Am 11. November beginnt die Weltklimakonferenz COP 29 in Baku. Aber interessiert das überhaupt noch jemanden? Und woher kommt diese Klimamüdigkeit? Zwei Experten aus Baden-Württemberg haben Antworten.
Die Zeiten könnten wohl kaum turbulenter sein, in die diese Weltklimakonferenz fällt. Dennoch werden bei der Weltklimakonferenz COP 29, die vom diesem Montag bis zum 22. November in Baku (Aserbaidschan) stattfindet, bis zu 50 000 Menschen erwartet: Staatschefs, Wissenschaftler, Lobbyisten und Aktivisten.
Nur: Interessiert das Klima zurzeit noch jemanden? Kanzler Olaf Scholz hat seine Teilnahme wegen der Regierungskrise abgesagt. Auch der noch amtierende US-Präsident Joe Biden wird laut Medienberichten nicht kommen, ebenso wenig wie die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.
Christoph Burger, Psychologe aus Herrenberg (Kreis Böblingen) und Vertreter von Psychologists for Future, spricht von einer „gigantischen Verdrängungsleistung“ in Bezug auf die Klimakrise. Wahlen, Kriege, Migration, Wirtschaftskrise und Finanzen stünden derzeit weiter oben. Er spricht von Klimamüdigkeit, also einem Desinteresse am Klima und der sinkenden Motivation, etwas für dessen Schutz zu tun.
„Die Gespräche bei der COP können wirklich etwas bewirken“
Die Tübinger Politikwissenschaftlerin Melanie Nagel hält unter anderem das Nicht-Einhalten des Pariser Abkommens auf 1,5 Grad Erderwärmung für einen Grund der Klimamüdigkeit. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass es im Jahr 2024 wohl erstmals 1,5 Grad wärmer als im vorindustriellen Zeitalter wird. Gerade deshalb könnte diese Weltklimakonferenz jedoch bedeutsam sein: „Da sind auch Staaten dabei, die sehr stark von fossiler Energie abhängig sind. Und diese Gespräche sind wichtig und können etwas bewirken“, sagt Nagel.
Doch auch die Informationsflut sei ein Grund für Klimamüdigkeit: „Wir werden immer öfter mit Umweltkatastrophen konfrontiert, wodurch ein Gefühl der Abstumpfung und Machtlosigkeit entstehen kann.“ Zudem habe sich der Diskurs verändert: Zur Hochphase von Fridays for Future 2019 und 2020 sei in den Medien die Rede davon gewesen, dass man nun handeln müsse, mehrere Kommunen riefen den Klimanotstand aus. „Heute hören wir mehr über die Kontroverse zwischen Klimaschutz und Wirtschaftskrise.“
„Angst steckt hinter allem“, sagt der Psychologe
Auch Verzögerungsdiskurse führten zu Klimamüdigkeit, sagt Nagel. Damit meint sie etwa, dass Vertreter konservativer Parteien oft von Technologieoffenheit und langfristigen Maßnahmen sprechen. „Es gibt durchaus technische Lösungen – aber die reichen nicht“, sagt sie. „Wir müssen auch unser Verhalten grundlegend verändern.“ Dafür brauche es politische Maßnahmen, die darauf abzielten, nachhaltiges Verhalten durch Anreize zu belohnen und Sanktionen für klimaschädliches Verhalten zu erheben.
Aus psychologischer Sicht ist für Burger klar: „Angst steckt hinter allem“. Letztlich erinnerten die Folgen der Klimakrise die Menschen an den eigenen Tod – entsprechend stark verdrängten sie diese. Zwar könnten sie die Auswirkungen in Form von Umweltkatastrophen sehen – aber der Zusammenhang sei nicht ganz so ersichtlich, wie wenn man seinen Arbeitsplatz verliere, sagt Burger. Jedoch betont er, dass man auch funktionierenden Klimaschutz sofort spüre und er sich zudem mit sozialem Ausgleich verbinden lasse: „Arme leben nicht unbedingt auf dem Land und fahren Diesel, sondern auch im Stuttgarter Talkessel und können sich kein eigenes Auto leisten. Sie würden sofort von der Förderung des ÖPNV profitieren.“
Mannheim als Positivbeispiel für Klimaschutz
Angst und Unsicherheit als großes Problem
Generell werde noch zu wenig darüber diskutiert, dass Superreiche in der Regel viel mehr Emissionen emittierten als Ärmere, kritisiert Nagel. Sie schlägt daher vor, den Emissionshandel insofern auszuweiten, als dass jeder Einzelne ein CO2-Budget bekäme. Wer nicht alles aufbraucht, könnte Teile verkaufen. Dadurch würden Reiche automatisch mehr für Klimaschutz bezahlen.
Um wieder mehr Aufmerksamkeit fürs Klima zu generieren, bräuchte es mehr Erfolgsgeschichten, glaubt Melanie Nagel. Als Beispiel nennt sie das das Collegium Academicum in Heidelberg auf dem Gelände eines ehemaligen US-Militärkrankenhauses. Junge Menschen haben dort gemeinsam mit Handwerkern einen als besonders nachhaltig geltenden Holz-Neubau errichtet. