Jochen Heinze war 40 Jahre lang Busfahrer – erst 39 Jahre in Chemnitz, dann ein Jahr in Calw. Mit unserer Redaktion spricht er über seine Lebensgeschichte und darüber, wie sich die Arbeit im ÖPNV gewandelt hat.
Jochen Heinze ist ein schlanker, großgewachsener Mann mit einem Dreitagebart. Seine 63 Lebensjahre sieht man ihm nicht an, er erzählt gerne und lebhaft – und seine Sprache verrät dabei seine sächsische Herkunft. Von Beruf ist Heinze Busfahrer. Soweit – so normal, könnte man sagen.
Ganz und gar nicht normal ist allerdings der Lebensweg des Mannes: 39 Jahre lang war er Busfahrer in Chemnitz, seit einem knappen Jahr fährt er für die Firma Volz Reisen in Calw. Und beinahe beiläufig fügt Heinze hinzu: „Und heute ist mein letzter Arbeitstag.“
39 Jahre in Chemnitz – und dann in die schwäbische Provinz? Und dann, nach nicht einmal mal neun Monaten Busfahren in und um Calw, jetzt in die Rente? Was steckt dahinter, will man wissen?
Aber der Reihe nach: Ja, schon als Kind sei er gerne Bus gefahren, erzählt Heinze. „Mich hat das immer schon interessiert.“ Den entsprechenden Führerschein habe er während seiner Militärzeit gemacht – das war noch zu Zeiten der DDR.
Straffe Pläne
Jetzt sitzt Heinze im Pausenraum der Firma Volz Reisen. Es ist kurz nach 14 Uhr. Aus einer Tupperware packt er ein Butterbrot und ein Saitenwürstchen aus. Ja, in den vergangenen 40 Jahren hat sich viel in seinem Metier verändert. „Als ich angefangen habe, gab es noch Schaltgetriebe.“ Wenn man damals am Ende seiner Buslinie angekommen war und alle Fahrgäste ausgestiegen seien, gab es eine Pause. „Es gab Kaffee und einen kleinen Imbiss – heute gibt es einen Kaffeeautomaten.“ „Die Fahrpläne sind straffer geworden“, fasst der Rentner Heinze die Entwicklung zusammen. Seit 5.45 Uhr, so Heinze, sei er im Dienst: „Dienstschluss ist um 18.35.“ Zwischendurch gibt es längere Pausen. Dennoch: Ein langer Tag. In Chemnitz waren die Dienstpläne anders: „Man fing um fünf Uhr morgens an, doch mittags war dann Schluss.“
Auch die Fahrgäste hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert – und das nicht zum Besseren. „Früher waren die Leute irgendwie viel ruhiger, heute brausen sie viel schneller auf.“ Die Leute seien immer gehetzt. Doch Heinze lässt sich durch renitente und aggressive Passagiere nicht aus der Ruhe bringen. Sein Motto: „Wenn jemand wilde Sau spielt, am besten einfach stehen lassen – alles andere bringt nichts.“ Eine Erklärung für das veränderte Verhalten der Fahrgäste hat der Mann aus Chemnitz auch parat. Die fasst er kurz und knapp auf Sächsisch zusammen: „Keene Zeit“.
Familiäre Gründe
Und warum dann nach 39 Jahren als Busfahrer ausgerechnet nach Calw, will man wissen? Nein, das geringere Verkehrsaufkommen in der schwäbischen Provinz sei nicht der ausschlaggebende Grund gewesen, meint Heinze. „Familiäre Gründe“, erklärt der Mann aus Chemnitz. Seine Tochter habe einen Bundeswehrsoldaten geheiratet, der sei zum Kommando Spezialkräfte KSK nach Calw versetzt worden, da sei die Tochter mitgegangen.
Die Tochter habe ihn und seine Frau dann gefragt, „ob wir uns denken können“, auch hier nach Calw zu kommen. „Wir haben dann unser Haus in Chemnitz verkauft und hier noch mal neu angefangen.“ Wie Heinze das sagt, klingt es so, als sei es eine schnelle und einfache Entscheidung gewesen. „Wir haben es nicht bereut“, sagt er. Ein neues Haus habe man auch schon gebaut, in Würzbach bei Oberreichenbach. „Die Tochter wohnt gleich nebenan.“
Und warum er jetzt schon in Rente gehe, will man weiter erfahren? Bei den Diensten könne man privat immer weniger unternehmen, erklärt Heinze. Dabei sei rund um das Haus immer noch viel zu tun, „es fehlt noch der Zaun drumrum“, er finde aber während einer Arbeitswoche einfach keine Zeit, diese Arbeiten zu erledigen. „So konnte es nicht weitergehen, ich musste etwas verändern.“ Außerdem werde er auch in der Rente noch etwas weiterarbeiten: „Einen Dienst pro Woche, damit kann ich leben.“ Denn auch nach 40 Jahren mache ihm das Busfahren noch Freude.