In technischen Studiengängen sind Studentinnen nach wie vor unterrepräsentiert. Foto: Lichtgut//Achim Zweygarth

Zu wenige Frauen im Maschinenbau, zu viele Studienabbrecher: Unternehmen im Land suchen händeringend nach Fachkräften. Was tun sie gegen die Misere?

Neue Antriebstechniken, autonomes Fahren, intelligente Sensoren – die Hightechfirmen aus der Autoindustrie und dem Maschinenbau suchen dringend nach Uni-Absolventinnen und Absolventen aus technischen Studiengängen. Doch die Hochschulen tun sich immer schwerer, hochqualifizierte Talente für den Arbeitsmarkt auszubilden – in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen (Mint-Fächer) wie dem Maschinenbau und der Elektrotechnik sind viele Plätze nicht besetzt.

 

Was sagen Unternehmen zum Mangel an Studenten in Mint-Fächern?

„Die Coronapandemie hat der Mint-Bildung zugesetzt“, sagt Christina Schulte-Kutsch, die bei ZF Friedrichshafen den Bereich Talent and Organisation leitet. Dabei sei eine solide Ausbildung in Kernfächern wie Mathematik unerlässlich. ZF Friedrichshafen sieht zwei Kernprobleme in Fächern wie beispielsweise dem Maschinenbau: eine hohe Quote an Studienabbrechern, „aber auch weiterhin einen zu geringen Frauenanteil“. Beides belegt auch das Mint-Nachwuchsbarometer der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften.

Welche Rolle spielen grundlegende Defizite in der Mathematik?

Beim Ditzinger Werkzeugmaschinenbauer Trumpf beobachtet Ausbildungsleiter Marco Klein, dass Studiengänge mit Technik und Informationstechnologie (IT) zuletzt an Attraktivität gewonnen haben – der Abstand zu den Wirtschaftswissenschaften sei aber weiter enorm: „Das liegt sicherlich auch an der Sorge bei potenziellen Interessenten, diesen Studiengängen nicht gewachsen zu sein“, so Klein. Diese Einschätzung teilt Wolfram Ressel, der Rektor der Uni Stuttgart: „Manche junge Leute haben selbst in den Grundrechenarten Schwierigkeiten.“ Jedes Jahr bietet die Universität daher für Anfänger in technischen Studiengängen Förderkurse an, damit die Erstsemester das Eingangsniveau der Studiengänge erreichen. Zuletzt nahmen 2500 Studenten daran teil.

Welche aktuellen Zahlen meldet die Universität Stuttgart?

Binnen vier Jahren ist die Zahl der Erstsemester im Fach Maschinenbau allein an der Uni Stuttgart von 195 auf aktuell nur noch 103 gesunken – und hat sich damit fast halbiert. Ähnlich dramatisch fällt der Rückgang im Fach Bauingenieurwesen aus, wo derzeit besonders viele Fachkräfte gesucht werden. Einen leichten Anstieg gibt es bei der Informatik – doch auch dort meldet der Branchenverband Bitkom dass derzeit in Deutschland 137 000 IT-Fachkräfte fehlten.

Wie wirkt sich die Situation auf den Kampf um Fachkräfte aus?

Der Technikkonzern Bosch verweist auf Rankings, die seine Attraktivität als Arbeitgeber belegten, räumt aber gleichzeitig ein: „Auch wir spüren, dass dem großen Bedarf der Unternehmen an technischen und IT-Talenten nicht ausreichend Absolventinnen und Absolventen in diesen Bereichen gegenüberstehen.“ Bosch erwartet, dass sich der Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte von morgen weiter verschärft: „Wir investieren daher kontinuierlich, um national wie international Talente zu gewinnen und zu halten.“ Auch Mercedes bestätigt den „verstärkten Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte“. Aktuell könnten jedoch alle offenen Stellen besetzt werden.

Wann gehen die Unternehmen auf Studierende zu, um diese an sich zu binden?

Bosch investiert national und international: Über Hochschulkooperationen versucht das Unternehmen, frühzeitig Kontakte zu Studierenden zu knüpfen. Praktika, Stipendien und Promotionsangebote sind weitere Bausteine im Kampf um die klügsten Köpfe. Trumpf verfolgt einen ähnlichen Ansatz: „Entscheidend ist es, möglichst noch während des Studiums mit Studierenden in Kontakt zu kommen“, sagt Ausbildungsleiter Klein. Parallel dazu verstärkt das Unternehmen die eigene Ausbildung und erweitert das Angebot an dualen Studienplätzen.

Schon in den Grundschulen sinkt das Leistungsniveau bei Mint-Fächern – spüren das auch die Unternehmen?

Bei der Infrastruktur und der Ausstattung in den Schulen sei in den vergangenen Jahren viel passiert, heißt es bei Bosch. „Allerdings liegt hier Baden-Württemberg im Bundeslandvergleich nur noch im Mittelfeld.“ Trumpf spürt die Bildungskrise auch bei den Bewerbungen auf duale Studienplätze: Die Schere zwischen einigen wenigen sehr guten und einer größeren Anzahl schlechter Bewerber öffne sich immer mehr. Laut der jüngsten Vergleichsstudie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat sich das Bildungsniveau der Viertklässler im Südwesten weiter verschlechtert. In Baden-Württemberg verfehlen rund 20 Prozent der Viertklässler in der Mathematik den Mindeststandard – dies sind doppelt so viele wie vor rund zehn Jahren.