Digital Natives und Weltenbummler – viele der heute unter 40-Jährigen sind in Sorglosigkeit und Wohlstand groß geworden. Foto: Adobe Stock/DisobeyArt

Mit Annalena Baerbock könnte erstmals eine in den 80er Jahren geborene Frau Kanzlerin werden. Ihre Generation eint die Hoffnung auf einen großen politischen Wandel. Wie wollen die Millennials das Land verändern?

Stuttgart - In dem Jahr, als Annalena Baerbock in Hannover Abitur schreibt, ist Gerhard Schröder Bundeskanzler, und die CDU gewinnt mit absoluter Mehrheit die Landtagswahlen in Sachsen und im Saarland. Im Sommer schauen die Deutschen mit eckigen Pappbrillen zur Sonnenfinsternis am Himmel, und im Radio läuft der Nummer-eins-Hit „Baby, one more Time“ von Britney Spears. Joschka Fischer nannte Annalena Baerbock kürzlich „eine, die aus dem Nichts kam“. Wenn man nachsieht, wo die grüne Kanzlerkandidatin jenseits ihrer politischen Karriere hergekommen ist, blickt man auf genau die Zeit, die in diesem Jahr – 1999 nämlich – ganz gut kondensiert ist. Obwohl weltweit Konflikte schwelen, wachsen viele Jugendliche in Deutschland in Sorglosigkeit heran.

 

Sie heißen Annalena oder Julia, Katrin, Michael oder Sebastian, auch Nesrin oder Emrah. Manche lesen, wie Annalena Baerbock, bei den Eltern am Esstisch das Amnesty- oder Greenpeace-Magazin, gehen zum Highschool-Jahr in die USA, sind besorgt über die Balkan-Kriege oder die Atomkraft, und in der Schule halten sie Referate und bereiten sich damit ganz gut auf eine Zukunft vor, in der Selbstdarstellung zum Geschäft gehört – auch im schnell wachsenden Internet.

Die Generation Annalena ist anders aufgewachsen als alle vor ihnen

Hans Rusinek, 1989 geboren, untersucht als Transformationsforscher an der Universität St. Gallen den Wandel der Arbeitswelt. Er sieht seine Altersgenossen als Profiteure einer, wie Soziologen sagen, Bildungsexpansion seit den 80ern. Die Annalenas und Sebastians hatten Eltern und Lehrer, die ihnen mit Offenheit begegnet sind, die sie gefördert haben in einer Zeit des Wohlstands. Deshalb seien diese mit einer neuen Erwartungshaltung an die Arbeitswelt herangetreten, sagt Rusinek, und hätten sie mit ihren Forderungen zur Sinnhaftigkeitstark verändert.

Jetzt greift diese Generation mit Annalena Baerbock politisch nach der Macht. In anderen Ländern wie Österreich, Finnland, Neuseeland haben bereits die Jüngeren übernommen – wie werden sie Deutschland verändern? Was wollen sie?

„Viele von ihnen wollen sehr, sehr besonders sein und die Welt retten“, sagt ein Transformationsforscher

Was viele von ihnen eint, ist die Hoffnung auf einen politischen Wandel. Mariella Gronenthal, Mitglied der Grünen im nordrhein-westfälischen Bielefeld, hat den Livestream ihrer Partei zur Kanzlerkandidatur verfolgt. Dabei seien ihr die Tränen gekommen, erzählt die 36-jährige Mutter einer zweijährigen Tochter: „Im Jahr meiner Geburt wäre es noch undenkbar gewesen, dass eine 40-jährige Mutter zweier kleiner Kinder Kanzlerin werden könnte.“ Sie habe an ihre eigene Tochter gedacht und daran, „was das bedeutet für diese Welt, in der sie aufwächst“.

Wenn Gronenthal nach Berlin schaut, wo sie selbst bis vor einiger Zeit gelebt hat, fühlt sie sich wohl bei dem Gedanken, dass eine wie Annalena Baerbock künftig das Land regieren könnte. Die kenne schließlich die Lebensrealität berufstätiger Mütter.

Mariella Gronenthal ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und stellvertretende Leiterin einer Volkshochschule. Sie ist in Hamburg aufgewachsen, spricht fünf Sprachen, hat früher oft allein den Balkan bereist und kürzlich mit ihrem Mann bei Bielefeld ein Haus gekauft. Gronenthal glaubt, Jüngere forderten einen ganz neuen Politikstil. Es gehe schon lange „zu wenig um Inhalte“, zu viel um „Machtspiele und Personalpolitik“. Dafür interessierten sich die Jüngeren nicht, die wollten vielmehr „Klartext reden“: übers Klima, über Gleichberechtigung, über generationengerechte Renten- und Familienpolitik.

