Vor rund 30 Jahren wurden alte Zeichnungen in Ettenheim entdeckt. Lange war unklar, wer sie schuf. Nun gibt es Antworten.
Es ist nun wahrhaft eine gewisse Zeit ins Land gegangen, seit Arnold Beha die sieben kleinen Bleistiftzeichnungen mit verschiedenen Motiven per Zufall entdeckt hat. Im Zuge des Abbruchs der Holzindustrie Stoelcker zum Ende 1990er-Jahren vor rund 30 Jahren lagen auf dem ehemaligen Betriebsgelände an der Otto-Stoelcker-Straße kreuz und quer hunderte von alten Balken. Per Zufall fand Beha bei einem Spaziergang an einem der Balken sieben kleine Bleistiftzeichnungen auf 8,5 mal 6,5 Zentimeter großen, hellbraunen Plättchen. Datiert ist eines auf 1960. Wozu diese damals in der „Holzi“ gebraucht wurden? Als Furniermaterial könnte es vielleicht gedient haben. Da man heute aber wohl so gut wie niemanden aus der damaligen Belegschaft fragen kann, muss es Spekulation bleiben. Die gezeichneten Motive: filigrane Blumenschalen, Naturlandschaften, Bäume an Wegen, die alteingesessene Ettenheimer mit Sicherheit noch heute in der Nähe des ehemaligen „Holzi“-Standorts verorten können – unstrittig auch Blicke auf die südwestlich des Bombenstabil-Areals gelegene Altstadt mit der Kirche auf dem Berg.
Geschichtsforscher liefert entscheidenden Hinweis
Was Beha lange Jahre nicht hinterfragte: Wer denn der Zeichner gewesen sein mag. Die Blättchen hob er auf, dachte Jahre lang nicht mehr an sie, bis sie ihm nun wieder in die Hände fielen. Manch einer mag es kennen: Was einem als jüngerer Mensch nicht unbedingt auf Anhieb anspricht, wird einige Zeit später dann plötzlich interessant. Und mit dem Schriftzug auf der Rückseite „Kunstzeichner Beck, Altdorf“ auf einer der kleinen Zeichnungen war seine Neugier geweckt. Wer das wohl gewesen sein mag?
Der Zufall müsste schon ein weiteres Mal seine Hände im Spiel haben, um jemanden ausfindig zu machen, der damals im Betrieb beschäftigt war. Also war der Schlüssel zur Lösung des Rätsels eigentlich nur über den Ettenheimer Stadtteil zu finden. Immerhin hatte der Künstler ja einen Hinweis auf seinen Wohnort hinterlassen – und den Familiennamen ebenso. „Beck“ in Altdorf ist allerdings wie andernorts Müller oder Meier – Namen, die im Telefonbuch ganze Seiten einer Gemeinde füllen. Einen ganzen Helferstab bezog Beha in seine Recherche mit ein. In besonderem Maße reizte den Altdorfer Geschichtsforscher Achim Schwab die scheinbare Sisyphus-Arbeit. Und wieder wurde der Zufall zum zielführenden Helfer. Wie sich herausstellte, war Schwabs Schwägerin Ursel eng befreundet mit Angelika (später verheiratete Kraft), der Tochter eben jenes Karl Beck.
Sie bestätigte: Er arbeitete in der Stoelcker-Fabrik, war für seine bildnerischen Fähigkeiten bekannt, durfte sich getrost als „Kunstzeichner“ sehen. Ein Talent übrigens, das er – wie Schwab zu berichten weiß – durchaus an seine Tochter weitergegeben hat und um das auch sein Sohn (auf den man der Suche ebenfalls stieß) weiß.
Karl Beck wurde 1921 geboren, erlernte ursprünglich in Göppingen den Beruf des Modellbauers, fertigte Zeichnungen über den menschlichen Torso mit „Innenansicht“ und baute Modelle der menschlichen Organe für Bildungszwecke. Der Zweite Weltkrieg verbaute Beck die weitere Ausübung seines Berufs. Er kehrte in seine Altdorfer Heimat zurück und arbeitete in der „Holzi“ als Motorenschlosser, später als Polsterer.
Beck war für sein Humor und Talent bekannt
Und wenn man erst einmal die Nadel im Heuhaufen gefunden hat, dann sind weitere Verknüpfungen in einer Gemeinde – vor allem der Größe Altdorfs – schnell hergestellt. Becks Enkelin Petra Bachmann, in Altdorf wohnhaft, erinnert sich noch lebhaft an ihren Großvater. Sie weiß, dass er viel Humor besaß und eine Vielzahl von kleinen Kunstwerken schuf. Kreativ zugange war Beck auch für die Fasent. In Altdorf schuf er den mit Ziernägeln ausgestatteten Thron des Prinzenpaares, gestaltete Fasnachtswagen mit Gipsfiguren und für die Ettenheimer „Muckendatscher“ die Negativformen für den Guss der Masken.
Für Arnold Beha steht fest: Die kleinen Kunstwerke wird er den Nachkommen des Künstlers aushändigen. Dort werden sie sicherlich das verdiente Ehrenplätzchen finden.