Anke Rehlinger wird Ministerpräsidentin im Saarland: Bei der Landtagswahl führte sie ihre SPD zur absoluten Mehrheit. Die Ex-Sportlerin hat Teamgeist und politischen Punch.
Rekordhalterin ist sie immer noch, zumindest im Saarland. Als 19-Jährige hat sie im Kugelstoßen eine Weite von 16,03 Metern erreicht, das ist immer noch Saarland-Rekord und auch den saarländischen Jugendrekord im Diskuswerfen (49,18 Meter) kann Anke Rehlinger (SPD) noch für sich verbuchen. Im Seniorensport ist die 45-Jährige immer noch aktiv, aber viel Zeit wird die Landespolitikerin wohl dafür nicht mehr haben. Bei der Landtagswahl am Sonntag holte die seit zehn Jahren amtierende Wirtschaftsministerin für ihre Partei die absolute Mehrheit und kegelte Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) aus dem Amt. Sie wird die vierte SPD-Ministerpräsidentin Deutschlands werden, neben Franziska Giffey (Berlin), Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern).
Gemütlich in der Wohnstube vorm Kamin
Mit den drei SPD-Politikerinnen ist Rehlinger als stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende längst vernetzt. Als bodenständig und als waschechte Saarländerin ist die Mutter eines Sohnes im Teenageralter, die vier Wochen vor dem Wahltermin die Trennung von ihrem Ehemann öffentlich machte, gut bekannt. Sie studierte Jura im Saarland, war hier als Anwältin für Steuerrecht tätig und hat ihrem Geburtsort Wadern, am Fuße des Hochwaldes gelegen, bis heute als Wohnort die Treue gehalten. Heimatverbundener geht nicht mehr. Als sie kürzlich in Corona-Quarantäne saß, brachte sie eine Videoansprache aus ihrer Wohnstube im 2500-Einwohner-Dorf Wabern-Nunkirchen vor flackerndem Kamin – sah gemütlich aus.
Frühaufsteherin und Katholikin
„Man kennt mich“, den Spruch von Angela Merkel könnte auch die Frühaufsteherin und Katholikin Rehlinger für sich verbuchen, und in ihrem Wahlkampf hat sie damit unter dem Motto „echte Saarlandliebe“ auch punkten können. CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte Rehlinger vor zehn Jahren zunächst als Justizministerin in ihre Große Koalition geholt, nach zwei Jahren wechselte sie ins Wirtschaftsressort. Rehlingers Hauptthema ist die Ansiedlung von Arbeitsplätzen im kleinsten Flächenland Deutschlands, die Meisterung des Strukturwandels. Beim Wirtschaftswachstum hinkt das Saarland den Bundestrend noch hinterher, die künftige Ministerpräsidentin will die Zahl der versicherungspflichtigen Jobs im Saarland um 4000 steigern über die Marke von 400.000 heben. Das mag nicht sehr ambitioniert klingen, aber angesichts der Abhängigkeit von der Autoindustrie – bei Ford in Saarlouis steht eine wichtige Standortentscheidung bevor – ist es wohl sogar ein Pluspunkt, wenn die Zahl der Jobs gehalten werden kann.
Tränen in den Augen vorm Werkstor
Mit Verve und Erfolg hatte Ministerin Rehlinger dafür gekämpft, dass der chinesische Zulieferer SVolt sich im Saarland ansiedelt. Dass vereinzelt Grüne am Standort – reinem Ackerland – Kritik übten, kann sie nicht nachvollziehen. Als 2020 das Aus für das Traditionsunternehmen Halberg-Guss kam, das Motorblöcke herstellte, da hatte die Ministerin vor den Werkstoren Tränen in den Augen. Nach der Wahl wird Rehlinger einige Versprechen erfüllen müssen: die Verdoppelung des Energieanteils der „Erneuerbaren“, kostenfreie Kitas und das 365-Euro-Ticket.
Heiko Maas auf die Bühne geholt
Gelingen wird das nur mit einer Mannschaftsleistung. Doch Teamgeist hat die Leichtathletin längst bewiesen. Bei der brechend vollen SPD-Wahlparty im Konzertsaal „Garage“ in Saarbücken versammelte Rehlinger in der Sonntagnacht Dutzende von Helfern und Helferinnen auf der Bühne, sie holte Ex-Außenminister Heiko Maas und den Ex-SPD-Ministerpräsidenten an der Saar, den 79-jährigen Reinhard Klimmt, ins Rampenlicht, dankte für deren Wahlkampfhilfe: „Ihr seid das Gesicht des Erfolges“, rief sie in die SPD-Menge. Anke Rehlinger ist stolz auf ihre Partei, aber auch auf die eigene Leistung. Von unserer Zeitung gefragt, ob sie nicht auch vom Kanzlerbonus profitierte, die die SPD mit Olaf Scholz habe, sagte sie: „Das gute Regierungshandeln von Olaf Scholz hat sicherlich auch eine positive Wirkung entfaltet. Entscheidend aber war unsere eigene Stärke.“