Und dafür können vielen von ihnen die Worte nicht groß genug sein. Transformationsforscher Hans Rusinek glaubt, Annalena Baerbock stehe beispielhaft für viele Jüngere über alle Gesellschaftsschichten hinweg. Arbeitsmarktforscher bezeichnen diese als Sinnsucher. „Viele von ihnen wollen sehr, sehr besonders sein und die Welt retten“, sagt Hans Rusinek. Dieser Anspruch könnte es auch sein, der den in den 80ern Geborenen einen Zugang zu den nachfolgenden Generationen erschließt. Soziologen glauben, dass sie inhaltlich mehr verbindet mit den folgenden Jahrgängen als mit den Babyboomern und anderen Generationen zuvor. Von den Boomern, wie die älteren Jahrgänge genannt werden, und deren Art, Politik zu machen, habe man genug.

Die Jungen wollen die Alten ablösen, das ist doch normal, oder?

Ist aber nicht genau das der gewöhnlichste Lauf der Dinge, der sich in jeder Generation wiederholt: Die Jungen wollen die Alten ablösen, alles radikal anders machen? „Wer schreibt für uns eine neue Harmonielehre? Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wer macht für uns ein lilanes Geschrei? Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns Geduld. Wir brauchen die, die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv“, schrieb Wolfgang Borchert 1949, als nach dem Krieg alles neu gedacht werden wollte, sogar die Sprache.

Heute aber gibt es keine scharfe Grenze zwischen jenen, für die eine zutiefst moralische Auseinandersetzung mit dem Klimaschutz ebenso selbstverständlich ist wie etwa der Gebrauch des Gendersternchens, und jenen, denen die Dringlichkeit dieser Anliegen nicht aufgeht. Der Eindruck täuscht, dass die Jahrgänge vor den heute 40-Jährigen nicht für die Ziele der Jüngeren zu gewinnen wären.

Das weiß auch einer, der schon lange als eine Art politischer Berufsjugendlicher auftritt. Der Demokratieforscher Wolfgang Gründinger, Jahrgang 1984, setzt sich seit seiner Teenagerzeit für Generationengerechtigkeit und eine Senkung des Wahlalters ein. Vor fünf Jahren hat er mit einem Buch namens „Alte-Säcke-Politik“ provoziert. Gründinger glaubt, spätestens jetzt erlebe man eine Aufbruchstimmung im Land, ähnlich wie nach Kohl: „Die Leute haben die Alte-Säcke-Politik satt.“ Und das betreffe längst nicht mehr nur die Jüngeren, die hätten den Wandel nur angestoßen, die Fridays-for-Future-Demonstranten etwa. Politisiert durch den Klimawandel und Greta Thunberg, den Brexit, die Trump-Wahl und das Großwerden der AfD, sei es ihnen gelungen, die Gesellschaft über Altersgrenzen hinweg für Zukunftsthemen zu mobilisieren: „Die haben ihre Eltern und Großeltern mitgezogen.“ Schwer zu überzeugen können die nicht gewesen sein, denn sie haben ja selbst einst ähnlich apokalyptisch auf die Probleme ihrer Zeit geschaut: den Kalten Krieg, das Waldsterben, die Atomkraft.

Die Jungen sind demografisch betrachtet in der Minderheit

Ohne die Älteren wird es auch nicht gehen, das offenbart der Blick auf die Demografie. Bei der Bundestagswahl im September sind 60,4 Millionen Deutsche wahlberechtigt – eine etwas geringere Zahl als 2017 mit 60,7 Millionen. Grund für den Rückgang ist die demografische Entwicklung. Seit 2017 sind mehr Deutsche gestorben als volljährig wurden. 2021 werden weniger Personen unter 30 Jahren wahlberechtigt sein, jedoch mehr zwischen 60 und 69 Jahren, so die Prognosen des Bundeswahlleiters. 18- bis 20-Jährige werden 3,4 Prozent der Wahlberechtigten ausmachen, 21- bis 29-Jährige elf Prozent und 30- bis 39-Jährige 14,3 Prozent.

Die Jungen sind in der Minderheit. Und doch sind sie es, die die Folgen der heutigen Politik zu spüren bekommen werden – nicht zuletzt deshalb hat das Bundesverfassungsgericht jüngst entschieden, dass die Bundesregierung das Klimaschutzgesetz nachbessern muss, um die Freiheitsrechte der jüngeren Jahrgänge besser zu schützen. Eine laut Experten historische Entscheidung. Die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer sagte im „ARD-Nachtmagazin“, die Regierungsparteien hätten „ihren Job nicht gemacht“ und „versagt, uns zu schützen“.

