Die Diagnose Krebs bedeutet nicht bei allen das Todesurteil. Teils gelingt selbst bei scheinbar aussichtslosem Kampf ein Wunder: Ein ehemaliger Palliativpatient erzählt.
Max Heller war 40 Jahre alt, als er die Botschaft erhalten hatte, vielleicht nur noch ein halbes Jahr zu leben – bestenfalls zwei Jahre. Was ein solches medizinisches Urteil auslöst, könne man sich nicht vorstellen, sagt der Familienvater. Er habe erst mal versucht, ruhig weiter zu atmen.
Seit diesem Urteil sind inzwischen nahezu fünf Jahre vergangen. Max Heller lebt. Er gilt sogar als „krebsfrei“, was im Medizinjargon so viel bedeutet, dass er beste Voraussetzungen hat, als vollständig geheilt eingestuft zu werden. Er fühle sich ein wenig als medizinisches Wunder, sagt er. Herbeigeführt von dem unermüdlichen Einsatz der behandelnden Mediziner und der Krebsforschung.
Jeder kommt irgendwann mit Krebs in Berührung
Es sind solche medizinischen Erfolge, die Hoffnung machen, dass Krebs bei vielen Menschen wenn nicht ganz geheilt, so zumindest doch zu einer beherrschbaren Erkrankung werden kann. „Krebs ist eine sehr gefürchtete Erkrankung in der Bevölkerung“, bestätigt Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. „Jeder tritt mit ihr irgendwann in Kontakt – sei es durch die eigene Diagnose, sei es durch eine Neuerkrankung bei Angehörigen oder im Freundeskreis.“
Das zeigen auch die Zahlen: Rund eine halbe Million Menschen erkranken jedes Jahr neu an Krebs. Nach neuesten Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden 2023 in Deutschland 517.800 Krebserkrankungen neu diagnostiziert, davon etwa 276.400 bei Männern und 241.400 bei Frauen. Krebs ist längst zu einer Volkskrankheit geworden.
Krebs führt bei Jüngeren seltener zum Tod
Dabei ist es keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Begriff für viele Dutzend Leiden, die sich hinsichtlich der Entstehung , des erkrankten Organs und der Aggressivität des Tumors stark unterscheiden. Das erklärt, warum der eine Patient noch Jahrzehnte leben kann, während dies einem anderen nicht vergönnt ist.
So führt Krebs nach aktuell veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes gerade bei Menschen im jüngeren und mittleren Alter seltener zum Tod als noch vor 20 Jahren – auch wenn insgesamt die Zahl der an Krebs Gestorbenen steigt. Rund 230.000 Menschen sind 2024 in Deutschland an Krebs gestorben. Das waren etwa zehn Prozent mehr als 20 Jahre zuvor. „Der Anstieg ist vor allem auf die Alterung der Gesellschaft zurückzuführen“, berichten die Statistiker. Die häufigste krebsbedingte Todesursache war wie in den Vorjahren Lungen- und Bronchialkrebs mit 45.100 Todesfällen. Diese Krebserkrankung allein war 2024 für fast ein Fünftel der krebsbedingten Todesfälle die Ursache.
Neuartige Behandlungsmethoden helfen beim Kampf gegen Krebs
Dass gerade bei den Jüngeren die Krebs-Diagnose kein Todesurteil sein muss, führt das Bundesamt für Statistik auf die verbesserten Behandlungsmethoden sowie auf die Möglichkeiten zur Früherkennung und Prävention zurück. „Das sind auch die Erwartungen der Bundesbürger an unsere Forschung“, sagt der DKFZ-Chef Michael Baumann. „Dass wir als Zentrum der Spitzenforschung die Erkrankungszahlen senken und neue Therapiewege eröffnen.“
Davon hat auch der Kölner Max Heller profitiert – allerdings erst über Umwege: Bei ihm wurde im Jahr 2021 ein Gallengangkarzinom diagnostiziert, ein seltener bösartiger Tumor, der normalerweise erst im höheren Alter auftritt. Zudem hatte der Tumor schon Metastasen im Bauchfell entwickelt. Eine lebensrettende Therapie erschien sinnlos. „Ich wurde als abgeschriebener Palliativpatient gleich wieder nach Hause geschickt“, sagt er.
Nach dem Todesurteil wird von Heilung gesprochen
Doch aufzugeben, das war für den damals 40-Jährigen Familienvater eines elfjährigen Sohnes keine Option. Durch private Verbindungen kam er an das Zentrum für integrative Onkologie in Köln (CIO). Dort wurde Heller geraten, sich über mögliche Studienteilnahmen zu informieren. Zusammen mit seinem Onkologen wurde er fündig: Mit Hilfe einer neuartigen Kombination aus Immun- und Chemotherapien sollten metastasierende Gallengangkrebserkrankungen so geschrumpft werden, dass sie am Ende doch noch operativ entfernt werden können. Es handelte sich um eine klinische Studie, die schon bei anderen Patienten gute Ergebnisse erzielt hatte. „Zum ersten Mal stand das Wort ‚Heilung’ wieder im Raum“, sagt Heller.
