Der Graue Star ist in Deutschland eine der häufigsten Krankheiten im Alter. In ärmeren Ländern wie Tansania sind häufig auch Kinder betroffen. Die Wege ins Krankenhaus sind weit – und oft gibt es keinen Rückhalt aus der Dorfgemeinschaft.
Die Sonne scheint nicht an diesem Morgen im tansanischen Moshi. Gut für Elia – denn es bedeutet optimale Bedingungen für Krankenpfleger Revocatus. Er wird Elia zwei Augenbinden abnehmen. Da stören Sonnenstrahlen. Helles Licht reizt die Augen. Noch mehr, wenn man wie der 13-jährige Elia am grauen Star erkrankt, im Verlauf der vergangenen zwei Jahre erblindet ist und nun zum ersten Mal wieder sehen soll.
Grauer Star und Kinder – diese Begriffe passen in der westlichen Welt nicht zusammen. In Tansania wie auch in anderen Ländern Afrikas und Asiens erkranken jährlich Tausende Kinder und Jugendliche an der vermeintlichen Alterskrankheit. Dabei trübt die Augenlinse nach und nach ein und wird schlussendlich grau. Betroffene sehen zunehmend unscharf und verschwommen wie durch einen Schleier oder Nebel und können auf Blendungen empfindlicher reagieren. Das zumindest ist die medizinische Erklärung. In Kihurio, drei Stunden Autofahrt und 180 Kilometer entfernt von der Stadt Moshi, haben viele Dorfbewohner eine andere Meinung: Sie glauben, Elia wurde verhext.
Auf den Schmerz folgte Wut
Als drittes von fünf Kindern wurde Elia 2009 geboren. Anfangs lebte er mit seiner Familie nahe der 184 000-Einwohner-Stadt Moshi, am Fuße des Kilimandscharo. Kurz vor dem Ausbruch der Coronapandemie hat sein Vater die Familie verlassen. Elias Mutter Rehema zog mit ihren damals vier Kindern in das Dorf Kihurio zu einem neuen Mann. Der Weg dorthin führt über holprige, häufig nicht geteerte Straßen, vorbei an Bananenstauden, Ziegenherden und unzähligen kleinen Dörfern. Auf der linken Seite lässt sich der Mkomazi-Nationalpark erahnen.
Ein Jahr lang konnte der Teenager das Backsteinhaus mit Wellblechdach, in dem seine und sieben weitere Familien zusammenwohnen, nicht verlassen. „Zu Beginn der Krankheit ging er noch in die Schule und traf sich mit seinen Freunden zum Fußballspielen“, berichtet seine Mutter. Elias Sicht sei damals nur eingeschränkt gewesen. „Doch dann häuften sich die Verletzungen. Immer öfter ist Elia hingefallen, hat sich selbst in seiner gewohnten Umgebung verletzt.“ Auf den Schmerz folgten Wut und Kummer.
In der Schule ist Elia schnell nicht mehr willkommen. „Geh heim, du bist blind“, lautet die bitter-ironisch klingende Ansage der Lehrer an ihn. Auch seine Schulkameraden haben wenig Verständnis. Wie auch: In der Dorfgemeinschaft hält sich hartnäckig die Meinung, Elia sei verhext, nur so sei erklärbar, dass der Junge nicht mehr sehen könne. Und so blieb Elia nichts anderes übrig, als monatelang auf einem Sofa der Dinge zu harren. Auf die Frage hin, wie er seine Zeit verbracht habe, antwortet er „wütend“. Sonst nichts.
Familie leidet unter Anfeindungen
„Ich freue mich, ihnen das Gegenteil zu beweisen, dass Elia nicht verhext ist“, sagt seine Mutter. Die ganze Familie leidet unter den Anfeindungen. Schließlich geht Elias älteste Schwester Esther mit ihm zu einem Optiker in die nächstgelegene Stadt, das 80 Kilometer entfernte Same. Dort hat man ihnen geraten, nach Moshi in das Kilimandscharo Christian Medical Center (KCMC) zu gehen. Dort arbeitet Mchikirwa Msina als eine der wenigen Augenärztinnen in Tansania, die Kinder am Grauen Star operieren können. Sie ist Stipendiatin der Christoffel-Blindenmission (CBM), einer gemeinnützigen Organisation aus dem hessischen Bensheim, die in Entwicklungsländern Menschen mit Behinderung unterstützt.
Mit Hilfe der CBM hat die Klinik die erste Augenabteilung des Landes eröffnet. Elia wird dort am Grauen Star operiert. Dafür wird seine milchige Augenlinse entfernt und durch eine künstliche Linse ersetzt.
