Kamila Novak, die Wirtschaftsfrachfrau sieht Burladingens Finanzen in anderem Licht. Foto: privat

Burladingen - Leere Kassen, Lockdown, stotternde Wirtschaftsbetriebe. Das hat auch in Burladingen Auswirkungen auf den Stadtsäckel. Bereits bei der Haushaltsdebatte gab es aber eine Stimme, die zu Mut für die Zukunft aufrief. Wir sprachen mit der Wirtschaftsrechtlerin, Finanzbeamtin und Gemeinderätin Kamila Novak.

Frau Novak, bei der Haushaltsdebatte im Gemeinderat waren Sie samt Ihren Fraktionskollegen die einzigen, die die Haushaltslage und die Schuldenaufnahme nicht mit Entsetzen kommentierten. Ist das ihrer jugendlichen Unbekümmertheit zuzuschreiben, oder hat es eher etwas damit zu tun, dass Sie als Finanzbeamtin und studierte Wirtschaftsrechtlerin das dicke Haushaltsbuch vielleicht anders lesen als mancher Ratskollege?

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ich den Haushalt anders lese als andere. Ich habe wahrscheinlich für manches ein besseres Verständnis, weil ich damit tagtäglich arbeite und in die Bilanzen von Unternehmen reinschaue. Natürlich ist dieser Haushalt 2021 kein schöner. Er ist Ausläufer einer Krisensituation und des "lange vor sich her geschobenen Investitionsstaus", den ja auch andere Gemeinderats-Kollegen monierten. Trotzdem würde ich nicht alles so schwarz sehen, sondern mutig in die Zukunft blicken, denn auch schwierige Zeiten bieten viel Potenzial für die Zukunft.

Sie sagten ja auch, dass die Vernachlässigung der Infrastruktur in einer Kommune am Ende vielleicht teurer werden könnte, warnten davor, dass es noch mehr Investitionsrückstau gibt. Wo sehen Sie den in Burladingen konkret?

Für mich ist dieser Investitionsstau dann ein großes Problem, wenn man wichtige Aufwendungen sehr lange vor sich herschiebt. Straßen, Gebäude, Schuldächer etwa werden dann durch die Zeit immer maroder, und man muss mehr Geld reinstecken, als es anfangs nötig gewesen wäre. Das sehe ich besonders bei den Schulen. Unsere Schulen müssen nicht nur an das schnelle Internet angeschlossen werden, sondern auch eine moderne und zeitgemäße Ausstattung für den Unterricht zur Verfügung haben. Damit sind nicht nur Laptops oder Tablets gemeint, sondern auch die entsprechenden Fachräume.

Im Schulzentrum regnete es sogar durchs Dach, nicht wahr?

Es muss doch gewährleistet sein, dass das Dach der Schulen jedem Regen standhält. Hier geht es auch um die Sicherheit. Trotzdem möchte ich lobend hervorheben, dass die Stadtverwaltung bei der erneuten Schulschließung vorbildlich reagiert hat. Die Hardware, die eigentlich für den Gemeinderat gedacht war, wurde ohne Umwege an die Schule weitergegeben. So wurde für einige Familien ein Homeschooling überhaupt erst möglich gemacht.

Ihr Argument fürs Investieren waren die nach wie vor niedrigen Zinsen. Warum?

Aktuell versucht jeder zu investieren und sich bestimmte Wünsche wie Eigenheim, Auto oder anderes zu erfüllen. Die Banken locken zudem mit günstigen Krediten. Warum sollte also eine Kommune nicht aufspringen und von dieser Phase profitieren? Das ist für mich nur logisch, denn hohe Zinsen belasten den Haushalt nachhaltig. Niedrige Zinsen schlagen natürlich im Haushalt auch zu Buche, aber sie tun nicht so weh. Und man weiß nicht, wie lang die Niedrigzinsphase noch anhält. Nicht, dass man sich später ärgert, weil man doch lieber investiert hätte.

Die Vorgänger-Haushalte setzten aber genau andere Prioritäten – oder nicht?

