Nathalie Schrade und Karsten Kroll unterstützen als Berater Pflegebedürftige und deren Angehörige. In Gesprächen stellen sie oft fest, dass Familien für den Ernstfall kaum gerüstet sind. Foto: Daniel Vedder

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt an, auch in Donaueschingen. 67 Prozent werden von Angehörigen unterstützt. Experten raten, sich früh mit dem Thema zu beschäftigen.

Das Schwierigste am Erwachsenwerden ist häufig, die eigenen Eltern beim Altwerden zu beobachten. Beim Besuch zu Ostern wirkt noch alles ganz normal, an Weihnachten fällt ihnen das Treppensteigen schon sichtlich schwer, und nur ein Jahr später erkennt man sie gar nicht mehr.

 

Zu sehen, wie die Menschen, die einen großgezogen haben, körperlich abbauen, kann tief schmerzen. Meist ist es ein schleichender Prozess, und plötzlich kann sich eine geliebte Person nicht mehr um sich selbst kümmern.

Doch wie soll das Leben aussehen, wenn es soweit ist? Viele stellen sich diese Frage erst, wenn der Fall der Pflegebedürftigkeit eintritt. Das ist zu spät, sagt Pflegeberaterin Natalie Schrade aus Donaueschingen.

„Wenige Menschen sind wirklich vorbereitet. Selbst bei Personen mit schwerwiegenden Erkrankungen fehlt oft einiges.“ Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist unangenehm. Vor allem Scham sei ein großer Faktor bei Betroffenen. „Für viele ist es zum Beispiel weniger peinlich, sich im Laden Erwachsenenwindeln zu holen, als beim Arzt Inkontinenz anzusprechen“, so Natalie Schrade weiter.

Markus Bonserio ist Leiter des Altenheims Sankt Michael in Donaueschingen. Foto: Johann Müller-Albrecht

Die meisten Menschen wollen so lange wie möglich daheim bleiben, sagt Karsten Kroll vom Pflegeberatungskompetenz-Netzwerk, dem Natalie Schrade angehört. „Dabei sollte man sich aber möglichst früh mit der Frage beschäftigen, wie es eigentlich weitergehen soll.“ Es gehe nämlich nicht nur um die Vergabe von Plätzen in Pflegeheimen, sondern auch um Leistungen und Unterstützungen, die Menschen in den eigenen vier Wänden bekommen können.

Zuschüsse für Hilfsmittel

Die Berater stellen in Gesprächen häufig fest, dass Pflegebedürftige und Angehörige gar nicht wissen, wie viele Zuschüsse und Finanzierungen auf Hilfsmittel ihnen eigentlich zustehen. Nicht nur besonders teure Hilfsmittel wie Treppenlifte oder Hausnotrufsysteme können bezuschusst werden. Inkontinenzmaterial, Erhöhungen für WC-Sitze, sogar selbstreinigende Toilettensitze übernehmen Kranken- oder Pflegekasse unter gewissen Voraussetzungen. Wer sich nicht mehr bücken kann, kann vom Arzt einen Greifer verschrieben bekommen. Auch Dinge wie Handläufe und Griffe im Haushalt gelten als Hilfsmittel.

Viele dieser Dinge sind kleine Helfer, bei denen man nicht auf die Idee kommen würde, dass Kassen die Anschaffung übernehmen könnten. Doch je mehr man davon benötigt, desto größer wird die finanzielle Belastung. „Das sind Sachen, die machen einen Riesenunterschied“, sagt Natalie Schrade. Solche Hilfsmittel steigern die Lebensqualität und verhindern Stürze.

Angehörige kümmern sich um Pflegebedürftige

Mit ihrer Beratung will Natalie Schrade pflegenden Familienmitgliedern und Pflegebedürftigen in der Region unter anderem dabei helfen zu verstehen, was ihnen wann zusteht, wenn sie daheim pflegen wollen. Denn das trifft auf den größten Teil der Pflege in Deutschland zu.

Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass zuletzt 67 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause und vornehmlich durch Angehörige gepflegt wurden. Nur 14 Prozent waren in Pflegeheimen untergebracht.

Zahl der Pflegebedürftigen stieg von 2,86 auf 5,69 Millionen an

„Ohne die Angehörigen würde unser Gesundheitssystem zusammenbrechen. Hilfebedürftige werden immer mehr, Hilfeleistende immer weniger“, sagt Karsten Kroll. Allein zwischen 2015 und 2023 stieg die Zahl der Pflegebedürftigen von 2,86 Millionen auf 5,69 Millionen Menschen an. Prognosen sehen bis 2070 kein Ende dieses Trends.

Das ist im Schwarzwald-Baar-Kreis laut Natalie Schrade nicht anders. „Wenn in Donaueschingen zehn neue barrierefreie Wohnungen gebaut werden, sind die sofort weg. Auf Facebook fragt in den Gruppen jede Woche jemand nach einer Haushaltshilfe.“

Schwierige Lage in der stationären Pflege

Ein Grund dafür, dass die Pflege daheim eine so große Rolle spielt, ist die schwierige Lage in der stationären Pflege. „Die Pflegesituation ist angespannt, insbesondere was die Verfügbarkeit von stationären Plätzen betrifft“, sagt Markus Bonserio, Heimleiter des Altenheims Sankt Michael in Donaueschingen. „Man muss auch bereit sein, über den eigenen Wohnort hinaus einen Pflegeplatz anzunehmen, da es immer wieder passiert, dass das bevorzugte Pflegeheim keinen freien Platz hat oder die Warteliste zu lang ist.“

Trotzdem, so Bonserio, zeigt die Erfahrung, dass durch eine frühzeitige Vorbereitung die Chancen auf eine gute Pflegesituation deutlich steigen. Der Heimleiter sieht jedoch öfter das Gegenteil. „Entscheidungen unter Zeitdruck sind leider eher die Regel als die Ausnahme. In akuten Situationen, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt, müssen Familien oft sehr schnell handeln.“ Eine passende Lösung sei aber kurzfristig meist nicht möglich. Unter dem Druck müssten Kompromisse gemacht werden, die Unzufriedenheit und zusätzliche Belastung bei allen Beteiligten nach sich ziehen.

Viele Betroffene und Angehörige unterschätzen Aufwand

Bonserio stellt fest, dass viele Betroffene und Angehörige den Aufwand unterschätzen, der in die Organisation von Pflege fließt. „Auch die emotionale Belastung sowie die Koordination innerhalb der Familie werden oft unterschätzt.“ Daher sollte man sich bei den ersten Anzeichen eines steigenden Unterstützungsbedarfs mit dem Thema beschäftigen, Informationen einholen, Pflegeheime besichtigen und sich über Wartelisten informieren.

Eintreten kann der Pflegefall jedoch nicht nur altersbedingt, sondern völlig unerwartet schon vorher. „Alle ab 18 Jahren brauchen eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht“, empfiehlt Pflegeberater Kroll. Es sei wichtig zu beachten, dass Allgemeinverfügungen nicht mehr gehen. Überall muss klar definiert sein, welche Person für welchen Bereich entscheiden darf. So können frühzeitige unangenehme Entscheidungen später ein wenig Last von Betroffenen und ihren Lieben nehmen.

Bedarf steigt

Statistik
Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland steigt dramatisch an. Alleine zwischen 2015 und 2023 hat sie sich nahezu verdoppelt und lag laut Statistischem Bundesamt zuletzt bei knapp 5,7 Millionen Betroffenen. Experten erwarten kein zeitnahes Ende dieser Entwicklung. Die Bevölkerungsvorausberechnung der Pflegestatistik geht von einer steigenden Zahl der Pflegebedürftigen bis 2070 aus, wenn nach der Projektion etwa 6,9 Millionen Betroffene gezählt werden könnten.