Quartal erfasst wurde. Das lag nicht nur am guten Wetter im Sommer. Auch im Gesamtjahr 2024 lag der Anteil der Erneuerbaren schon bei knapp 60 Prozent. „Bei der Kohleverstromung haben wir den niedrigsten Stand seit 50 Jahren“, sagt Umweltökonom Andreas Löschel, der Mitglied im Direktorium der Initiative Energiesysteme der Zukunft ist. Von allen Sektoren sei der Energiesektor der, der am raschesten CO2-frei werde.

Versorgungssicherheit hat sich verbessert

Entgegen aller Unkenrufe hat die Versorgungssicherheit unter dem Anstieg der Erneuerbaren Energien nicht gelitten. „Seit 2006 konnte die Dauer der Versorgungsunterbrechungen fast halbiert werden“, schreibt die Wirtschaftsberatung Ernst & Young in ihrem Fortschrittsmonitor Energiewende für das Jahr 2024. Deutschland habe bei den Versorgungsunterbrechungen im Stromsektor einen Spitzenwert im europäischen Vergleich.

Doch im internationalen Vergleich – beispielsweise im „Energy Transition Index“ des World Economic Forums, der den Umbau der Energieversorgung weltweit vergleicht – rangierte Deutschland zuletzt unter Platz neun. Sind andere Länder deutlich schneller als Deutschland? Löschel winkt ab: Es gebe nicht den einen Masterplan zur Energiewende. „Jedes Land macht das etwas anders, nach seinen ökonomischen Möglichkeiten, technischen Verfügbarkeiten und der sozialen Akzeptanz für Technologien“, sagt er. „Wir haben einen Plan, der stark auf die Elektrifizierungsschiene setzt. Das ist nicht per se schlecht, geht aber langsamer als gedacht.“

Nach Einschätzung des Umweltökonomen steht Deutschland da gar nicht so schlecht da, wie oft zu hören ist. Löschel sagt aber auch: „Deutschland hat ja als Industrienation mit hohem Anteil energieintensiver Industrie und den Nachteilen bei den Energiekosten auch eine besonders schwere Aufgabe vor sich.“

Denn die Investitionen, die wegen des Ausbaus der Erneuerbaren Energien bis 2045 notwendig werden, gehen in die Billionen. Die Steuerung der Netze, wenn zu viel Strom produziert wird, kostet Geld, ebenso Speichertechnologie und der Bau von Kraftwerken, die für eine Grundlast sorgen. Bürokratische Hürden verursachen zusätzliche Kosten.

Überfordert sich Deutschland mit der Energiewende?

Gleichzeitig liegt Deutschland mit einem Industriestrompreis von knapp unter 20 Cent je Kilowattstunde und einem durchschnittlichen Preis von rund 40 Cent für die Privathaushalte (2024) weit über dem europäischen Durchschnitt.

„Deutschland ist ein Hochpreisland für Energie“, sagt Umweltökonom Löschel. „Das war es schon immer.“ Bisher sei die Wirtschaft dem mit Innovationen, die Politik dem Subventionen – etwa durch Ausnahmen bei der EEG-Umlage – begegnet. Es sei fraglich, ob das langfristig so bleiben könne. Denn dass sich an den Kosten etwas ändert, glaubt Ferdinand Pavel, Leiter des Bereich Volkswirtschaftliche Beratung bei Ernst & Young, nicht: „Ein richtig günstiges Energieland wird Deutschland nie sein.“ Deswegen müsse man nicht resignieren. „Aber man muss ums so mehr auf jeden Cent schauen.“

Bundeswirtschaftsministerin will Netzausbau bedarfsgerecht steuern

Genau das skizzierte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) jüngst mit ihrem Energiewende-Monitoring. Darin enthalten sind Pläne, wie sie die Gesamtkosten für die Energiewende reduzieren will, in dem zum Beispiel der Netzausbau bedarfsgerecht gesteuert wird. Mehrere Studien gehen inzwischen davon aus, dass der Energiebedarf in Deutschland weniger stark steigt als bislang angenommen. Im jüngst veröffentlichten Energiewende-Monitoring des Bundeswirtschaftsministeriums sprechen die Institute von 600 bis 700 Terrawattstunden im Jahr 2030.

Neue Mechanismen zur Finanzierung von Investitionen

Um die notwendigen Investitionen zu stemmen, müsste ein Kapazitätsmechanismus entwickelt werden, sagt E&Y-Ökonom Pavel. Darunter versteht man einen Preismechanismus, bei dem die Anbieter schon für das Zur-Verfügung-Stellen von Leistung – also den Bau von Kraftwerken und Netzen – bezahlt werden. Was seiner Ansicht nach zudem fehlt, sind dynamische Preise. Die Idee, dass Strom auch für die Verbraucher günstiger sein sollte, wenn viel produziert wird, gibt es schon lange. Doch die notwendige Digitalisierung der Netze hinkt weit hinterher. „Da ist überall viel passiert, nur in Deutschland nicht“, sagt Pavel. Nach seiner Einschätzung braucht es in der komplexen Energiebranche schnell Entscheidungen, damit wichtige Weichenstellungen vorgenommen und große Investitionsentscheidungen getroffen werden.

„Die Gaskraftwerke, die zur Versorgungssicherheit dienen, müssen dringend ausgeschrieben werden“, sagt er. Das wiederum habe Auswirkungen auf die Wasserstoffstrategie, denn bislang gehen die Versorger davon aus, dass die Kraftwerke zur Stromerzeugung irgendwann mit Hilfe von Wasserstoff betrieben werden. „Hier braucht es einen klaren Plan, wie viel importiert werden soll“, sagt Pavel. Denn international würden jetzt die ersten Verträge geschlossen.