Nur ein gutes Dutzend Zuhörer kam zur GEW-Veranstaltung mit dem Lahrer Autor Michael Paul in den Stiftsschaffneikeller.
Mehr als 4000 Menschen haben am 3. Februar auf dem Lahrer Rathausplatz für Toleranz, Respekt und Vielfalt demonstriert. Eher kläglich fiel dagegen die Resonanz auf eine Veranstaltung des Kreisverbands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die im Rahmen einer Lesung mit dem Lahrer Autor Michael Paul ein weiteres Zeichen zum Thema leisten wollte.
Rund 1800 Lehrkräfte aus der gesamten Ortenau hatte man eingeladen, alle Schulen im Kreisgebiet angeschrieben. Willkommen waren aber auch alle anderen Akteure der Zivilgesellschaft. Am Ende konnten Matthias Biegert, der Kreisvorsitzende der GEW, gerade einmal ein starkes Dutzend Zuhörer im Stiftsschaffneikeller begrüßen. Das aktuelle Buch von Michel Paul, der in historischen Romanen immer wieder die dunkle Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beleuchtet, ist nicht mehr ganz taufrisch, der mittlerweile sechste Roman des Autors längst im Entstehen.
Überforderte Zivilgesellschaft?
Das Angebot, unter dem Motto „Wann, wenn nicht jetzt!“, in eine Diskussion über das Erstarken nationalistischer und rechtsradikaler Tendenzen einzusteigen, mögliche Ansätze in der aktuellen Bildungsarbeit zu erörtern, verpuffte weitgehend ungehört. Es scheint zu funktionieren, in der Masse ein starkes Zeichen zu setzen, sich zur Demokratie zu bekennen. Die von Biegert in der Einladung geforderte Zivilcourage, für die Rechte und Pflichten in einer demokratischen Gesellschaft aktiv einzustehen, scheint die Zivilgesellschaft aber allen Mahnungen zum Trotz nach wie vor zu überfordern. Die anwesenden Mitglieder des Kreisvorstands der GEW mussten zu Kenntnis nehmen, dass hier noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss.
Viele Hintergrundinformationen
Die von kleinen Gesprächsrunden zwischen Biegert und Paul immer wieder unterbrochene, mit sehr vielen Hintergrundinformationen gespickte Lesung tauchte dann ein in den 2023 erschienen Roman „Die Trostbriefschreiberin“. Paul erzählt die Geschichte einer 99-jährigen Nonne, die sich unter der Last ihrer eigenen Schuld in die Mauern des Klosters zurückgezogen hat. 1940, im Alter von gerade einmal 19 Jahren, war sie als Schreibkraft im Vernichtungslager Grafeneck auf der schwäbischen Alb in das Euthanasieprogramm „T4“ der Nationalsozialisten eingebunden. Grafeneck war die erste Tötungsanstalt mit einer Gaskammer, in der bis zur Schließung der Einrichtung 10 654 Menschen unmittelbar nach ihrer Ankunft getötet wurde.
Die abkommandierten Schreibkräfte mussten sogenannte „Trostbriefe“ an die Angehörigen verfassen, unter Angabe falscher Todesursachen, das Bedauern über das Ableben der Betroffenen zum Ausdruck bringen. Pauls Roman erzählt dabei nicht nur die Geschichte einer Nonne, die sich weigert, ein von der Kirche verkauftes Kloster zu verlassen und erst im Gespräch mit einer jungen Journalistin und einen ermittelnden Kommissar ihr dunkles Geheimnis preisgibt.
Autor geht tief ins Detail
Paul arbeitet auch die Hintergründe des Ende 1940 auf Druck der Kirchen gestoppten, heimlich aber weitergetrieben Euthanasieprogramms auf. Sein Roman befasst sich mit dem Thema Schuld, wird durch ein Nachwort des ehemaligen Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm ergänzt, der von 2000 bis 2015 die zentrale Stelle zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen, in Ludwigsburg leitete. Die historischen Sachverhalte zum Buch, werden von dem Historiker Thomas Stöckle, dem Leiter der Gedenkstätte Grafeneck erläutert.