Das Haus Waldeck in Nagold steht leer – wie damals, in den 1960er-Jahren. Foto: Heiko Hofmann

Eine Pockenisolierstation in Nagold? Dagegen wehrt sich Nagolds Bürgermeister im Jahr 1967 vehement. „Wie ein Blitzschlag“ habe ihn diese Nachricht getroffen.

Das Haus Waldeck in Nagold soll noch in diesem Jahr abgerissen werden. 1963 steht das Haus schon einmal leer. Die Suche nach einer Nachnutzung gestaltet sich schwierig.

 

Als den damaligen Bürgermeister Eugen Breitling im Oktober des Jahres 1963 ein Dankesschreiben vom Leiter der Versorgungsheilstätte Waldeck erreicht, da hätte er wohl selbst nicht für möglich gehalten, wie endlos lange sich die Suche nach einem neuen Nutzer hinziehen wird. Denn eigentlich ist doch alles schon vorbesprochen.

In besagtem Schreiben dankt Oberregierungsmedizinalrat Dr. Lutz dem Nagolder Schultes für die gute Zusammenarbeit. Und er vermeldet Vollzug: Das Haus Waldeck ist geschlossen.

Die Patienten und das Personal zogen quasi um die Ecke, in die wiedereröffnete und frisch renovierte Versorgungsheilstätte Rötenbach. Mit deren Wiedereröffnung im Kernen hat das Waldeck als Versorgungsheilstätte ausgedient.

Ausbildungsstelle für vermessungstechnische Lehrlinge

Doch was soll nun mit dem Haus geschehen? Ein Blick in das Archivmaterial der Stadt Nagold lässt erahnen, wie schwierig es ist, eine Nachnutzung zu finden. Mehr als fünf Jahre soll das Waldeck letztlich leer stehen.

Bei der Schließung 1963 ist das noch nicht abzusehen. Am Anfang läuft nämlich alles noch ganz nach dem Geschmack der Nagolder Politik. Von Anfang an ist die Rede davon, dass das Gebäude der Flurbereinigungsverwaltung überlassen wird. Die will im Waldeck eine Ausbildungsstelle für vermessungstechnische Lehrlinge einrichten. Es gibt auch schon konkrete Pläne, wie die Räume genutzt werden könnten. Allein, es kommt ganz anders.

Das Gebäude verwahrlost und wird „ausgeschlachtet“

Nichts Gutes schwant wohl auch dem Nagolder Bürgermeister, der im Juni 1964 beklagt, dass das gesamte Gebäude nun ein halbes Jahr leer stehe. Dafür habe die Bevölkerung kein Verständnis. Doch es geht weiter nichts voran.

Über Jahre zieht sich der Schriftverkehr zwischen dem Bürgermeister, der damals auch Landtagsabgeordneter ist, dem Landwirtschaftsministerium und dem staatlichen Hochbauamt hin. Das Problem: Das Gebäude verwahrlost.

Mehrfach kommt es zu Einbrüchen. Unter anderem wird von einem Einbruch im Februar 1967 berichtet, bei dem „Treppenstufen, PVC-Belag, Linoleumbelag und eine Außentüre aus Holz im Gesamtwert von 400 DM“ gestohlen werden. Damals fordert der Calwer Landrat den Nagolder Schultes auf, sich zu verwenden, „dass schnellstmöglich diese Heilstätte einem vernünftigen öffentlichen Zweck zugeführt wird, um nicht weiter ausgeschlachtet zu werden“.

Wie wäre es mit einer Polizeischule?

Leichter gesagt als getan. Als sich die Pläne mit der Vermesserschule zerschlagen, geht Breitling sofort wieder in die Offensive. Ganz unterschiedliche Stellen fragt er an, ob sie das Waldeck nicht beziehen wollen. Dabei ist die Stadt gar nicht die Besitzerin. Das Haus gehört dem Land.

