Hat das Herz eines Boxers: Ardian Krasniqi Foto: Baumann

Das Vorbild von Ardian Krasniqi ist sein Onkel: Der frühere Schwergewichts-Champion Luan Krasniqi unterstützt die Karriere seines Neffen, dem er alles zutraut. Das passt zu den ehrgeizigen Zielen des 27-jährigen Rottweilers: Er will Weltmeister werden.

Glanz strahlt das ältere Backsteingebäude am Stadtrand von Rottweil, das an einem schmalen Weg direkt am Neckar liegt, nicht aus. Muss es aber auch nicht. Welcher Boxer ist schon im Luxus großgeworden? Im Erdgeschoss befindet sich ein spartanisch eingerichtetes Gym, ein Ring ist aufgebaut, Sandsäcke hängen von der Decke. Es riecht nach harter Arbeit. An den Wänden hängen Plakate, Poster und Fotos, auf fast allen ist ein Mann zu sehen: Luan Krasniqi. Er ist das Vorbild des Athleten, der sich hier schindet, um eine ähnlich große Karriere zu machen. Und der den selben Nachnamen trägt.

 

„Auch ich habe das Herz eines Boxers“, sagt Ardian Krasniqi (27), der Neffe des früheren Schwergewichts-Champions, „auch ich will Arenen füllen, die Menschen begeistern – und Weltmeister werden!“

Das haben schon viele Faustkämpfer über sich gesagt, bei den Wenigsten gingen die großen Hoffnungen in Erfüllung. Doch Ardian Krasniqi ist kein Träumer. Den Weg nach oben hat er gut geplant. Schritt für Schritt, intelligent, analytisch, realistisch. „Er ist“, sagt Luan Krasniqi, „ein guter Junge.“

Erst das Studium, dann die Profikarriere

Als kleiner Bub hat Ardian Krasniqi alle Kämpfe vom Bruder seines Vaters am TV-Bildschirm gesehen, es war die große Zeit des Boxens in Deutschland. Er entwickelte eine nicht zu bändigende Leidenschaft für den Sport, stieg mit 13 Jahren erstmals in den Ring, bestritt als Amateur 84 Duelle, von denen er nur vier verlor, stand im Nationalkader, wollte unbedingt Profi werden. Doch der Onkel legte sein Veto ein.

Er verlangte von Ardian Krasniqi, sich zunächst eine berufliche Grundlage zu schaffen. Also studierte der Abiturient an der Fachhochschule in Furtwangen, machte dort 2021 seinen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsinformatik. Und kann nun seine eigene Rechnung aufmachen. „Es gab viele Boxer, die um ihre Existenz kämpfen mussten. Das ist bei mir anders“, sagt Ardian Krasniqi, „ich könnte jederzeit einen Job antreten, die Türen stehen mir offen. Ich bin folglich frei im Kopf – wenn ich falle, kann ich mich selbst auffangen. Das macht es einfacher, an die Grenzen zu gehen und meinen Traum zu leben.“

Im Juni 2022 bestritt der Halbschwergewichtler (bis 79,3 Kilogramm) sein Debüt als Profi, alle neun Kämpfe gewann er vorzeitig. Immer beobachtet von seinem Onkel. „Der Name Krasniqi steht im Boxen für Glaubwürdigkeit, seriösen und ehrlichen Sport“, sagt Luan Krasniqi, „Ardian ist im Ring energisch, sehr schnell, ein echtes Talent. Er hat alle Voraussetzungen, um ganz weit zu kommen.“ Das sieht auch sein zweiter Mentor so. „Ardian ist nicht nur sehr clever, an- und bodenständig“, sagt Firat Arslan, der beste Freund von Luan Krasniqi und Ex-Weltmeister im Cruisergewicht, in dessen Boxschule in Göppingen der junge Athlet hin und wieder trainiert, „er verfügt über ein sehr großes boxerisches Potenzial. Ich traue ihm alles zu.“ Auch wenn der Weg noch weit ist.

Der Name öffnet Türen

In den Ranglisten der großen Verbände taucht Krasniqi noch nicht an vorderen Positionen auf, dafür hat er zu wenige Kämpfe absolviert. Und trotzdem steht er wegen seines Namens im Fokus. Er selbst empfindet das nicht als Bürde, im Gegenteil. „Die Euphorie, die Luan oder Firat damals entfacht haben, war Wahnsinn“, sagt er, „sie an meiner Seite zu haben, macht mich stolz und ehrgeizig, motiviert mich enorm.“ Und öffnet bei Veranstaltern, Sponsoren und Medien manche Türe. „Durchgehen“, sagt Luan Krasniqi, „muss er nun selbst.“

Entschlossen dazu ist Ardian Krasniqi auf jeden Fall. Er schuftet im Training mit großem Engagement und voller Akribie, arbeitet an Schlaghärte, Schnelligkeit und seiner Technik. „Disziplin und Fleiß zeichnen ihn aus“, sagt Klaus Müller, der Manager, „die Erwartungen sind aufgrund seines Namens enorm hoch. Bis jetzt erfüllt er sie voll.“ Und dennoch steht er erst am Anfang.

Bei seinen neun Auftritten absolvierte Krasniqi bislang erst 15 Runden, weshalb auf der Hand liegt, was dem Faustkämpfer noch fehlt: Erfahrung, Wettkampfhärte, Ausdauer. Die beiden Experten an seiner Seite raten ihm deshalb zu Gegnern, gegen die er über eine längere Distanz gehen muss. „Der nächste Entwicklungsschritt sollten Kämpfe über acht oder zehn Runden sein“, sagt Luan Krasniqi. Und Firat Arslan erklärt: „Er hat bisher viel zu schnell gewonnen. Daran darf er sich nicht gewöhnen – es wird bald andere Kämpfe geben.“

Nächster Kampf in Ludwigsburg

Vielleicht ja schon am 28. September in Ludwigsburg, dort geht es für Ardian Krasniqi erstmals um einen (untergeordneten) internationalen Titel im Verband WBO. Dieser Abend wird zur Standortbestimmung. Auch was das Interesse der Öffentlichkeit angeht.

In die MHP-Arena passen mehr als 4000 Zuschauer, der wichtigste albanische TV-Sender RTK wird live übertragen (beim letzten Kampf im April sahen 2,7 Millionen Leute zu). Eine volle Halle und eine noch bessere TV-Quote sind möglich, es würde in den Plan von Krasniqi passen, dem am Boden liegenden Boxsport in Deutschland neues Leben einzuhauchen. „Es fehlt derzeit an großen Persönlichkeiten und an Euphorie“, sagt er, „es gibt niemanden, der die Leute mitreißt und begeistert. Unter den deutschen Boxern habe ich die besten Chancen, dies zu schaffen.“ Und das nicht nur, weil er den passenden Nachnamen bereits trägt.