Wenn Tierliebe ins Geld geht Tierkrankenversicherung – sinnvolle Absicherung oder teurer Trend?
Ob Notoperation oder Dauertherapie – für Halter von Haustieren kann es schnell teuer werden. Lohnt sich eine Versicherung oder sind Rücklagen sinnvoller? Experten ordnen ein.
Wenn ein Haustier angeschafft wird, zieht auch ein neues Familienmitglied ins Haus ein. Was im Alltag manchmal eher spontan beginnt, ist eine Entscheidung für zehn, 15, manchmal sogar 20 Jahre Verantwortung. Mit dem Haustier kommt nicht nur Freude ins Haus, sondern auf die Besitzer können auch alltägliche Probleme wie Unfälle oder Krankheiten ihrer Schützlinge zukommen. „Es sollte jedem klar sein, dass man als Lebewesen erkranken kann – in verschiedenster Art“, sagt Dr. Maren Püschel von der Kleintierklinik Wasbek. Und das gilt eben auch für Hund, Katze oder Pferd. Spätestens wenn die erste größere Rechnung auf dem Tisch liegt, wird für manche aus der Tierliebe schnell ein finanzielles Problem.
Im Internet findet man Dutzende Angebote für Tierkrankenversicherungen, die etwa mit „100-prozentiger Kostenübernahme“, „schneller Regulierung“ oder „Schutz für alle Rassen“ werben.
Die Qual der Wahl bei Tierkrankenversicherungen
Die Allianz bietet beispielsweise Kranken- und OP-Versicherungen für Hunde, Katzen und Pferde an. Ambulante und stationäre Behandlungen sind inklusive, je nach Tarif auch Vorsorgeleistungen wie Impfungen oder Wurmkuren. Eine reine OP-Versicherung gibt es laut Anbieter für Katzen ab 4,96 Euro, für Hunde ab 6,69 Euro und für Pferde ab etwa 15 Euro im Monat. Die Petcover versichert neben Hund, Katze und Pferd sogar exotische Tiere. Die monatlichen Beiträge für eine Tierkrankenversicherung bei Petcover beginnen – je nach Tierart – bei zehn Euro. Bei TIERdirekt sind OP- und Vollversicherungen mit freier Tierarztwahl wählbar, die laut Anbieter eine schnelle Leistungszusage gewährleisten.
Vergleichsportale listen weitere Anbieter wie Getsafe, Feather, PetProtect oder Luko auf. Die Preisspannen variieren: Für Katzen werden häufig zehn bis 40 Euro pro Monat genannt, für Hunde 20 bis 60 Euro – bei Pferden kann eine umfassende Absicherung deutlich darüber liegen. Alter, Rasse, Selbstbehalt und Leistungsumfang spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Das Angebot ist groß – aber braucht man das wirklich?
Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg steht dem Ganzen kritisch gegenüber. „Tierkrankenversicherungen sind gerade so eine Art Modeversicherung“, sagt der Versicherungsexperte. Man könne heute „alles und jeden versichern“. Das Problem dabei sei jedoch, dass es sehr, sehr teuer werden könne.
Sein Rat: Zuerst sollten Tierhalter für sich selbst existenzielle Risiken absichern, etwa mit einer privaten Haftpflicht- oder einer Berufsunfähigkeitsversicherung. „Wenn man sehr wichtige Versicherungssparten abschließt, ist regelmäßig kein Geld mehr da für Sparten, die nicht ganz so wichtig sind.“
Tierarztkosten absichern – oder lieber selbst sparen?
Heißt das also, dass man keine Tierkrankenversicherung abschließen sollte? So pauschal lässt sich das nicht sagen. Es gebe Ausnahmen, etwa wenn jemand finanziell selber kaum Rücklagen bilden kann oder das Tier eine besonders große emotionale Bedeutung hat, wie Grieble sagt.
Wer sich absichern möchte, sollte genau hinschauen und sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen:
- Gibt es Höchstgrenzen pro Jahr?
- Wie hoch ist der Selbstbehalt?
- Steigen die Beiträge mit dem Alter des Tieres?
- Sind nur Operationen versichert – oder auch chronische Erkrankungen?
„Eine Tierkrankenversicherung sollte nicht überstürzt abgeschlossen werden“, rät Grieble. Im Zweifel helfe eine Marktanalyse oder ein spezialisierter Makler.
Was sagen Tierärzte dazu?
Dr. Wolfgang Sinzinger, Fachtierarzt für Chirurgie von der AniCura Tierklinik in Stuttgart-Plieningen, erlebt vor allem bei älteren Tieren schwere Erkrankungen, wie beispielsweise chronische Nieren- oder Herzerkrankungen bei Katzen sowie Magendrehungen und Milztumore bei größeren Hunden. „Das sind hochakute Zustände, die unmittelbar behandelt werden müssen.“
Allein Stabilisierung, Diagnostik, Bluttransfusion und anschließende Operation können schnell 3000 bis 5000 Euro kosten – insbesondere, wenn der Notdienst hinzugezogen werden muss.
