Donald Trump hat in den USA selbstbewusste Ignoranz zur politischen Trumpfkarte gemacht und findet immer mehr Nachahmer. Die Verachtung von Wissen und Expertise ist nicht nur in den USA zunehmend erfolgreich, sondern auch bei uns.
Wer ist Vivek Ramaswamy? Noch ist nicht sicher, ob man sich diesen schwierigen Namen merken muss. Doch wer ein Paradebeispiel für kalkulierte, politische Ignoranz sucht, findet es bei dem 38-jährigen US-Pharmaunternehmer und republikanischen Präsidentschaftsbewerber.
Jungwähler sind zu links? Einfach das Wahlalter heraufsetzen – und schon sind konservative Mehrheiten gesichert! Was tun für einen schlanken Staat? Jeden zweiten US-Bundesangestellten feuern! Wie löst man das Problem Putin? Indem man ihm einen Teil der Ukraine überlässt und ihn davon überzeugt, seine Allianz mit China aufzugeben. Und wie lassen sich dann auch noch die Spannungen mit Peking entschärfen? Die USA sollen Taiwan nur noch bis 2028 beschützen – so lange, bis sie eine eigene Halbleiterproduktion aufgebaut haben und nicht mehr von dortigen Lieferungen abhängig sind. Dann kann Peking zugreifen!
Der Trump-Imitator, der den Ex-Präsidenten bei der jüngsten Debatte unter den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern aggressiv verteidigte, wirbt mit solchen Vorschlägen um die Nominierung als Vizepräsidentschaftskandidat. Damit fährt er eine clevere Strategie unter den letztlich chancenlosen Bewerbern, obwohl er am Ende des Feldes liegt. Trump wird sicher der republikanische Kandidat. Und Umfragen sehen ihn in US-Schlüsselstaaten mit klarem Vorsprung vor US-Präsident Joe Biden.
Trumps Unwissen ist über jeden Zweifel erhaben
Trumps Erfolgsrezept, das unter den US-Republikanern gelehrige Schüler findet, ist ein von jedem Zweifel unbelecktes Unwissen: „Ich weiß mehr über die (islamistische Terrorgruppe) ISIS als die Generäle“, sagte Trump einst im Wahlkampf. Oder: „Ich werde eine große, große Mauer an unserer Südgrenze bauen. Und ich werde dafür sorgen, dass Mexiko dafür bezahlen wird.“ Oder: „Das Konzept des Klimawandels wurde von den und für die Chinesen geschaffen, um die US-Industrie weniger konkurrenzfähig zu machen.“ Und auch den Ukrainekonflikt würde er im Handumdrehen lösen, so behauptete er jüngst im Vorwahlkampf.
Trump hat die Schlüsseleigenschaft eines Ignoranten: Er glaubt, er wisse schon alles. „Ich rede mit mir selber als Erstes, weil ich einen sehr scharfen Verstand habe“, sagte er 2016 in einem Fernsehinterview: „Ich weiß, was ich tue. Mein wichtigster Berater bin ich selbst.“ Oder in den Worten des Ex-CIA-Chefs Michael Hayden kurz nach Trumps Amtsantritt im Weißen Haus: „Der Präsident interessiert sich wenig für Kontext oder für das, was auf der Welt passiert. Und er interessiert sich noch weniger für Menschen, die dieses Wissen vermitteln wollen.“
Ignoranz tritt geschmeidig auf
Von „eloquenter Ignoranz“ spricht am Beispiel von Trump und Ramaswamy der konservative Kolumnist David French in der „New York Times“ – und sieht darin einen gefährlichen politischen Trend: „Wenn wichtige Mitglieder der politischen Klasse jeglichen Anschein von Wissen und Wahrheit aufgeben, wird eine schlecht informierte Öffentlichkeit in keiner Weise in der Lage sein, sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen.“
Das politische Spiel mit der Ignoranz hat lange amerikanische Tradition. Bereits im Jahr 1963 schrieb der US-Soziologe Richard Hofstadter eine Analyse, die aus dem Trump-Zeitalter stammen könnte. Sie hieß „Antiintellektualismus im amerikanischen Leben.“ Hofstadter beklagte schon damals „eine vom äußersten rechten Flügel gepflegte Feindseligkeit gegenüber Intellektuellen, eine kategorische, populistische Abneigung gegenüber den Gebildeten und gegenüber allem Respektablen, Etablierten, Niveauvollen und Kultivierten.“ Doch eines hat sich seither verändert. „Die Ignoranz der Bürger war ein ernstes, aber handhabbares Problem, solange die Führungsschichten und die Schlüsselinstitutionen im Großen und Ganzen und auf durchaus unvollkommene Weise Wahrheit und Wissen wertschätzten – und solange unsere Bürger die Meinungen dieser Führungsschicht und dieser Institutionen ernst nahmen“, sagt heute der Kolumnist French.
