Lange hat die Bundeswehr für ihre Personal-Werbung am Image einer familienfreundlichen Behörde gebastelt. Ihre neue Kampagne rückt fast nur noch Kampftruppe ins Bild. Und das aus guten Gründen.
So sieht Zeitenwende aus: Die Kampagne, mit der sich die Bundeswehr von jetzt an in Öffentlichkeit und digitalen Netzwerken unübersehbar machen will und um Personal wirbt, zeigt Kämpfer. Eine Soldatin mit reichlich Tarnschminke im Turm eines Kampfpanzers, ein Soldat im Cockpit eines Kampfjets, eine Infanteriegruppe mit noch mehr Tarnschminke in den Wäldern Nordnorwegens werben für den Dienst. Und lassen keine Zweifel aufkommen: Gemeint ist der an der Waffe.
Nett und familienfreundlich
Was für eine Akzentverschiebung! Ist das nicht die Bundeswehr, die sich seit den Amtstagen der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor allem als nette, familienfreundliche Behörde inszeniert hat? Mit Kita, pünktlichem Feierabend und schier unendlichen, vorrangig bürokratischen oder Technik-nahen Betätigungsmöglichkeiten?
Militarisierung des Militärs?
Wenn das mal gut geht. Man ahnt die Häme und Kritik, die kommen werden angesichts der Motivwahl und der werte- und sinnlastigen Slogans, die diese Motive begleiten. Wahrscheinlich warnt sogar jemand vor einer Militarisierung des Militärs, wenn sich die Bundeswehr so zeigt.
Einem Überfall standhalten
Aber genau um Rückbesinnung auf den militärischen Kern geht es. Von einer Zeitenwende reden unter den Vorzeichen der russischen Hyperaggression gegen die Ukraine, von der Rückkehr zum Fokus auf die Landes- und Bündnisverteidigung, das geht nicht seriös ohne zu akzeptieren: Diese Wende bedeutet, dass sich Deutschland wie auch seine europäischen Verbündeten daran machen muss, die glaubwürdige Abschreckung wiederherzustellen, die im Kalten Krieg von seinen Streitkräften ausging. Und sich zu befähigen, schlimmstenfalls einem schrecklichen Überfall standzuhalten, wie ihn die Ukraine erleidet.
Zweifellos muss eine Bundeswehr, die mit diesem Akzent für sich als Arbeitgeberin wirbt, aufpassen, dass sie nicht Leute anzieht, die halt irgendwas mit Waffen machen wollen. Oder die einem Gedankengut verhaftet sind, das nicht in diese Armee und zum Grundgesetz passt. Aber das ist kein Grund, in der Selbstdarstellung weiterhin einen Bogen um den Kern des Auftrags zu machen, der Soldaten im demokratischen Rechtsstaat gegeben ist.
Mehr Frauen, mehr Reserve
Selbstverständlich gehören zu Streitkräften, in denen nur Freiwillige dienen, ein wettbewerbsfähiges finanzielles Angebot und möglichst viele Möglichkeiten zum Erwerb von Fähigkeiten, die auch in einem anschließenden Zivilberuf von Nutzen sind. Zeitgemäß wäre außerdem ein Frauenanteil, der über den 13 Prozent liegt, die die Truppe heute aufweist. Und dazu ein Konzept für die Reserve, das mit dem Zivilleben auch für diejenigen problemlos vereinbar wird, die nicht arbeitslos, im Studium oder ehemalige Berufssoldaten sind.
Die richtigen Akzente
Das alles hat Bedeutung. Den Ausschlag für die Qualität der Bundeswehr gibt jedoch, dass sie ausreichend Personal findet, das Bereitschaft zum Dienst auch unter schwierigsten Bedingungen und zum Kämpfen mitbringt und zugleich fest zu der Freiheit, zu den Werten, zu dem Recht steht, um deren Verteidigung es geht. Dafür setzt die neue Werbekampagne die richtigen Akzente.
Wenn die Fitness fehlt
Über ihr Erfolgspotenzial sagt das noch nichts. Schließlich werden die Herausforderungen für die Personalgewinnung der Bundeswehr nicht kleiner. Gesellschaftliches Engagement oder Komfortverzicht finden generell nur begrenzten Anklang in einer Gesellschaft, die sich zunehmend weniger an Institutionen binden mag. Und ganz banal verbaut die fehlende körperliche Fitness so manchem Bewerber den Weg ins Militär.
Daran lässt sich auch mit einer Werbung nichts ändern, die zumindest eines schon für sich beanspruchen darf: Zu übersehen wird sie schwerlich sein.