Doch nicht nur Not-OPs belasten das Budget. Dr. Maren Püschel von der Kleintierklinik in Wasbek weist auf chronische Erkrankungen wie Schilddrüsenüberfunktion bei Katzen, Diabetes bei Hunden sowie Herzprobleme oder Arthrose hin.
Chronische Erkrankungen oft teurer als eine Operation
„Internistische Erkrankungen sind oft die eigentliche finanzielle Belastung“, sagt sie. Während eine Operation einmalig teuer sei, entstünden bei chronischen Krankheiten dauerhafte Kosten für Medikamente und Kontrollen. Bei einem größeren Hund mit Herzerkrankung könnten allein die Medikamente mehrere Hundert Euro pro Monat kosten.
Ein häufiger Irrtum sei, dass viele Tierhalter die Diagnostik unterschätzten. „Die Grunduntersuchung ist nur der erste Schritt“, erklärt Wolfgang Sinzinger. Erst danach folgten weitere Maßnahmen – und damit weitere Kosten.
Warum Tierarztrechnungen manchmal höher ausfallen als erwartet
Maren Püschel betont außerdem, dass Tierärztinnen und Tierärzte nicht frei abrechneten. „Wir haben eine Gebührenordnung, an die wir gebunden sind.“ Im Notdienst gilt ein erhöhter Satz. „Ich kann nicht einfach sagen: Sie sind ein guter Kunde, ich berechne das heute nicht.“ Moderne Medizin koste zudem entsprechend Geld. Narkoseüberwachung, Intensivstation, CT – „wenn wir Technik einsetzen wie in der Humanmedizin, dann hat das seinen Preis“, betont die Tierärztin.
Zu Missverständnissen komme es oft in emotionalen Ausnahmesituationen, wenn das Tier schwer krank ist. Dann gehe schon mal manches, was zuvor im Gespräch vereinbart wurde, im Nachhinein unter. „Die Besitzer sagen dann: ‚So war das aber nicht abgesprochen‘“, so Sinzinger.
Wo es bei Tierversicherungen hakt
Beide Tierärzte sehen bei den Versicherungen typische Fallstricke. Ein Klassiker ist die Wartezeit. Wer eine Versicherung abschließt und das Tier wird während der Karenzzeit, bis die Versicherung greift, krank, muss die Kosten selbst tragen. „Das wird häufig unterschätzt“, sagt Maren Püschel.
Ein weiteres Missverständnis taucht bei der OP-Versicherung auf. Eine OP bedeutet nämlich, dass auch etwas „geschnitten werden muss”, erklärt Maren Püschel. Eine Endoskopie, bei der ein Fremdkörper ohne Schnitt entfernt wird, kann trotz Narkose dann nicht abgedeckt sein. Auch Biopsien oder aufwendige Diagnostik zählen häufig nicht dazu.
Warum nicht jede Behandlung automatisch versichert ist
Sinzinger ergänzt: „Manche entwicklungsbedingten Erkrankungen sind zwar versichert, aber erst nach einer Karenzzeit von mehreren Monaten.” Das Problem: Ein früher Eingriff sei medizinisch oft sinnvoller.
Und bestimmte rassetypische Probleme, wie etwa Atembeschwerden bei kurzschnäuzigen Hunden wie Möpsen oder französischen Bulldoggen, sind je nach Vertrag außerdem ausgeschlossen. „Man muss das Kleingedruckte lesen“, betonen beide Tierärzte.
Großbritannien Versicherungsspitzenreiter
Wolfgang Sinzinger schätzt, dass in Deutschland deutlich weniger Tiere versichert sind als etwa in Großbritannien. Dort seien weit über 90 Prozent der Haustiere abgesichert. „Da funktioniert das System viel besser, weil auch die große Masse der gesunden Hunde mitversichert ist – und sich das Ganze dadurch trägt“, sagt der Tierarzt. Hierzulande hingegen liege die Quote seiner Wahrnehmung nach eher bei rund 15 Prozent.
Sinzinger bedauert diese Zurückhaltung. Aus seiner Sicht würde eine höhere Versicherungsdichte auch in Deutschland für mehr Stabilität sorgen, da Risiken auf viele Schultern verteilt würden.
Rücklagen oder Versicherung? Eine Frage der persönlichen Situation
Hierzulande setzen viele auf eigene Rücklagen. Das kann funktionieren, solange das Tier gesund bleibt. „Aber ein junger Hund kann auch morgen vom Arm fallen und sich das Bein brechen“, gibt Sinzinger zu bedenken. Maren Püschel bringt es auf einen einfachen Nenner: „Man trägt Verantwortung für ein ganzes Leben.“ Dazu gehöre nicht nur Futter und Auslauf, sondern auch ein Plan für den Krankheitsfall.
Ob dieser Plan aus Rücklagen oder einer Versicherung besteht, ist am Ende eine individuelle Entscheidung. Klar ist nur: Krank werden kann jedes Tier – und dann sollte nach Auffassung der Expertin nicht erst die Frage im Raum stehen, ob man helfen kann, sondern wie.