Ich will nichts wissen – und das ist gut so
Trump hat die Karten neu gemischt. Er braucht sich im Gegensatz zum seinem gelehrigen und durchaus intelligenten Schüler Ramaswamy erst gar nicht zu verstellen. Wer Trumps Biografie liest, der weiß, dass ihm intellektuelle Neugier fremd ist. Und genau das macht ihn in den Augen seiner Anhänger so unnachahmlich authentisch: Er glaubt seinen Vorurteilen und Bauchgefühlen – und seinen Lügen. So ist er auf perverse Weise besonders glaubwürdig. Sein Erfolgsgeheimnis: eine Politik, die auf Instinkt und gefühlte Wahrheiten baut, nicht auf den Kopf.
Trump ist eine Führungs- und Kultfigur, die seinen Anhängern unüberhörbar zuruft: Ich will und muss nichts wissen! Insofern ist Trump mehr als nur ein Populist, der taktisch clever seine einfachen Wahrheiten serviert, weil sie ihm Applaus und politische Vorteile verschaffen. Trump hat Ignoranz zum Identitätsmerkmal gemacht, auf das seine Anhänger stolz sind.
Wissen als Zeichen von Arroganz
Damit erspürt der US-Republikaner einen politischen Trend. In relevanten Gruppen, auch westlicher Gesellschaften, gebietet Wissen keinen Respekt mehr, sondern gilt als Kennzeichen arroganter, meist urbaner Eliten, für die Bildung und Expertentum angeblich vor allem Mittel sind, um ihre gesellschaftliche Überlegenheit zu zementieren und anderen ihre Weltsicht aufzuzwingen. Das Misstrauen gegenüber einem solchen Herrschaftswissen ist nicht die Folge, sondern die Voraussetzung für Populismus. Erst Verachtung von Expertise bereitet den Boden für schlichte Welterklärungen.
„Die Hauptursache des Problems ist, dass in der modernen Welt die Dummen selbstsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind“, schrieb der britische Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell einmal. Bemerkenswert am Artikel unter dem Titel „Triumph der Dummheit“, in dem dieser Satz steht, ist das Veröffentlichungsdatum. Russell analysierte am 10. Mai 1933 kurz nach Hitlers Machtergreifung das Paradox einer deutschen Nation, die ein Jahrhundert lang viele der besten Wissenschaftler und Künstler der Welt hervorgebracht hatte und sich nun den ignoranten Thesen der Nazis auslieferte.
Gelogen, und die Wahrheit verbogen, wurde in der Politik schon immer. Neu ist nun nicht nur die ungefilterte Geschwindigkeit, mit der sich solche Botschaften etwa in den sozialen Medien verbreiten. Neu ist vor allem die implizite Attacke auf das rational-aufklärerische Weltbild insgesamt. Das genaue Wissen um dessen Grundlagen und Methoden war schon immer in breiten Schichten der Gesellschaft nur schwach verankert. Zwar gibt sich etwa die Schule alle Mühe, dessen Fundamente zu vermitteln. Aber der Firnis der Aufklärung ist dünn.
Der Firnis der Aufklärung ist dünn
Eine problematische Phase in dieser Hinsicht waren die Coronajahre. Hier griffen Experten tief in den Alltag der Menschen ein. Kontaktsperren und geschlossene Läden, Impfpflichten und Virenprognosen wurden den Menschen letztlich mit dem Argument des vorausschauenden, überlegenen Wissens auferlegt. Selten hatte die Wissenschaft eine derartige Macht über den Alltag.
Doch gleichzeitig waren Wissenschaftler und die ihnen folgenden Politiker fehlbar. Sie irrten sich zweifellos immer wieder, mussten selbst erst im Verlauf der Entwicklung dazulernen. Im wissenschaftlichen Weltbild ist ein solcher Prozess aus Dazulernen und Fortschritt ganz selbstverständlich. Doch in gewissen Kreisen der Bevölkerung säte er Misstrauen – auch deshalb, weil Experten und Politik verbliebene Unsicherheiten oft zu wenig vermittelten und Grenzen ihres Wissens nicht genügend artikulierten. Und noch etwas wurde versäumt: Faktenwissen bedeutet noch keine Handlungsanweisung. Manche Bürger empfanden die Maßnahmen als Bevormundung, bei der Wissenschaft und Politik unter einer Decke steckten.
