Trotz Krämpfen in den Oberschenkeln und Waden: Die Extrem-Sportlerin aus Schwann rennt in zwölf Stunden 129 Mal den Himmelsglück-Turm rauf und runter.
Zwischendurch ist es ein Kampf. Ein schwerer. Tanja Höschele kämpft gegen die Zeit, aber auch gegen ihren Körper: Als ihr Weltrekordversuch am Mittwoch um 7 Uhr früh beginnt, da hat sie ein großes Ziel und viele Treppenstufen vor sich. Die 53-Jährige will innerhalb von zwölf Stunden mindestens 128 Mal den Himmelsglück-Turm in Schömberg hinauf- und wieder herunterlaufen. Das bedeutet in Summe 12 800 Höhenmeter und wäre ein Weltrekord, den so noch nie eine Sportlerin aufgestellt hat.
Treppen sind ihr Ding
Treppen sind ihr Ding, und die Ausdauer ist es auch: Das hat Tanja Höschele schon öfter bewiesen. Ihren ersten Rekord stellte sie 2017 auf. Damals erklomm sie innerhalb von 24 Stunden 82 218 Stufen auf einen sogenannten Stairmaster. Das ist ein Fitnessgerät mit Stufen wie eine Rolltreppe. Mehr hatte bis dahin noch niemand auf einer in Gegenrichtung laufenden Rolltreppe zurückgelegt. Ein ander Mal lief sie innerhalb von 30 Tagen in Summe 1872 Kilometer auf einem Laufband. Oder stellte mit zwei befreundeten Sportlern einen Team-Weltrekord im Nonstop-Outdoor-Treppenlaufen auf. In 28 Stunden und 30 Minuten erklomm jeder von ihnen 63 674 Stufen.
Ihre Rekorde lässt sich die Sportlerin aus Straubenhardt-Schwann immer vom Rekord-Institut für Deutschland, kurz RID, bestätigen.
Pausen nicht vorgesehen
Nun also Schömberg. Mittwoch, 13.35 Uhr. „Bis jetzt liegt sie gut in der Zeit“, berichtet Anja Ralf. Sie ist eine gute Freundin von Höschele und begleitet diese durch den Rekordversuch. Ralf sitzt am Fuße des Turms an einem Tisch. Sie behält nicht nur die Uhr im Blick, sondern zählt auch die Runden und dokumentiert den Rekordversuch fürs RID. Und sie wartet, bis die Läuferin wieder unten ankommt – durchschnittlich ist sie fünf Minuten und elf Sekunden unterwegs.
Braucht sie etwas zu trinken? Oder schnappt sie sich ein Würstchen? Auf dem Tisch steht alles griffbereit, denn Pausen sind bei dem Rekordversuch nicht vorgesehen. Lediglich kurz auf die Toilette zu gehen, ist möglich.
Ralf ist nicht allein: Immer wieder kommen Freunde, Bekannte, Kollegen oder ihr Mann vorbei, um Tanja Höschele anzufeuern. Sogar eine Gruppe der Kindertagesstätte „Am Eulenbächle“ sei schon dagewesen, erzählen die Unterstützer. „Du schaffst das, Tanja!“, hätten die Kinder gerufen.
Zu den Unterstützern gehören auch Eva-Maria und Klaus Dettinger. Sie sind am Mittwoch immer wieder am Turm, um ihre Bekannte anzufeuern. Und sie sind zwei der Sponsoren, die sich Runden gekauft haben. Zehn Euro pro Auf- und Abstieg: Für jede Tour, die Tanja Höschele schafft, gehen Spenden an den Kinder- und Jugendhospiz Sterneninsel, für den sich Höschele als Ehrenamtliche engagiert. Sogar ein Kamerateam des SWR-Fernsehens berichtet über diesen Besonderen Spendenlauf.
Trinkflasche mit Cola gefüllt
Die Sportlerin ist in der 74. Runde angekommen. Wie die Lage ist? „Geht so“, sagt sie, als sie unten ankommt, nur schnell die mit Cola gefüllte Trinkflasche schnappt und wieder umdreht, die Treppe hoch. Nach oben geht’s in schnellen Schritten, runter gibt sie richtig Gas und rennt. Gegessen hat ihre Freundin noch nicht viel, stellt unten Anja Ralf fest. Fünf Gummibärchen vielleicht, einen Riegel und eine Minisalami. „Aber das war’s dann schon.“
Nach Runde 113 reicht’s ihr
Als die Schwannerin in ihrer 76. Runde ist, wollen ihr ihre Freunde Mut machen. „Die Hälfte ist rum“, rufen sie ihr zu. „Hör mir auf“, entgegnet Tanja Höschele. Sie befürchtet: „Es wird knapp.“ und: „Runter geht es brutal auf die Knie.“ Sie beißt sich dennoch weiter durch.
Tempo drauf
Trotz Rekordversuchs: Der Himmelsglück-Turm ist an diesem Tag für Besucher geöffnet. Mancher will eine Runde mit Höschele mitlaufen. Doch wer es versucht, der merkt schnell: Auch nach fast 80 Runden hat sie ein Tempo drauf, das man untrainiert kaum halten kann.
Nach Runde 113 hat die Rekord-Aspirantin genug. Sie kann nicht mehr. Als sie unten ankommt, erklärt sie: „Ich hör auf.“ Tanja Höschele hat den ganzen Tag über schon Krämpfe in den Oberschenkeln und Waden, auch mental ist sie am Ende. Eine Arbeitskollegin, die vor Ort ist, lässt das so nicht stehen. „Auf, ich komm mit!“, habe diese gesagt. Und zwar in so einem Befehlston, dass Höschele nicht anders kann, als weiterzumachen. Zumindest erzählt sie es so im Nachgang.
„Okay, eine mach ich noch!“
Von da an bis zum Schluss hat sie immer Begleitung, ihre Bekannten wechseln sich ab. Als die Extrem-Sportlerin nach Runde 128 unten ankommt, „hab ich erst mal einen Brüller rausgelassen“, erzählt sie mit einem Lachen. Und weil sie ist, wie sie ist, tritt sie nach einem Blick auf die Uhr noch einmal den Aufstieg an. Um 18.50 Uhr entscheidet die Schwannerin: „Okay, eine mach ich noch!“
Um 18.57 Uhr kommt Tanja Höschele schließlich nach fast zwölf Stunden, 129 Runden und 12 900 zurückgelegten Höhenmetern zum letzten Mal unten an. Das ist Weltrekord, ihr zehnter. „Da war ich durch“, sagt sie – im doppelten Wortsinn. Höschele hat sich mal wieder durchgekämpft.