Philipp Lahm bei seinem Besuch in der Luginslandschule in Untertürkheim am Dienstag. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Der frühere Stuttgarter Profi besucht ein Fußball-Projekt in Untertürkheim – und äußert sich auch zum abstiegsbedrohten VfB, bei dem er den Vorstand berät. Wie genau sieht seine Tätigkeit dort aus?

Die Hallenschuhe hat Philipp Lahm unter dem Arm. „Mir wurde gesagt, ich soll welche mitbringen“, sagt der Fußball-Weltmeister von 2014, als er am Dienstagvormittag die Luginslandschule in Untertürkheim betritt. Das Utensil erweist sich schnell als nützlich: Wenige Minuten später stehen Lahm und die frühere Nationalspielerin Celia Sasic in der Halle und kicken fast eine halbe Stunde lang gemeinsam mit Drittklässlern.

 

Die sind für die prominenten Mitspieler eigens in den Ferien in die Schule gekommen – normalerweise wird dort an Schultagen montags gespielt, um über den Fußball Sozialkompetenz und respektvolles Verhalten zu vermitteln.

Das beginnt schon vor dem Anpfiff. Wer denn Schiedsrichter sei, fragt Projektleiter Thomas Krombacher rhetorisch. Die Kinder wissen es längst, die Antwort schallt gleichzeitig aus mehreren Kehlen. „Alle.“ Was das heißt? „Dass man die Fouls selber zugibt.“ Lahm nickt zustimmend. Anschließend rollt der Ball, nach mehreren Doppelpässen und geblockten Schüssen ist auch der Ex-Profi ein kleines bisschen außer Atem.

Allerdings nicht so sehr, dass er nicht noch Luft für die eine oder andere Frage des Nachwuchses hätte. Wie schwer denn der WM-Pokal eigentlich sei, soll Lahm berichten („Wirklich schwer. Ich bin aber auch nicht so kräftig.“). Und warum spielt sein Sohn eigentlich nicht in Waiblingen Fußball? Dafür hat Lahm eine plausible Erklärung: „Wir wohnen in München.“

Lahm hält vor allem digital Kontakt zum VfB

Die Sache mit dem Wohnort erschwert tägliche Besuche in Stuttgart, wo Lahm auch rund um den VfB ein gefragter Gesprächspartner ist. Seit einem halben Jahr fungiert er als Berater des Vorstands um dessen Vorsitzenden Alexander Wehrle – gemeinsam mit Ex-VfB-Profi Sami Khedira. Die praktische Ausgestaltung der beiden Beraterrollen unterscheidet sich aber doch markant.

Während Khedira regelmäßig in Stuttgart vor Ort ist und vermutlich die derzeitige Trainingsleistung jedes Ergänzungsspielers aus dem Stegreif einordnen könnte, arbeitet Lahm eher aus der Ferne zu. Das aber geschieht nicht nur sporadisch und anlassbezogen, sondern innerhalb fester Terminserien. „Der Austausch ist regelmäßig da, vor allem mit Alexander Wehrle natürlich“, sagt Lahm, „das passiert virtuell, telefonisch, was auch immer. Es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten.“

Inhaltlich ins Detail will Lahm aber nicht gehen. „Als Berater ist es an sich nicht die Aufgabe, öffentlich zu reden“, sagt Lahm, „ich arbeite im Hintergrund.“ Vorstandschef Wehrle präzisierte das Ganze unlängst ein wenig. „Sehr viel analytischer“ geprägt sei Lahms Tätigkeit im Vergleich zur Arbeit Khediras, sagte der Vorstandschef in dem Fan-Podcast „Bruddelei“: „Man kennt ja die Beratungsunternehmen aus der Wirtschaft. Und so agiert Philipp mit seinem Team auch. Da geht es auch darum, Prozesse mal zu hinterfragen.“ Strukturen im Nachwuchsbereich beispielsweise. Man habe sich bei der Auswahl der beiden Berater daher bewusst für zwei sehr unterschiedliche Profile entschieden, so Wehrle.

Während seiner Beratertätigkeit hat Lahm alle VfB-Spiele gesehen

Dass Lahm die Profis des VfB aber nur vom Hörensagen kennt, muss niemand ernsthaft befürchten. Die Frage, wie viele Spiele der Bundesliga-Mannschaft er denn während seiner Beratertätigkeit schon gesehen habe, nimmt der 39-Jährige fast ein wenig verwundert zur Kenntnis. „Alle selbstverständlich“, sagt er mit leicht nach oben gezogenen Augenbrauen. „Wenn ich jemanden berate, schaue ich mir auch alle Spiele an. Das ist natürlich klar.“

Und wie schätzt er die Lage beim VfB ein? Der Trend seit dem Amtsantritt von Trainer Bruno Labbadia geht aus Lahms Sicht in die richtige Richtung. „Es ist mehr Stabilität im Spiel, vor allem defensiv.“ Einzig die Punkteausbeute passe noch nicht zur Leistung: „Die Spiele, die man verloren hat, hätte man nicht verlieren müssen. Da war das Glück nicht so auf der Seite des VfB.“

Die EM 2024 als Chance für die Sportstadt Stuttgart

Abstiegskampf als Stuttgarter Dauerzustand kann und will sich Lahm aber nicht so richtig vorstellen. „Ich glaube, der VfB mit dem Standort Stuttgart hat das Potenzial, noch weiter oben zu spielen als nur in der Liga dabei zu sein.“

Womöglich könnte auch die Fußball-Europameisterschaft der Region einen Schub verleihen, die im kommenden Jahr in Stuttgart und neun weiteren deutschen Städten ausgetragen wird. Lahm, seines Zeichens auch Turnierdirektor der EM 2024, ist davon überzeugt. Und das nicht nur mit Blick auf den Profisport. „Kinder brauchen auch immer Vorbilder. Und bei der EM werden die Vorbilder vor der Haustüre da sein.“ Die Wirkung des Turniers könne aber weit über das rein Sportliche hinausgehen. „Die Euro 2024 ist eine Riesenchance für uns alle“, sagt Lahm. „Unsere Gesellschaft braucht solche Gemeinschaftserlebnisse, damit über den Fußball Menschen zusammenkommen.“ Beim Untertürkheimer Fußballprojekt funktioniert das schon jetzt.