Wie Direktor Kai Hohenfeld mit dem Mythos seines Vorgängers umgeht, ist beispielhaft mutig, meint die Kolumnistin und betont: Die Auseinandersetzung war längst überfällig.
Als „Nestbeschmutzer“ haben sie ihn beschimpft. Selbst jene, die sich vor 1998, als das Buch von Peter Roos über Hermann Gradl erschien, nie für Letzteren interessiert hatten. Er war der Lieblings-Landschaftsmaler von Adolf Hitler, zelebrierte auf seinen Gemälden die „Blut und Bodenideologie“, die Teil der nationalsozialistischen Propaganda war. Und er stammte aus Marktheidenfeld, wo der Journalist und Autor Peter Roos aufgewachsen ist.
1950 geboren, haben den kritischen Geist die Fragen seiner Generation immer auch beruflich beschäftigt. In Theaterstücken, Artikeln und eben jenem Roman mit dem provokanten Titel „Hitler lieben – Roman einer Krankheit“ hat er sich nicht nur mit dem Weltkriegsgefreiten auseinander gesetzt, sondern auch mit jenen, die ihn angehimmelt haben, ihm blind folgten, damit auch seinen Judenhass und seinen Rassenwahn unterstützten. Als „Mitläufer“ sind manche von ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg ungeschoren davongekommen. Zum Beispiel Hermann Gradl.
Übelst diffamiert von selbst ernannten Heimathistorikern
Die Kausa Peter Roos zeigt, wie es einem ergehen kann, wenn man den späteren Ehrenbürger der gemeinsamen Heimatstadt Marktheidenfeld hinterfragt, wenn auf dessen weißer Weste plötzlich die braunen Flecken zu sehen sind. Angegriffen wurde der Autor, teilweise übelst diffamiert, auch von manchen selbst ernannten Heimathistorikern, die sich nicht dafür schämten, Gradl zu feiern und mit Schlamm nach Peter Roos zu werfen.
Was das alles mit Albstadt zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn hier gibt es einen, der ebenso viel Mut beweist wie Peter Roos damals, der – mit Hilfe weiterer Mutiger – einen Säulenheiligen vom Sockel stößt. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr.
Herkunft und Geschichte erforschen – das ist seine Spezialität
Kai Hohenfeld ist sein Name. Er ist promovierter Kunsthistoriker, Direktor des Kunstmuseums Albstadt, Spezialist bei der Erforschung der Herkunft und Geschichte eines Kunstwerks. Im 50. Jahr der Stadt Albstadt und ihres Kunstmuseums macht er aber vor allem die Herkunft und Geschichte seines Vorgängers zum Thema – mit viel Mut. Denn Alfred Hagenlocher, der Gründungs-Direktor des Kunstmuseums, war einst ein Säulenheiliger. Er war der feine, kunstsinnige Philantrop in den Augen jener, die ihn nur aus der Zeitung kannten. Doch selbst jene, die persönlichen Umgang mit ihm pflegten, wussten großteils nicht, welch gewalttätiger Mann der einstige Kommissar der Geheimen Staatspolizei sein konnte, der für die Nazis in besetzten Gebieten war. Was er dort gemacht hat – darüber gibt die Aktenlage selbst gründlichen Forschern wie dem Historiker Friedemann Rincke und Hagenlochers eigener Tochter Ingrid kaum etwas her.
Ein weiterer Meilenstein – ein weiterer Puzzlestein
Das Gespräch der beiden im Kunstmuseum am Dienstag war ein weiterer Meilenstein in der Auseinandersetzung mit Hagenlocher in Albstadt selbst, die Kai Hohenfeld angestoßen hat. Von Ingrid Hagenlocher-Riewe haben die Zuhörer auch erfahren, dass ihr Vater kein Freund des Mäzens und Galerie-Gründers Walther Groz war, sondern „ein Opportunist“, wie sie deutlich sagte. Er habe Groz benutzt, dessen Geld und Beziehungen, um sich nach seiner braunen Vergangenheit als Lichtgestalt neu zu erfinden.
Wie Kai Hohenfeld uns Albstädter in den vergangenen Monaten mit Vorträgen, einem eigenen Essay und nun diesem Filmabend mit Diskussionsrunde zur Auseinandersetzung mit dem einst so geschätzten Mitbürger Alfred Hagenlocher geführt hat, ist praktisch genial. Nicht mit dem Holzhammer hat er Hagenlochers Mythos zerstört, was längst überfällig war, sondern mit der eindringlichen Mahnung, Fehler der Vergangenheit nicht mit jenen, die sie gemacht haben, zu begraben. Welch ein Geschenk im Jubiläumsjahr!