Die Kunstaktion „#allesdichtmachen“ gegen die Lockdown-Politik in Deutschland erregt weiter die Gemüter. Viele Schauspieler haben schon einen Rückzieher gemacht. Dafür rückt einer der Autoren nach vorn: der Regisseur Dietrich Brüggemann. Wer ist der Mann?
Stuttgart - Die Dinge sind im Fluss. Seit Donnerstagabend vergangener Woche tobt die Debatte über die Aktion „#allesdichtmachen“. 53 Schauspieler veröffentlichten Videos mit persönlichen Einlassungen zum Dauer-Lockdown in Deutschland und zur Bundes-Notbremse – und dies in offenbar ironischer Weise, denn sie priesen und lobten in völlig überzogener Weise den Stillstand im Land und wünschten sich noch viel mehr davon.
Kritik, Häme und Hass, die sie dafür ernteten, haben viele der Teilnehmer längst zum Rückzug bewogen. Am Montag sind aktuell noch 32 Videos auf der Webseite zur Aktion www.allesdichtmachen.de zu sehen, zum Teil aber von ganz anderen Persönlichkeiten. Jan Josef Liefers und Volker Bruch sind noch immer dabei, die SWR-„Tatort“-Kommissare Ulrike Folkerts, Felix Klare und Richy Müller aber verschwunden. Und einige der Beteiligten übten derart explizit Selbstkritik, all die Aufregung und Missverständnisse ganz sicher nicht gewollt zu haben, dass die Vermutung wächst, zum Teil haben die Mimen nur ausgeführt, was andere im Hintergrund für sie konzipierten.
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Offiziell heißt es inzwischen in einer Einführung auf der Webseite, das „Projekt #allesdichtmachen“ sei „kollektiv entstanden, die Gruppe divers“. Doch als einer der Vordenker hat sich inzwischen der Berliner Filmregisseur, Autor und Musiker Dietrich Brüggemann geoutet. Womit immerhin klar ist, dass die Aktion mit der AfD oder rechten Verschwörungstheoretikern im Kern nichts zu tun haben kann, denn just mit diesem Spektrum hat sich der 45-Jährige in seinem Werk schon oft intensiv und kritisch auseinandergesetzt.
Enge Zusammenarbeit mit dem SWR
Sein Kinofilm „Kreuzweg“ erzählt vom Leidensweg einer jungen Schülerin, die unter dem Einfluss ultrakonservativer Katholiken und aus Verzweiflung über die Sündhaftigkeit der Welt, vor allem über ihre eigene, sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst zerstört. 2014 gewann Brüggemann bei den Filmfestspielen in Berlin für den allseits hochgelobten „Kreuzweg“ einen Silbernen Bären.
Gedreht hatte er den Film auf der Schwäbischen Alb. Und auch sonst verbindet Brüggemann mit Stuttgart einiges: Er hat hier einen Teil seiner Kindheit verbracht – und er hat mit dem Stuttgarter „Tatort“-Team Lannert/Bootz schon zwei Filme kreiert: „Das ist unser Haus“ über Mord und Missgunst in einem alternativen Wohnprojekt, und der preisgekrönte „Stau“ auf der Neuen Weinsteige.
Den Diskurs nicht länger der AfD überlassen
In einem Interview mit dem Deutschlandfunk beklagte sich Brüggemann nun über den „faschistoiden Shitstorm“, der über die Videoaktion hereingebrochen wäre. Eine „Medienblase“ auf den sozialen Netzwerken verweigere sich dem „Diskurs über die Kollateralschäden während der Coronazeit“. Und: „Wenn der Diskurs so verengt ist, dass auf einmal nur noch die AfD in der Lage ist, ein paar grundlegende Wahrheiten auszusprechen, was ist denn das für ein Diskurs?“
Bei „#allesdichtmachen“ heißt es dazu: „Es geht darum, dass Kritik am Lockdown ein legitimer Standpunkt ist, der sich mit Argumenten und Fakten untermauern lässt“. Diese Kritik übe man „mit den Mitteln von Satire und Ironie“. Man ahnt: Diese Aktion wird lange diskutiert werden – was sicher im Sinne des Erfinders ist. Aber auch mit dem Lob der AfD-Chefin Alice Weidel wird er fortan leben müssen.