Feuerbestattungen haben zugenommen – auch in Lahr. Foto: Vennenbrend

Seit 1997 ist die Einäscherungsanlage am Lahrer Bergfriedhof verpachtet. Künftig will die Stadt sie wieder selbst übernehmen, was auf Widerstand des Betreibers stößt. Es geht um viel Geld – und ein Grundstück.

Der Anbau fügt sich von Alter und Stil nahtlos an das Haupthaus der Verwaltung an. Nur die breite Einfahrt und der große Kamin auf dem Dach passen nicht so recht ins historische Bild, das das Gesamt-Ensemble mit seinem Sandsteinmauerwerk und den Spitzbögen vermittelt: So unscheinbar das Lahrer Krematorium auf Friedhofsbesucher wirkt, so hitzig sind die Debatten, die schon länger und zuletzt verstärkt um seine Zukunft entbrannt sind.

 

Seit 1939 gibt es die Einäscherungsanlage beim Bergfriedhof, 1997 gab sie der Gemeinderat in private Hände. Damals war der Trend schon da, wie groß die Nachfrage einmal werden würde, konnte seinerzeit freilich niemand abschätzen: Laut der Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen lag das Verhältnis von Urnen- und Sargbestattungen 2022 bundesweit bei 78 zu 22 Prozent – Tendenz steigend.

Lahrer Anlage ist die einzige in der Ortenau

Das Geschäft mit den Einäscherungen ist überall ein lohnendes, auch in Lahr. Schließlich ist die städtische Anlage die einzige ihrer Art in der Ortenau. Die nächsten Krematorien stehen in Freiburg, Baden-Baden und Villingen-Schwenningen. In ganz Baden-Württemberg gibt es 26 Anlagen, wovon rund zwei Drittel in kommunaler Hand sind, der Rest privat betrieben wird.

Auch wenn sich die Stadtverwaltung auf Nachfrage schmallippig zeigt und betont, dass noch nichts entschieden sei – nach Informationen unserer Redaktion lautet der klare Plan im Rathaus, das Krematorium künftig wieder selbst zu betreiben. Das hat man Thomas Lösle schon vor einiger Zeit wissen lassen. Der Mietvertrag mit dem langjährigen Betreiber war in der Vergangenheit mehrfach verlängert worden, 2027 soll er endgültig auslaufen. Sehr zum Missfallen Lösles.

Gegenüber unserer Redaktion wollte sich der Betreiber nicht äußern, er hat sich aber jüngst mit einem Schreiben an die Gemeinderatsfraktionen gewandt und einen Anwalt eingeschaltet. Auch die Stadt hat bereits juristischen Rat eingeholt.

Kernfrage lautet: Ist das Kremieren eine hoheitliche Aufgabe?

Im Kern der Auseinandersetzung steht eine Vorschrift aus der Gemeindeordnung des Landes. Diese besagt, dass eine Kommune nur dann ein wirtschaftliches Unternehmen führen darf, wenn dies ein privater Anbieter nicht genauso gut könnte. Dass er letztere Voraussetzung erfüllt, hat er in den vergangenen Jahren bewiesen, argumentiert Lösle. Die Stadtverwaltung, so ist zu hören, vertritt indes die Ansicht, dass das Kremieren eine hoheitliche Aufgabe sei, und sieht keine (rechtlichen) Hindernisse, einen zeitlich befristeten Vertrag nicht zu verlängern.

Am Montag beschäftigte sich der Ältestenrat hinter verschlossenen Türen mit der Zukunft des Lahrer Krematoriums, am Mittwoch steht das Thema auf der nicht-öffentlichen Tagesordnung des Technischen Ausschusses.

Die Stadtverwaltung hat den Ratsmitgliedern gegenüber deutlich gemacht, dass es grundsätzlich auch die Option gäbe, die Einäscherungsanlage erneut zu vermieten. Dafür bedürfte es dann aber wohl einer Ausschreibung, eine neuerliche freihändige Vergabe an einen privaten Betreiber soll rechtlich nicht mehr möglich sein.

Gemeinderat kann sich Wiederübernahme vorstellen

Dieses Szenario dürfte nach aktueller Stimmungslage ein theoretisches bleiben: Nach Informationen unserer Redaktion steht der Gemeinderat der Wiederübernahme des Krematoriums durch die Stadt an und für sich offen gegenüber. Wenngleich man angesichts der leeren kommunalen Kasse freilich wissen will, wie hoch der künftige Investitionsbedarf in die Anlage ist.

Im Rathaus und im Gemeinderat ist man sich weitgehend einig, dass das Krematorium am Bergfriedhof saniert und modernisiert werden muss, um Angehörigen künftig einen würdigeren Abschied von den Verstorbenen zu ermöglichen.

Die Stadt nennt auf Nachfrage keine Zahlen. Die Summe, die im Raum steht – ein niedriger siebenstelliger Betrag – dürfte sich dank der großen Nachfrage nach Feuerbestattungen allerdings schnell amortisieren.

Streit um die Anlage könnte sich auf den Bau der Kreisstraße auswirken

Derweil erfährt der Streit zwischen Rathaus und Betreiber eine pikante Note. Denn Thomas Lösle, ist aus mehreren Quellen zu hören, soll bereits die Absicht geäußert haben, in Lahr ein weiteres Krematorium zu bauen – auf dem Grundstück, wo einst die Gaskugel stand. Just dort muss die Stadt noch Fläche kaufen für die neue Kreisstraße zwischen Ringsheim und Lahr, konkret: für deren Anschluss an die B 415. Das Gelände befindet sich seit Langem im Eigentum der Familie Lösle. Wird der geplante Straßenbau durch die Auseinandersetzung um die Einäscherungsanlage erschwert? „Auskünfte hierzu kann nur der Betreiber des städtischen Krematoriums geben“, heißt es aus dem Rathaus.

Ablauf und Kosten einer Kremierung

Bei einer Kremierung wird der Leichnam in einem Sarg bei etwa 1200 Grad eingeäschert. Dabei liegt eine feuerfeste Identifikationsnummer bei, um Verwechslungen auszuschließen. Eine Kremierung dauert rund 90 Minuten. Danach bleibt Asche übrig, die ungefähr drei Kilogramm wiegt. Diese kommt in eine spezielle Kapsel, die dann zur späteren Beisetzung in die Urne gelegt wird.

Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Bestatter kostet eine Einäscherung zwischen 300 und 600 Euro, wobei es regionale Unterschiede gebe und auch davon abhänge, ob ein privates oder kommunales Krematorium beauftragt wird.