Die früheren Haushalte Burladingens waren sehr auf Schuldenabbau konzentriert, und das kommt uns jetzt meines Erachtens bei der Schuldenaufnahme zugute. Ein potenzieller Kreditgeber sieht, dass diese Kommune ein verlässlicher Partner ist und gut wirtschaften kann. Eine Wirtschaft funktioniert für mich antizyklisch: In guten Zeiten bilden wir Rücklagen für schlechte Zeiten, und in schlechten Zeiten investieren wir in die Zukunft.

Da gibt es aber auch andere Stimmen, oder?

Ja, manche rufen immer wieder nach Steuersenkungen. Dieser Wunsch ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, denn dann brechen uns wirklich die Einnahmen weg, und es müssen entweder mehr Kredite aufgenommen werden, oder man bekommt keinen Kredit, weil das entsprechende Eigenkapital fehlt. Da stellt sich für mich die Frage, wie man mit geringeren Steuern kommunale Aufgaben bewältigen soll. Dann müssten meiner Meinung nach die Gebühren für Kita, Friedhof und Wasser doch deutlich steigen. Mein Ansatz wäre eher, dass eine Kommune nicht nur auf ein paar wenige Einnahmequellen angewiesen sein soll, sondern sich mutig nach neuen Einnahmequellen umsieht oder als Wirtschaftsstandort mehr Gewerbesteuer generiert.

Frau Novak, Sie haben die Burladinger dazu aufgerufen, sich neue Einnahmequellen zu erschließen und einen Tierfriedhof, wie in Mössingen, als Beispiel angeführt. Dachten Sie eher an eine Privatinitiative oder an eine ureigene Einnahmequelle für die Stadt?

Das kommt drauf an. Man müsste beide Modelle vergleichen. Der Tierfriedhof in Mössingen ist eine Privatinitiative. Es gibt aber Gemeinden in Deutschland, die einen städtischen betreiben. Zu bedenken ist, dass es eigentlich keine kommunale Aufgabe ist. Der Trend in der Gesellschaft geht aber deutlich dahin, dass die eigenen Haustiere als Familienmitglied gesehen werden und der Wunsch da ist, ihnen eine würdige Ruhestätte zu bieten. Man könnte so eine Anlage auch mit einer Hundespielwiese verbinden, mit Bänken und einem kleinen Park. Dann wäre es auch ein schöner Begegnungsort. Wenn das in privater Hand betrieben wird, kann es Gewerbesteuereinnahmen einbringen. Die Hundespielwiese kann ja, wie in anderen Städten üblich, mit einem Jahresticket besucht werden, welches man sich im Vorfeld kauft. Man muss auch über den Tellerrand hinaus sehen und sich auch an neuen Dingen versuchen, um Einnahmen zu generieren.

Sie führten auch den Tourismus als Einnahmequelle an. Was könnten Sie sich denn da vorstellen?

Was ich ein sehr spannendes Modell fände, wäre ein städtischer Wohnmobilstellplatz, vielleicht noch mit einem Bike-Sharing-Angebot. Wichtig wäre dabei auch der Ausbau der hiesigen Gaststätten für den Fremdenverkehr, auch geführte Touren durch die wunderschöne Landschaft mit den vielen Burgruinen sind denkbar. Für Familien könnte man eine Burgenwoche mit einer Schnitzeljagd oder Ritterspielen anbieten. Ich bin auch eine Verfechterin des sogenannten "Sanften Tourismus". Das heißt, auch beim Reisen so wenig wie möglich auf die Natur einzuwirken oder ihr zu schaden, sondern die Natur möglichst nah, intensiv und ursprünglich erleben. Dabei gilt es auch, sich der Kultur der bereisten Gegend möglichst anzupassen. Nur dann gelingt in gutes Miteinander von Landwirten, Jägern, den Burladingern und ihren Touristen. Aber: Hier liegt ein großes Potenzial. Wir grenzen doch mit unseren Teilorten auf der Oberen Alb an ein bereits existierendes Biosphärengebiet.

Wäre die Ausweitung des Biosphärengebiet Schwäbische Alb auf unsere Stadt für Burladingen denn ein Vorteil?

Finde ich definitiv. Es bietet sehr viel Raum, sich mit anderen Gemeinden zu vernetzen und eine bestehende Infrastruktur mit einzubinden. Dieser Begriff ist überregional bekannt und zieht viele Menschen an. Auch könnte man so den schützenswerten Naturraum konsequenter bewahren.

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