Um Kinder und Jugendliche dort zu erreichen, wo sie sind, statt zu warten, bis sie kommen, ändert die Stadt Calw ihr Konzept. Dafür werden auch alte Angebote gestrichen.
Über viele Jahre hinweg war das Calwer Jugendhaus eine feste Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche. Das soll es bleiben. Allerdings bei Weitem nicht mehr so oft wie früher.
Um „Kinder und Jugendliche stärker in ihren jeweiligen Lebenswelten zu erreichen und Teilhabechancen im gesamten Stadtgebiet zu verbessern“, so heißt es in den Unterlagen des Kultur- und Bildungsausschusses, wird die Kinder- und Jugendarbeit in der Stadt auf neue Beine gestellt.
Schulsozialarbeit
Zum einen gehört dazu die Schulsozialarbeit. Seit April wurde dieser Zweig erweitert. Neu hinzugekommen sind die Grundschulen Altburg, Stammheim und Wimberg, wo es nun jeweils eine 25-Prozent-Stelle für diesen Zweck gibt.
An der Grundschule Hirsau reduzierte sich dafür der Stellenumfang der Schulsozialarbeit von bisher 50 auf jetzt 25 Prozent.
Unverändert bleiben die Umfänge an den Schulstandorten Heumadenschule (75 Prozent), Erna-Brehm-Schule (75 Prozent), Maria-von-Linden-Gymnasium (50 Prozent), Hermann-Hesse-Gymnasium (50 Prozent), Seeäckerschule (50 Prozent) und Heinrich-Immanuel-Perrot-Realschule (50 Prozent).
Vor allem durch und seit Corona sind die Fallzahlen bei der Schulsozialarbeit generell teils stark angestiegen. Auch die Intensität der Fälle hat zugenommen. Eine bundesweite Entwicklung, die auch vor der Hesse-Stadt nicht Halt macht.
Ferienbetreuung
Neu ist für das Team der Jugendsozialarbeit Calw in Trägerschaft der Waldhaus gGmbH indes die Federführung für das Ferienprogramm. Zusammen mit der Stadt Calw wird die Betreuung künftig organisiert und umgesetzt.
Ursache dieser Veränderung ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, der ab dem kommenden Schuljahr für Erstklässler greift und ab September 2029, jedes Jahr um eine Klassenstufe wachsend, für alle Grundschüler gelten soll.
Dieser Rechtsanspruch umfasst nicht nur eine Ganztagsbetreuung während der Schulzeit, sondern auch an fast allen anderen Werktagen des Jahres, also auch während der Ferien. Acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Lediglich an 20 Tagen darf geschlossen sein.
Die Stadt Calw passt daher ihr Ferienbetreuungsangebot an und bietet künftig nur noch Betreuung an einem zentralen Ort an – und zwar an der Erna-Brehm-Schule.
Offene Kinder- und Jugendarbeit
Die wohl größte Veränderung neben der Ferienbetreuung betrifft jedoch die offene Kinder- und Jugendarbeit. Spielte hier bislang das Jugendhaus in der Kernstadt noch eine große Rolle, verlagert sich jetzt der Schwerpunkt.
„Die Herausforderung besteht darin, den Übergang von einer stark standortgebundenen Offenen Kinder- und Jugendarbeit hin zu einer stärker sozialräumlich orientierten Struktur zu gestalten“, heißt es dazu im Bericht der Waldhaus gGmbH.
Konkret ist geplant, das Jugendhaus künftig nur noch an einem statt wie bisher an vier Tagen pro Woche für den offenen Betrieb zu öffnen (freitags).
Montag, Dienstag und Donnerstag wird dort das Schülercafé angeboten, die Schulsozialarbeit der Erna-Brehm-Schule; montags zudem Beratung und Bewerbungshilfe auf Anfrage.
Der Jugendtreff Heumaden bleibt geschlossen.
Donnerstags sind – alle zwei Wochen im Wechsel – offene Sportangebote in der Badstraßenhalle sowie offene Kinder- und Jugendarbeit im multifunktionalen Raum am Marktplatz 11 vorgesehen.
Neu hinzukommen sollen zwei Tage für die sogenannte sozialraumorientierte offene Kinder- und Jugendarbeit. Der Gedanke dahinter ist, nicht die Kinder und Jugendlichen „zu sich“ einzuladen, sondern stattdessen zu ihnen zu kommen.
Drei „Sozialräume“ wurden dafür definiert: Osten (Stammheim, Heumaden, Holzbronn), Zentral (Jugendhaus, Multifunktionsraum Marktplatz 11, Hirsau) und Westen (Altburg, Wimberg, Alzenberg). Wobei Holzbronn und Alzenberg erst später einbezogen werden sollen.
In Stammheim und Wimberg gebe es bereits geeignete Räume, in Heumaden, Holzbronn, Hirsau, Altburg und Alzenberg müssten diese noch gefunden werden.
Die Mitarbeiter wollen dabei Orte aufsuchen, wo Jugendliche sich üblicherweise aufhalten. „Wir alle kennen ja den einen oder anderen Punkt“, meinte Oberbürgermeister Florian Kling dazu in der Ausschusssitzung. Etwa an der Bushaltestelle Gänsäcker in Stammheim oder am Spielplatz in Alzenberg.
„Wir haben jetzt schon Idee“, sagte Michael Groh, Bereichsleiter Kommunale Jugendsozialarbeit bei Waldhaus. „Auch der ZOB wird natürlich ein Thema sein.“ Oder das Parkhaus Kaufland.
Geplant seien dabei „Anbahnungsversuche“, beschrieb Kling. „Nicht nur in die Richtung: Die sind da, die wollen wir da weghaben.“
Unter anderem soll es an diesen Orten dann mobile Angebote geben mit Spiel- und Sportmaterial, einer mobilen Musikanlage, Pavillons, Sitzmöglichkeiten und Outdoor-Spielen. Denkbar sei auch der Aufbau eines Spiel- oder Jugendmobils. Ein solches gab es vor einigen Jahren bereits in Form eines Busses – der jedoch allein aufgrund seines Alters binnen Kurzem defekt war.
Das sagt der Ausschuss
Der Ausschuss war geteilter Meinung, ob das neue Konzept zum Erfolg wird.
Karl-Heinz Scheffelmeier (Freie Wähler) meinte, es sei eine gute Idee, zu den Jugendlichen zu gehen, statt zu warten, bis sie selbst kommen.
Ralf Recklies (SPD) hielt es für „durchaus schwierig bei Jugendlichen“, wenn nur alle zwei Wochen jemand vor Ort sei. Zudem sah er im Jugendhaus klare Vorteile etwa gegenüber dem Gebäude Marktplatz 11. Das Jugendhaus sei schon in die Jahre gekommen, hier könnten sich die jungen Menschen eher „ausleben“ als in einem frisch sanierten Raum, wo Colaflecken nach einer Party schwierig seien.
Udo Raisch meinte schließlich, es gebe für ihn noch „viele, viele Fragezeichen“. Er plädierte jedoch dafür, alles nun beginnen zu lassen und später im Jahr nochmals darüber zu sprechen.
Das neue Konzept läuft bereits. Im August wird es aufgrund von Mini-Calw und Urlaub eine Pause geben, ab September soll die Struktur fortgeführt werden – dann vermutlich Schritt für Schritt mehr in Innenräumen aufgrund der kälteren Jahreszeit.