Die neue europäische Trägerrakete Ariane 6 ist im März am Weltraumbahnhof in Kourou in Französisch-Guayana erstmals für einen kommerziellen Flug ins All gestartet Foto: dpa/S. Corvaja

Bayern will auf den Mond und Nordrhein-Westfalen Portal ins All werden. Baden-Württemberg hofft beim Raumfahrt-Wettlauf auf mehr Forschungsmittel durch die neue Bundesregierung. Aber „kleinkarierte Konkurrenzkämpfe“ möchte Ministerpräsident Kretschmann nicht.

Von dem neu geschaffenen Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt und seiner Ministerin Dorothee Bär (CSU) erhofft sich die grün-schwarze Landesregierung weitere Möglichkeiten zur Stärkung der Luft- und Raumfahrtindustrie sowie der dazugehörigen Forschungsinfrastruktur in Baden-Württemberg. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bekräftigte bei der Landespressekonferenz in Stuttgart die Forderung, dass der Bund das nationale Raumfahrtprogramm und das Budget der europäischen Weltraumagentur ESA aufstocken müsse, wie es die Ministerpräsidentenkonferenz Ende 2024 bereits beschlossen habe.

 

Kretschmann verspricht sich von innovativen Entwicklungen in diesem Bereich Fortschritte nicht nur bei Sicherheit und Verteidigung, sondern auch für die Entwicklung klimaneutraler Technologien, in der Satellitentechnik, beim Katastrophenschutz, in der Navigation sowie beim klimaschonenden Fliegen.

Mit rund 16 000 Beschäftigten in diesem Sektor hätten schon jetzt vierzig Prozent aller bundesweiten Branchenmitarbeiter ihren Arbeitsplatz in Baden-Württemberg. Den Umsatz bezifferte Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) auf fünf Milliarden Euro. „Die Raumfahrt ist Schrittmacher für Hightech“, sagte Hoffmeister-Kraut. Sie lobte die Innovationskraft der Branche, die fast ein Sechstel des Umsatzes in Forschung und Entwicklung steckte.

Markus Söder treibt ein bayerisches Mondfahrtprogramm voran

Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) hob die Stärken des Forschungsstandorts hervor. „Wir haben deutschlandweit die meisten Studierenden der Luft- und Raumfahrttechnik und auch die meisten Absolventen.“ Außerdem könne Baden-Württemberg als einziger Standort im bundesweiten Vergleich mit mehreren Sonderforschungsbereichen in diesem Themenfeld aufwarten. Olschowski formulierte die Erwartung, dass der Südwesten von der Raumfahrtförderstrategie der neuen schwarz-roten Bundesregierung angemessen profitiert.

Allerdings gibt es viele Wettbewerber, die im Kampf um eine Spitzenposition in dieser Branche vorne mitspielen wollen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) treibt seit mehreren Jahren ein bayerisches Mondfahrtprogramm „Bavaria One“ voran. Dass er anfangs dafür belächelt wurde, gehört inzwischen der Vergangenheit an. Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst hat bereits proklamiert, dass der Weg ins All über Nordrhein-Westfalen führe.

Auf die Konkurrenz angesprochen, verwies Kretschmann auf seinen eigenen Stil. „Ich beabsichtige nicht mehr, die Stile anderer Kollegen zu imitieren“, sagte er. Die Aktivitäten der Kollegen belegten, dass es nicht einfach sei, in einem neuen Feld sichtbar zu werden. „Wir werden uns da weiter anstrengen, aber nicht in kleinkarierte Konkurrenzkämpfe einsteigen“, sagte Kretschmann. „Es kommt darauf an, dass Europa in diesem wichtigen Zukunftsfeld anderen die Stirn bieten und größere Autonomie erreichen kann. Da müssen wir mit starken Beiträgen für die ESA mit dabei sein.“

Enorme Wachstumschancen der Branche

Seit zwei Jahren hat Baden-Württemberg seine Forschungsaktivitäten in diesem Bereich in der Initiative „The Aerospace Länd“ gebündelt. 42 Millionen Euro Fördermittel sollen schwerpunktmäßig in Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Kooperation fließen.

Experten prognostizieren der Luft- und Raumfahrtbranche weltweit in den nächsten Jahren enorme Wachstumschancen. Kretschmann lies anklingen, dass ihm die Chancen der Raumfahrt gerade vor dem Hintergrund des dramatischen Umbruchs in der Autoindustrie besonders wichtig sind.

Die IHK Stuttgart forderte weitere Anstrengungen zur Stärkung der Branche. „Baden-Württemberg hat das Potenzial, in der Raumfahrt eine führende Rolle einzunehmen. Die Landesregierung hat erste wichtige Signale gesetzt, jetzt gilt es, diesen Ansatz gemeinsam weiterzuentwickeln“, erklärte Claus Paal, der Präsident der IHK Region Stuttgart. „Wir sehen eine große Chance für viele unserer mittelständischen Unternehmen, gerade im Zuge der Transformation neue Märkte zu erschließen.“ Er ist überzeugt, dass sich Kompetenzen aus der Automobilindustrie, etwa im Leichtbau, in der Automatisierung, in emissionsfreien Antriebstechnologien oder im Qualitätsmanagement, gut auf die Anforderungen der Raumfahrt übertragen lassen.