Levin Eisenmann, ein 24-jähriger Student, der für die CDU kürzlich bei der Landtagswahl in Konstanz angetreten war, glaubt, wenn die Pandemie überstanden sei, müsse es daher vor allem darum gehen, wieder zu einer generationengerechten Wirtschaftspolitikzu kommen. „Die Jüngeren haben sich zurückgenommen, um die Älteren zu schützen“, sagt Eisenmann. Eine „Politik der Zukunft“, wie er es nennt, müsse pragmatisch darauf ausgerichtet sein, den Jungen trotz Coronaschulden und Klimakrise die gleichen Chancen und Handlungsspielräume wie ihren Eltern und Großeltern einst zu ermöglichen.

„Hätten wir rechtzeitig angefangen, wären wir vielleicht heute schon fertig“

Pragmatisch sein, Klartext reden, wieder auf Inhalte fokussieren, das sind die Formulierungen, auf die sich fast alle Jüngeren jenseits ihrer politischen Orientierung einigen können. So auch, wenn drei Botschafterinnen und Botschafter der Stuttgarter „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“ diskutieren. Dann fallen oft Sätze, die klingen fast wie für das politische Rednerpult ausformuliert. Christina Wunder, Jahrgang 1989, die als Pressesprecherin in Brüssel arbeitet, sagt: „Wir brauchen eine Politik, die in der Lage ist, langfristiger als in Legislaturperioden zu denken.“ Carl-Georg Christoph Luft, Jahrgang 1989, findet, „neben der Nachhaltigkeit in der Klimapolitik betrifft das auch die Tragfähigkeit in der Rentenpolitik“. Luft arbeitet in der Politikberatung eines Wirtschaftsforschungsinstituts in Frankfurt, ist Mitglied der FDP und in seiner Partei in mehreren Arbeitsgruppen zu Innovation und Rentenpolitik engagiert. Besonders wenig Verständnis hätten die Jüngeren, dass viele Probleme „nicht erst seit gestern bekannt“ und trotzdem nicht gelöst seien, sagt Christina Wunder: „Wenn ich Filme und Dokus aus den 60ern anschaue, überrascht es mich immer wieder, wie brandaktuell die Forderungen sind und dass die geforderten Veränderungen bisher immer noch nicht umgesetzt wurden. Hätten wir rechtzeitig angefangen, wären wir vielleicht heute schon fertig.“

2021, das Jahr in dem die Grüne Annalena Baerbock Kanzlerin werden könnte, hat sich nämlich so ganz anders angelassen als damals 1999. Mitten in der dritten Welle einer folgenschweren Pandemie ist Großbritannien aus der Europäischen Union ausgetreten, in den USA haben Anhänger von Donald Trump das Kapitol gestürmt, und Wissenschaftler konnten feststellen, dass sich der globale Eisverlust mit einer Rekordrate beschleunigt, die den Worst-Case-Szenarien des Weltklimarats entspricht. Der Nummer-eins-Hit der Musik-Charts war in der ersten Woche des neuen Jahres ein Song des Rappers Apache 207, er trägt den Titel „Angst“. Ob Annalena Baerbock als mögliche Kanzlerin den Herausforderungen der Zeit mit einer so radikalen Politik wird begegnen können, wie es jüngere Menschen jetzt von ihr erwarten, das bezweifeln viele.

Vernetzung, Digitalisierung, experimentieren – können die Jungen das besser?

Trotz seines Alters ist Marian Schreier jemand, der schon länger selbst Verantwortung trägt. Der 31-jährige Bürgermeister von Tengen im Schwarzwald blickt sogar auf etwas zurück, was Annalena Baerbock noch vor sich hat: einen Wahlkampf als junger Herausforderer eines älteren Traditionalisten. Für Schreier, den SPD-Politiker, der vergangenes Jahr in Stuttgart Oberbürgermeister werden wollte, war dieses Duell nicht erfolgreich. Ist die Zeit also doch noch nicht reif für den großen Aufbruch?

Sein vergleichsweise gutes Wahlergebnis interpretiert Schreier anders. Es habe gezeigt, dass trotz Krisenstimmung viele Menschen einen Wandel wollten. „Wie man heute Politik organisiert und gestaltet, das kommt aus einer anderen Zeit, das funktioniert nicht mehr“, glaubt Schreier. Er spricht von Vernetzung, Beteiligung, Digitalisierung. Darin seien „die Jüngeren besser“. Es brauche mehr Experimentierfreude, und das brächten nun einmal häufig jüngere Menschen mit. Ob sich das einem Großteil der Wähler vermitteln lässt, wird sich zeigen. Baerbock, meint Schreier, sei bisher inhaltlich sehr vage geblieben. Wie sie sich am Ende festlege, darauf schauten gerade die Jungen in den kommenden Monaten genau.