Unter anderem ist das Gebäude im Juni 1967 im Gespräch als Ersatzgebäude für das zu renovierende Aufbaugymnasium. Und wenige Monate danach versucht Breitling sein Glück bei der Landespolizeidirektion Südwürttemberg-Hohenzollern, der er den Bau anbietet für die „Ausbildungszwecke der Landespolizei“.

Doch im November kommt auch von dort die Absage: Die Polizei hat keinen Bedarf, auch nicht für die Unterbringung der Bereitschaftspolizei, die letztlich in Biberach konzentriert unterkommen soll. Auch die Einrichtung eines Altenheims bringt Nagolds Bürgermeister zeitweise ins Gespräch.

Eine Pockenisolierstation? Breitling kündigt Widerstand an

Dabei geht es dem Schultes und wohl auch dem Nagolder Gemeinderat auch darum, Herr des Verfahrens zu bleiben. Denn nicht von allen vorgeschlagenen Nutzungen ist man in Nagold begeistert.

Und von einer Idee am allerwenigsten: So hätte das Haus Waldeck auch zu einer Pockenisolierstation werden können, in anderen Schriftstücken ist von einer Quarantäne-Station für ansteckende Krankheiten die Rede. Im Nagolder Rathaus schrillen rund um dieses hartnäckige Gerücht sofort die Alarmglocken. Als sich dann auch noch Vertreter des Landkreises und des Regierungspräsidiums Anfang des Jahres 1967 im Waldeck zu einer Besichtigung und Besprechung treffen – ohne dazu den Nagolder Bürgermeister eingeladen zu haben – da protestiert Breitling scharf.

Das Haus Waldeck kurz nach seiner Renovierung, vermutlich im Jahr 1969 oder 1970. Foto: Stadtarchiv Nagold

Damals ist das Gebäude offiziell eigentlich noch immer als Vermessungsschule vorgesehen. Nur glaubt da längst keiner mehr dran. Dass nun hinter dem Rücken der Stadtoberen an eine Quarantänestation in Nagold gedacht wird, das hat Breitling „wie ein Blitzschlag getroffen“. Das schreibt er zumindest dem Landrat.

Unverantwortlich sei alleine schon die Überlegung, solch eine Anstalt am Rande einer 12 000-Einwohner-Stadt vorzusehen, beschwert sich der Bürgermeister. Breitling macht deutlich, dass er sich mit „allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ wehren müsse. „Größten Widerstand in der Bevölkerung“, kündigt er an. Bürgermeister und Gemeinderat seien verpflichtet, dieses Unheil abzuwenden.

„Genügend Besorgnis und Unruhe in unserer Stadt“

Kleine Randnotiz: Breitling verweist in dem Brief unter anderem darauf, dass schon die Bundeswehr „gegen den Willen des Gemeinderats“ in Nagold stationiert wurde. Das habe bereits „genügend Besorgnis und Unruhe in unsere Stadt getragen.“ Nicht zuletzt fürchtet das Stadtoberhaupt auch die Aberkennung als Luftkurort.

Altenheim, ABG-Ersatz, Quarantänestation, Ausbildungsstelle der Polizei, Vermesserschule – letztlich scheitern alle Idee und Vorhaben für das Haus Waldeck.

Bis Ende 1967 das Vorhaben einer „Tag- und Nachtklinik für Alterskranke und psychisch Rekonvaleszente“ bekannt wird. Die Vorbehalte dagegen sind in Nagold abermals groß. Doch 1969 wird eröffnet.

Haus Waldeck

Von der Kaltwasserheilanstalt zum Asylbewerberheim:
Seit mehr als 120 Jahren prägt das Haus Waldeck den östlichen Nagolder Stadteingang. Nun soll das Gebäude im schönen Kreuzertal abgebrochen werden. Damit verschwindet in Nagold ein Stück Stadtgeschichte. Mit Funden aus dem Stadtarchiv Nagold und alten Zeitungsberichten erinnern wir an bemerkenswerte Episoden aus der wechselvollen Geschichte dieses historischen Nagolder Bauwerks.