Regelmäßig geht die 81-Jährige bei der Offenburger Tafel einkaufen. Der Einkauf dort strenge immer enorm an, man müsse schnell sein, um von den guten Dingen etwas abzubekommen, berichtet sie. (Symbol) Foto: dpa

Immer mehr Menschen können von ihrer Rente nicht mehr leben. Wie sich das im Alltag auswirkt, erzählt eine 81-jährige Seniorin, die regelmäßig die Offenburger Tafel besucht.

Vor dem Tor der Offenburger Tafel stehen zahlreiche Menschen bereit. Ein Vater mit Kind, ein junges Pärchen, unterschiedliche Hautfarben, Jung und Alt warten darauf, reingelassen zu werden.

 

Unter ihnen ist auch eine 81-jährige, kleine, schlanke Frau, mit der sich unsere Redaktion an diesem Freitagmittag verabredet hat.

Die Rentnerin ist vor etwa zwei Jahren aus Lahr nach Offenburg gezogen, lebt dort in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen und hat monatlich ihren Angaben nach etwa 1200 Euro zur Verfügung. „Ich würde mich nicht als ‚arm‘ bezeichnen, aber muss mein Geld schon zusammenhalten“, erklärt sie.

Sie wuchs in Hamburg mit sechs Geschwistern auf

Die Nummern 220 bis 230 werden aufgerufen, das Tor wird geöffnet und es geht los: Ausgestattet mit ihrer Tafel-Berechtigungskarte, einem Ticket mit der Nummer 225 und einem Einkaufstrolley macht sich die 81-Jährige auf den Weg in Richtung Essensausgabe. Für unsere Redaktion ist am Zaun allerdings Schluss. „Das ist so eng da drin, das geht nicht“, erklärt der Mitarbeiter am Eingang und verhindert so den gemeinsamen Einkauf mit der Rentnerin.

Durch dieses Tor werden die Menschen in den Innenraum der Tafel gelassen. Foto: Merz

Etwa eine halbe Stunde später kommt sie – sichtlich geschafft – auf der anderen Seite des Gebäudes wieder heraus, ihr Trolley ist gefüllt mit Lebensmitteln. „Ich bin fix und fertig“, betont sie. Der Einkauf bei der Tafel strenge immer enorm an. Man müsse schnell sein, um von den guten Dingen etwas abzubekommen. „Dreist sein kann ich aber einfach nicht“, sagt die Rentnerin, während sie die erworbenen Lebensmittel – unter anderem ein Mohnbrot, ein Körnerbrot, Blumenkohl, ein Osterhase von Lindt, Pilze, Tomaten und Tortellini – neben ihrem Fahrrad abstellt. „Für die ganze gefüllte Einkaufstasche habe ich jetzt acht Euro gezahlt.“ Bestimmte Waren müsse man dagegen einzeln bezahlen – so auch die Packung Eier und eine Sprühflasche, die die 81-Jährige für jeweils 30 Cent mitgenommen hat.

„Ich habe mich lange in Lahr bei der Nachbarschaftshilfe engagiert und dabei immer wieder Menschen an die Tafel verwiesen. Irgendwann habe ich nachgeschaut, ob ich auch berechtigt wäre und gesehen: Mein Einkommen war tatsächlich darunter“, berichtet die 81-Jährige. Nach einer Herzerkrankung habe ihre Tochter ihr geraten, in ein Betreutes Wohnen zu ziehen, wo sie nun, gemeinsam mit ihrem 17-jährigen Kater lebt. „Ich kann aber noch alles selber machen“, betont sie.

Aufgewachsen ist die 81-Jährige in Hamburg als jüngste von sieben Kindern in armen Verhältnissen. „Meine Mutter ist oft betteln gegangen“, erinnert sie sich. Sie besuchte die Hauptschule und wurde Näherin.

Vollzeitarbeit war durch die Kinder nicht möglich

Dass sie heute so haushalten muss, führt die Rentnerin auf ihren Lebenslauf zurück. Ihr erster Mann, mit dem sie zwei Kinder hat, sei Alkoholiker gewesen, weshalb sie entschloss, sich von ihm zu trennen. Mit 40 folgte ein drittes Kind mit einem zweiten Mann. Sie habe zwar die meiste Zeit gearbeitet – aber als Mutter nicht immer Vollzeit. Nach ihrem zweiten Kind sei sie zwei Jahre zuhause geblieben. „Als ich mich vom zweiten Mann geschieden habe, habe ich auch gleich geschaut, dass ich wieder arbeite“, erklärt sie.

Weniger Geld als andere zur Verfügung zu haben, bedeutet Abstriche zu machen, das wird durch ihre Erzählungen deutlich: „Ich verkneife mir Ausflüge meinem Kater zur Liebe. Für ihn muss ich das Geld zusammenhalten“, sagt die 81-Jährige. „Wenn ich meinen Kindern ein Geschenk machen will, muss ich es mir immer absparen.“ Doch jammern hört man die 81-Jährige nicht – im Gegenteil: „Ich bin sehr anspruchslos und genügsam“, betont sie, „das finde ich so toll an mir.“ Zu ihren drei Kindern und sechs Enkelkindern habe sie ein sehr gutes Verhältnis. „Mein Enkel kommt oft zu mir zum Essen“, berichtet sie. Der 81-Jährigen ist ihre Selbstständigkeit sehr wichtig: „Meine Kinder sollen nie das Gefühl haben, auf mich aufpassen zu müssen. Ich habe immer alles selber gemacht und es nervt mich, dass ich jetzt oft andere Menschen um Hilfe bitten muss.“

Gibt es etwas, das die Rentnerin heute anders machen würde, wenn sie auf ihr bisheriges Leben zurückschaut? „Was ich bereue ist, dass ich meinen Horizont nie erweitert habe. Ich war Näherin, das hat mir Spaß gemacht aber ich war immer irgendwie der ‚Doofi‘. Ich hatte lange Komplexe, das bremst mich bis heute aus. Dabei bin ich so ein interessierter Mensch. Ich hätte mehr Anschub gebraucht, um einen besseren Beruf zu lernen. Dann wäre ich auch selbstbewusster gewesen“, bedauert sie.

Altersarmut

Immer mehr Menschen in Deutschland können laut Statista nicht von ihrer eigenen Rente leben. 17,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren gelten demnach in Deutschland als armutsgefährdet. Frauen seien außerdem deutlich häufiger von Altersarmut betroffen als Männer. „Die Armutsgefährdungsquote von Seniorinnen lag im Jahr 2022 bei 19,4 Prozent“, heißt es.