Französische Soldaten an der alten Spittelbrücke, 8. Mai 1945. Foto: Harter

„Rächer deutscher Ehre“: Der „Werwolf“, letztes Aufgebot des „3. Reichs“, trieb im Frühjahr 1945 sein Unwesen.

Kaum hatten französische Truppen Ende April 1945 Schiltach besetzt, als sie wieder alarmiert wurden: In einem Waldstück sollte ein Versorgungsdepot des „Werwolf“ bestehen, bewacht von SS-Leuten.

 

Sofort bildete Ortskommandant Sartout einen Erkundungstrupp aus „Maquisards“, Kämpfern der Résistance, die sich nach dem jugoslawischen Partisanenführer „Gruppe Tito“ nannten. Sie waren „geübte Waldmenschen“, die sich, mit dem Schiltacher Forstwart als Wegweiser, dem anvisierten Ziel geräuschlos näherten.

Die Vorsicht hatte Gründe. Im Radio meldete ein „Sender Werwolf“: „Ungezählte Männer und Frauen, Jungen und Mädchen haben den Entschluss gefasst, uns niemals zu beugen. Jeder Feind, der auf unserem Boden steht, ist Freiwild. Hass ist unser Gebot, Rache unser Feldgeschrei. Wehe auch den Verrätern, die sich dem Feind zur Verfügung stellen.“

Es war die Ankündigung einer Untergrundbewegung, vor der niemand sicher sein konnte, auch nicht, wer auf das Ende von Krieg und Nationalsozialismus hoffte. In der germanischen Sage war „Werwolf“ ein Mensch, der sich in ein reißendes Tier verwandelte, so, wie „die Rächer deutscher Ehre“ jetzt agieren sollten.

Gestapo-Leiter flieht

Dies erfuhren die Alliierten, die ihre Wachsamkeit erhöhten. Die besetzte Zivilbevölkerung musste Haussuchungen und strenge Verbote erdulden, NS-Funktionäre wurden verhaftet, oder auch, wie in Schiltach, liquidiert.

Den „Werwolf“ hatte Heinrich Himmler, „Reichsführer SS“, 1944 gegründet, und es waren seine Leute, die ihn aufstellten. Aus Wolfach berichtete Stadtpfarrer Huber, dass „SS-Männer versuchten drei Werwolfgruppen aufzuziehen“. In Schenkenzell wusste Pfarrer Siegel, dass „Gestapoleute zwischen Kaltbrunn und Schapbach Stützpunkte für einen Partisanenkampf vorbereiteten.“ Ihr Anführer war Julius Gehrum, ein berüchtigter Sektionsleiter der Geheimen Staatspolizei in Straßburg, der sich nach Kaltbrunn in eine Hütte abgesetzt hatte.

„Nicht sehr kampfeslustig“

Beim Nahen der Franzosen suchte Gehrum jedoch das Weite. Auch das Schiltacher Werwolf-Depot, das am Gründlebühl lag, war verlassen. Die „Gruppe Tito“ fand aber Handgranaten, Maschinengewehre und -pistolen, Sprengstoff, Munition, Konserven, Brot in Alu-Folie, Landkarten und Ausrüstung – genug für Anschläge und Überfälle.

Doch waren die zugehörigen Werwölfe „nicht sehr kampflustig“, wie die Franzosen meldeten. Ein Zeitzeuge weiß, dass ein von hier stammender Gebietsleiter der Hitlerjugend „Werwolf spielen wollte“, aber keine Mitstreiter fand: Zwei von ihm Angesprochene, selber kriegsverletzt, hätten ihn bewogen, „den Blödsinn“ bleiben zu lassen: „Es ist vorbei“.

Nachts Drähte gespannt

Verlief die Begegnung mit dem „Werwolf“ hier glimpflich, so anderorts weniger: In Wittichen wurde der Volkssturmführer, der Gehrum versteckt hatte, von der Besatzungsmacht verhaftet. In Hornberg und Nußbach ging sie gegen Jugendliche vor, die „des Werwolfs verdächtig“ waren.

Ein 14-jähriger Rippoldsauer spannte nachts Drähte über die Straße, was die Franzosen mit Verhaftungen quittierten. In Freudenstadt erschienen an den Wänden grellrote „Wolfsangeln“, in Schramberg war vor dem Rathaus „Werwolf, pack‘ zu!“ aufgemalt. Hier stieß der Volkssturmmann Alfons Kuhner auf Jugendliche, die bis zuletzt kämpfen wollten, die er aber entwaffnen und heimschicken konnte.

„Als Verräter“ erhängt

In Haslach fand man Flugblätter: „Ein gefährlicher Irrtum ist es, dass das Reich in den besetzten Gebieten keine Macht besäße. Es bleiben Männer, die den Kampf fortsetzen. Wer dem Feind hilft, wer zum Verräter wird, fällt.“

Dass es zumeist nicht so kam, war dem schnellen Vorrücken der Alliierten zu verdanken, aber auch, dass sich Menschen fanden, die den „Werwölfen“, oft fanatisierten Jugendlichen, die Stirn boten oder weiße Fahnen hissten.

Doch erfuhren manche auch ihre Rache, etwa „die Männer von Brettheim“ (Nordwürttemberg): Weil sie Hitlerjungen entwaffneten, wurden sie von der SS „als Verräter“ erhängt, was ebenfalls nicht vergessen werden darf.