12 265 Einwohner hatte St. Georgen im Jahr 2022 – das zumindest sagt der Zensus. Ein Ergebnis, das die Stadtverwaltung „mehr als überrascht“, wie Bürgermeister Michael Rieger sagt. Und eines, das die Stadt vor finanzielle Herausforderungen stellen könnte.
Der Bergstadt fehlen 782 Einwohner. Von jetzt auf gleich sind sie einfach verschwunden – zumindest auf dem Papier. Grund ist der Zensus 2022. Denn die Erhebung hat ergeben, dass St. Georgen zum 15. Mai 2022, dem Stichtag des Zensus, 12 265 Einwohner hatte. Das sind deutlich weniger als bislang angenommen: Auf Grundlage der Bevölkerungsfortschreibung auf Basis des Zensus 2011 war man von einem Bevölkerungsstand von 13 047 Personen ausgegangen. Das entspricht einem Minus von fast sechs Prozent.
So ist es nicht weiter verwunderlich: Wie viele andere Kommunen im Kreis hadert St. Georgen mit dem Ergebnis der Volkszählung – auch, weil dieses sich auf den finanziellen Spielraum der Stadt auswirken könnte.
Was sagt die Stadtverwaltung zum Ergebnis des Zensus?
„Das ist natürlich ein Riesen-Thema“, sagt Bürgermeister Michael Rieger über die Ergebnisse des Zensus 2022. „Und wir sind da ja in guter Gesellschaft.“ Denn im Schwarzwald-Baar-Kreis muss sich längst nicht nur St. Georgen mit einem deutlich geringeren Bevölkerungsstand auseinandersetzen. Der ganze Kreis hat laut Zensus 5462 Einwohner weniger als auf Grundlage der Bevölkerungsfortschreibung. Und dieses Minus spiegelt sich – wenn auch unterschiedlich stark – in allen Kommunen im Kreis wider.
Was Bürgermeister Rieger besonders stört: Das Ergebnis des Zensus stelle genau das Gegenteil von dem dar, was die Stadtverwaltung auf dem Einwohnermeldeamt erlebe. Eigentlich, meint er auf Grundlage dieser Erfahrungen, müsste die Tendenz eher nach oben gehen. Er spricht von eher 13 300 Einwohnern. „Das deckt sich auch damit, dass man kaum eine Chance hat, hier eine Wohnung zu finden“, meint Rieger. Vor diesem Hintergrund habe das Ergebnis des Zensus 2022 die Stadtverwaltung „mehr als überrascht“.
Wie kommt die Diskrepanz zustande?
Mit ihrer Überraschung über die Zensus-Ergebnisse steht die Stadtverwaltung nicht alleine da – doch woher kommt der große Unterschied zwischen den Ergebnissen des Zensus und der Statistik des Einwohnermeldeamts? Immerhin basiert der Zensus 2022 teilweise auf den Einwohnerregistern der Kommunen.
„Eine reine Auszählung der Melderegister zur Ermittlung der Bevölkerungszahl ist allerdings nicht ausreichend, denn: Nicht alle Angaben daraus sind präzise und aktuell“, heißt es dazu auf der Webseite des Zensus 2022. Denn nicht immer kämen wichtige Informationen schnell und zuverlässig bei den Verwaltungen an. Der Zensus stützt sich daher auch auf eine Stichproben-Befragung der Haushalte.
Ein genauer Einblick in die Zensus-Statistik ist jedoch schwierig. Das meint Giovanni Costantino, Leiter Zentrale Steuerung und Dienste, im Gespräch mit unserer Redaktion. Das Problem aus Sicht der Stadtverwaltung: „Für uns ist es schwierig nachzuvollziehen, wie diese Zahlen zustande gekommen sind.“
Wie kann sich der Zensus im Haushalt auswirken?
St. Georgen bekommt, wie jede andere Kommune auch, jährlich einen gewissen Betrag pro Einwohner vom Land zugewiesen. Sinkt die Zahl der Einwohner, so sinkt auch diese Summe – gesetzt den Fall, dass das Land den Zuteilungsschlüssel nicht verändert. Dann könnte die Bergstadt künftig finanziell in schwieriges Fahrwasser kommen. Wie Bürgermeister Rieger sagt, habe die Stadtverwaltung noch nicht genau ausgerechnet, mit welchen Einbußen in diesem Fall zu rechnen wäre. Er geht aber von ähnlichen Zahlen wie in Bad Dürrheim aus. „Wenn alles so bleibt, wie es ist, könnten es 1,5 Millionen sein“, schätzt Rieger grob.
Für die Stadt, betont er, wäre das ein „Riesen-Verlust“. Käme dann noch eine eventuelle Erhöhung der Kreisumlage hinzu, „dann werden uns die nächsten Jahre harte Zeiten bevorstehen“. Das werde aber alle Kommunen betreffen, nicht nur St. Georgen.
Auch Costantino blickt mit Sorge auf die Ergebnisse des Zensus. Es sind vor allem die langfristigen Auswirkungen, die ihm Bauchschmerzen bereiten. Die fortschreitende Inflation werde dafür sorgen, dass der Unterhalt der städtischen Einrichtungen immer teurer wird. Wenn St. Georgen gleichzeitig weniger Geld zur Verfügung habe, „wird es immer schwerer, zu investieren“.
Ab wann wird sich der Zensus im Haushalt auswirken?
Das ist die gute Nachricht: Der Zensus 2022 wirkt sich nicht sofort im Haushalt der Stadt aus. 2024, also in dem Jahr, in dem die Ergebnisse der Volkszählung veröffentlicht wurden, bleibt erst einmal alles beim Alten. Für den Haushalt 2025 wird der Zensus 2022 dann zur Hälfte als Basis für die Bevölkerungszahl angewandt, sagt Costantino. Ab dem Haushaltsjahr 2026 gelten die Ergebnisse des Zensus 2022 vollumfänglich.
Wie geht es weiter?
Erst einmal heißt es in St. Georgen noch: abwarten. Im Herbst wolle man das Thema verstärkt angehen, sagt Bürgermeister Rieger, und den Kontakt zu anderen Kommunen suchen. Städte und Gemeinden können gegen das Ergebnis des Zensus auch Widerspruch beim statistischen Landesamt einlegen – ob St. Georgen davon Gebrauch macht, lässt Rieger aber noch offen.
Bei der Stadtverwaltung ist man darüber hinaus optimistisch gestimmt, dass das Land die Zuweisungsschlüssel anpassen wird, also mehr Geld pro Einwohner ausbezahlt. Der Grund: Die Einwohnerzahl sei insgesamt geringer ausgefallen als auf Grundlage der Bevölkerungsfortschreibung angenommen, sagt Costantino. St. Georgen ist also längst nicht als einzige Kommune betroffen.