Gefühlte Wahrheiten ziehen an
Wenn die rationalen Antworten kompliziert sind, entfalten gefühlte, einfache Wahrheiten eine enorme Anziehungskraft. Ein Thema, bei dem dies immer mehr spürbar wird, ist der Klimaschutz. Es ist nicht nur eines der größten, sondern auch eines der komplexesten Probleme der Gegenwart. Bisher glaubt die übergroße Mehrheit der Deutschen noch den Experten bei diesem Thema. Bei der Frage, ob der Klimawandel real sei, liegen zwischen Deutschland und den USA noch Welten. Nur eine knappe Mehrheit von 54 Prozent der Amerikaner glaubt laut dem Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center, dass der Klimawandel ein akutes Risiko ist. In Deutschland liegt die Quote derjenigen, die ihn für ein gravierendes Problem halten, laut einer Umfrage des Umweltbundesamtes bei 85 Prozent.
Sich dumm stellen ist einfacher
Doch jetzt, da die Konsequenzen von Gegenmaßnahmen im Alltag spürbar werden, wächst die Versuchung, sich hier im wahrsten Sinne des Wortes lieber dumm zu stellen. „Es ist bis heute nicht nachgewiesen, dass der Mensch, insbesondere die Industrie, für den Wandel des Klimas maßgeblich verantwortlich ist. Die jüngste Erwärmung liegt im Bereich natürlicher Klimaschwankungen, wie wir sie auch aus der vorindustriellen Vergangenheit kennen“, so stand es im Bundestagsprogramm der AfD. Auch beim Thema Corona bezweifelte die Partei den wissenschaftlichen Konsens. Bildung soll der Wirtschaft oder der nationalen Identität dienen. „Meister statt Master“ oder „Mut zur Leistung statt Akademisierungswahn“ sind weitere Parteislogans. Erkenntnisse, die nicht ins eigene Weltbild passen, sind von vornherein suspekt. In einem Bundestagsantrag vom Sommer zweifelte die AfD beispielsweise die Forschung zum Kolonialismus, zu Behinderung oder zu sexueller Identität grundsätzlich als unwissenschaftlich an.
Ignoranz ist nicht mit Dummheit zu verwechseln. Sie bedeutet, dass man sich gegen schwierige Fakten bewusst abschottet. Ignoranz ist die Haltung, nichts wissen zu wollen. Das lateinische Wort „ignorare“ heißt: außer Betracht lassen, nicht eingehen auf, überhaupt nicht berücksichtigen, hinwegsehen.
Die Versuchung eines schlichten, sich gegen zu viel Komplexität wehrenden Weltbilds zieht inzwischen weite Kreise. Ein Politiker, der mit simplen Thesen seine Popularität gesteigert hat, ist der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler). Auch er arbeitet sich am Klimawandel ab. „Zu trocken, nass, zu warm, kalt. Hauptsache schlimm. Und es droht . . .: Trockenheit? Zu viel Niederschlag? Weiß man nicht, aber es droht . . . !“, so kommentierte er Meldungen über Wetterextreme im Bayerischen Rundfunk. Angesichts von Schneefällen in Bayern schrieb er in einer Spitze gegen die Grünen: „Natürlichen Schnee gibt es ja nach Eurer Ideologie nicht mehr.“ Noch ist das Relativierung, nicht Verleugnung.
Bewusstes Abschotten von komplizierten Fakten
Wissen bedeutet Anstrengung. Es lässt sich nicht in Kurznachrichten pressen. Wer diese Mühe scheut und wer die Hierarchie zwischen Wissen und Unwissen verwischt, fördert die Lüge. Auch die Medien kapitulieren im Zeitalter der Klickstatistiken immer öfter vor der Aufgabe, komplexe Sachverhalte zu transportieren. Die Fake News, also die Falschnachrichten, die heute die sozialen, digitalen Kanäle überfluten, sind nicht Ursache, sondern Folge von Ignoranz.
Dies rechtfertigt keineswegs die gelegentliche Verachtung des politischen Urteils von weniger gebildeten Menschen durch diejenigen, die sich besser informiert wähnen. Wissen nimmt keine politischen Entscheidungen vorweg. Rationale Evidenz ist nur die eine Seite. Welche praktischen Schlussfolgerungen, etwa beim Klimaschutz, man daraus zieht, bleibt eine politische Frage. Komplexe Sachverhalte verständlich zu machen ist Bringschuld der Experten. Wenn immer mehr Menschen die Welt und ihre Krisen buchstäblich über den Kopf wachsen, ist es ein verständlicher Reflex, dass sie sich gegenüber sie oft überfordernden Informationen lieber verschließen.
Die Welt wächst den Menschen über den Kopf
Bisher konnten etablierte Elite-Institutionen – und dazu gehören Schulen wie politische Parteien – zum Ausgleich, wenn schon nicht ein Verständnis, so doch einen gewissen Respekt davor vermitteln, dass die Welt manchmal sehr kompliziert ist. Aber ihre Autorität schmilzt dahin. Denken und Wissen sind anstrengend. Umso verführerischer wirken Politiker, die versprechen: Es geht leichter als das!