Der schiefe Turm von Pisa – wer kennt ihn nicht? So ein Alleinstellungsmerkmal kann für eine Stadt Gold wert sein. Das scheint man auch in Nagold erkannt zu haben. Vermutet zumindest unser Autor in dieser Glosse.
Nagold - Unzählige Touristen strömen seit Jahrzehnten nach Pisa – und das nur, um ein Bauwerk zu sehen, bei dem im wahrsten Sinn des Wortes etwas schief gegangen ist.
Nun, Bauwerke, bei denen etwas schief geht – die hat ja eigentlich jede Stadt im Portfolio: Berlin hat seinen neuen Flughafen, und Stuttgart werkelt weiter an S21 herum, als könne man in "The Länd" eben doch nicht alles außer hochdeutsch. Und wie sieht das in Nagold aus? So richtig krass schiefgelaufen ist hier eigentlich schon lange nichts mehr. Nun gut, da sind die zu eng geratenen Zu- und Ausfahrten in Nagolds neuer Luxus-Tiefgarage am OHG. Und auch bei der Sanierung der Traube-Tiefgarage geht nun wieder was schief: Die Fertigstellung verzögert sich – ein zweites Mal. Doch wie gelingt es, aus solchen Baupannen Kapital zu schlagen? Wie kann man aus misslicher Planungs- und Handwerkskunst eine Touristenattraktion schaffen? Eine Weltsensation gar – wie die Pisaner mit ihrem schiefen Turm?
Das Problem ist erkannt
In Nagold hat man dieses Phänomen erkannt, dann analysiert und nun sogar durchschaut! Des Rätsels Lösung: Es geht ganz offensichtlich um eine tatsächliche Schiefheit. Nur was auch optisch wahrhaftig schief ist, zieht die Menschen geradewegs in den Bann. Diese epochale Erkenntnis schreit geradezu nach einem Modellversuch!
Was also tun? Den Alten Turm in der Fußgängerzone abschrägen? Den Bergfried der Hohennagold ins Wanken bringen? Oder gar den Stadtkirchenturm untergraben, damit er Jahr um Jahr ein paar Zentimeter mehr in Schieflage gerät?
Touristische Glückseligkeit
Nein, Nein und nochmals Nein! Bescheiden wie der Nagolder nunmal ist, denkt er in kleineren Dimensionen. Und so steht er da, in all seiner Pracht, der "Schiefe Weihnachtsbaum von Nagold".
Das Konzept geht voll auf! Immer wieder sieht man ganze Familien zum schiefen Christbaum in Richtung Vorstadtplatz ziehen, um sich dann davor in schönster touristischer Glückseligkeit per Selfie abzulichten. Schon schräg, wie sich Touristen heutzutage in eine Stadt locken lassen. Und das weiß man ab sofort nicht mehr nur in Pisa.