Die Angst, als Versuchskaninchen behandelt zu werden, sei bei guten Studien unbegründet, bestätigt DKFZ-Chef Baumann: Die Studienteilnahme habe nur Vorteile – für das Gemeinwohl, aber auch für den Patienten selbst. Die Prognose bei Studienteilnehmern ist oft besser, weil sie intensiver und engmaschiger betreut werden. Aber auch weil sie teils eine völlig neue Therapie erhalten.
Eine Krebstherapie mit vielen Nebenwirkungen
Auch wenn Max Heller dankbar ist, diesen wissenschaftlichen Weg eingeschlagen zu haben, will er seine Erfahrungen nicht schönreden: „Die Studie war ein harter Ritt.“ Heller erhielt innerhalb eines Jahres neunmal eine Kombination aus Immun- und Chemotherapie. „Aufgrund der Nebenwirkungen war ich etwa ein Dutzend Mal in der Notaufnahme, und fast ebenso häufig musste ich stationär aufgenommen werden.“ Sei es wegen hohen Fiebers oder einer Venenthrombose, wegen schwerer Entzündungen oder eines fehlerhaften Katheters. Seit dieser Zeit könne er Menschen verstehen, die irgendwann genug von ihrer Krebstherapie haben und jede weitere Maßnahme ablehnen. „Es ist unfassbar kräftezehrend.“
Max Heller hatte Glück. Die Therapie schlug besser an als erwartet. Es fand sich sogar eine Chirurgin, die schließlich Hellers Tumor in einem achtstündigen Eingriff aus dem Gallengang herausoperierte – und zugleich sämtliches Gewebe, das möglicherweise Krebszellen enthalten könnte. Knapp eineinhalb Millimeter vor einem zentralen Blutgefäß konnte die Ärztin ihr Werk beenden. In den Kontrollproben waren keine Krebszellen mehr nachweisbar. „Während ich noch auf dem OP-Tisch lag, rief die Chirurgin meine Frau an, um ihr diese freudige Nachricht mitzuteilen“, sagt Heller.
Der geheilte Krebspatient begleitet andere Krebspatienten
Max Heller will nun, dass aus seiner Krankengeschichte etwas Gutes entsteht: In seiner Freizeit begleitet er ehrenamtlich Patienten, um mit der existenziellen Erschütterung, die eine Krebsdiagnose auslöst, fertig zu werden. Auch ist er Mitglied im Patientenbeirat des Westdeutschen Tumorzentrums von Universität Duisburg-Essen, Universitätsmedizin Essen, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Universitätsklinikum Düsseldorf – ebenso im CIO Köln.
Als Patientenvertreter begleitet er zudem klinische Studien: „Wir müssen noch viele Brücken bauen und zeigen, dass die Forschung mit uns und für uns möglich und wichtig ist.“ Gerade bildungsferne Menschen oder solche mit Migrationshintergrund würden häufig nicht erreicht – ein Problem, das sich durch die Pandemie noch verschärft habe.
Allerdings möchte Heller auch nichts beschönigen. „Ich bin vorsichtig, weil ich mich noch immer wie ein Lottogewinner fühle, der anderen sagt: Spielt Lotto, es lohnt sich.“ Letztlich habe er erkennen dürfen, dass die endgültige Heilung bei Krebs nicht unbedingt das Ziel sein muss. „Ich habe unfassbar viele Menschen kennengelernt, die schon seit fünf, zehn, teilweise sogar mehr als 20 Jahren mit ihrer Krebserkrankung leben – und dies teils sehr gut.“
Studien – Wo gibt es Informationen?
Suche
Die Suche auf eigene Faust gestaltet sich in vielen Fällen als sehr schwierig: So gibt es beispielsweise in Deutschland derzeit keine Datenbank, die für Laien verständlich aufbereitet und gut zugänglich ist. Am besten ist es, an eines der Nationalen Zentren für Tumorerkrankungen zu gehen, die es deutschlandweit gibt. Denn diese haben einen Forschungsauftrag. Gute Ansprechpartner gibt es auch bei den onkologischen Spitzenzentren sowie bei den zertifizierten onkologischen Zentren. Einen Überblick gibt es hier: https://www.krebsinformationsdienst.de/forschung/klinische-studien
Teilnahme
Für Patienten, für deren Krebserkrankung es keine erprobten Standardtherapien mit sehr guter Wirksamkeit gibt, können Studien eine sehr sinnvolle Option sein. Aber auch für Patienten, denen es wichtig ist, einen Beitrag zu leisten, damit sich die Behandlung von künftigen Krebspatienten weiter verbessert.
Rechte
Studienteilnehmer haben zunächst – bevor sie in eine Studie einwilligen – das Recht, ausführlich über die Ziele und Risiken informiert zu werden. Studienträger müssen zudem eine Versicherung abschließen, um mögliche Risiken abzudecken. Für alle Daten gilt der Datenschutz. Entscheiden sich Studienteilnehmer auszusteigen, können sie das jederzeit und ohne Angaben von Gründen auch tun – ohne Nachteile bei weiteren Behandlungen zu erfahren.