Das KCMC-Krankenhaus ist für acht Millionen Menschen zuständig
Augenleiden gehören zu den zehn häufigsten Krankheiten in Tansania. Dass bereits Kinder am Grauen Star erkranken, liege häufig an einer Mangelernährung, erklärt die Ärztin. Für Elia prognostiziert sie eine gute Chance, wieder normal sehen zu können. „Er kam bereits sehr früh zu uns ins Krankenhaus“, sagt Msina und erzählt: „Viele Eltern warten zu lange, fünf Jahre oder noch mehr, bis sie sich ins Krankenhaus trauen. Andere kommen nie.“
Die Wege sind lang. Im Einzugsgebiet des KCMC leben rund acht Millionen Menschen. Die wenigsten davon besitzen ein Auto, geschweige denn Geld für die Behandlung. „Deshalb machen wir sogenannte Outreaches“, erklärt Msina. Jeden zweiten Monat geht die Ärztin mit einem Medizinerteam und tansanischen Mitarbeitern der CBM für zwei Wochen in entlegenste Gegenden, um die Menschen vor Ort zu untersuchen.
130 Euro für eine Graue-Star-OP
Wer, wie in Elias Fall, nicht die finanziellen Mittel von rund 284 000 tansanischen Schilling (125 Euro) aufbringen kann, dem werden die Kosten durch Spendengelder der Christoffel-Blindenmission, die an den Projektpartner KCMC fließen, komplett erstattet. „Es geht dabei aber nicht nur um Geld“, wirft die Ärztin ein. Nicht jeder, bei dem Grauer Star festgestellt wird, erhält automatisch eine Operation. „Das Engagement der Eltern spielt eine große Rolle“, sagt Msina. „So hart das klingt: Wir haben auch schon Patienten abgewiesen, weil wir gesehen haben, dass die Eltern sich nicht um ihr Kind kümmern.“ Dabei sei auch die Nachsorge ein wichtiger Teil der Heilung. So müssen etwa in den ersten zwei Wochen die Augen alle zwei Stunden mit Tropfen behandelt werden. Es folgen weitere Präsenztermine im Krankenhaus. Und wenn der Heilungsprozess nach der OP vorbei ist, sind die Patienten lebenslang auf eine Brille angewiesen.
Schlafsaal mit zehn Betten
Um Elia kümmert sich während des Aufenthalts in der Augenklinik sein Onkel Ismail. Fast durchgängig, seit der Abfahrt aus ihrem Heimatdorf Kihurio hat er seinen Neffen fest im Arm. Nicht nur, dass er ihm den Weg leitet, solange Elia nichts sehen kann. Er ist auch seine emotionale Stütze. Weicht nicht einen Meter von Elia, spricht mit ihm und macht Scherze, während sie gemeinsam auf Holzbänken vor dem Untersuchungszimmer sitzen. Im Fernseher läuft „Tom & Jerry“. Sehen kann Elia das nicht. Noch nicht.
Ismail und Elia verbringen die Nacht vor der Operation gemeinsam in einem Schlafsaal für Männer. Zehn Betten stehen dort, es wuselt vor Menschen – Ruhe gibt es nicht. Und auch keine Türe, die man zum Saal verschließen könnte. Am nächsten Morgen heißt es wieder warten auf der Holzbank. Vor ihm werden zwei andere Kinder operiert. Ein letztes Mal wird er von seinem Onkel an der Hand zum OP-Saal begleitet. Nach 30 Minuten legt Dr. Msina das OP-Besteck weg, und Elia wird in den Aufwachraum gebracht. In den kommenden 24 Stunden muss er zwei Binden tragen, um seine Augen zu schonen.
Die Anspannung, bevor ihm die Augenklappen abgenommen werden, ist sichtbar. Von dem wütenden Jungen, wie seine Mutter Elia beschrieb, ist jedoch nichts mehr da. Mit seiner linken Hand klammert er sich am Stuhl fest, seine Miene versteinert, ein Wort bekommt er nicht raus. Auch seinem Onkel ist nicht nach Scherzen zumute. Nach einmal tief durchatmen öffnet er die Augen.
Vor einigen Jahren, wird erzählt, war der Kilimandscharo das Erste, was die Kinder nach ihrer Operation aus dem Untersuchungsraum heraus gesehen haben. Mittlerweile ist die Klinik größer geworden. Andere Trakte verbauen die Sicht auf den Berg. Für Elia ist das egal. Strahlend und selbstbewusst steht er auf, geht alleine hinter Krankenpfleger Revocatus her und setzt sich auf die Holzbank vor dem Untersuchungszimmer.
Der angebliche Fluch verpufft
Im Fernseher läuft wieder „Tom & Jerry“. Daran ist Elia nicht interessiert. Er zählt lieber, wie viele Menschen sich mit ihm im Raum befinden, bevor er in das Untersuchungszimmer zu Krankenpfleger Roland darf, um zu testen, wie gut seine Sehkraft ist. Roland ist zufrieden: Von Nahem und selbst auf vier Meter Entfernung macht Elia ihm nach, wie viele Finger er nach oben hält.
Nach einer weiteren Nacht im Krankenhaus und Sehtests am Morgen darf Elia mit seinem Onkel wieder in das Auto des KCMC steigen und wird nach Kihurio gefahren. Das halbe Dorf hat sich versammelt. Abseits der Familie schauen sie gespannt auf das vorfahrende Auto. Elia hat nur Augen für seine Mutter, läuft direkt auf sie zu. Und der angebliche Fluch, der auf der Familie lag, verpufft unter den Blicken der Menge.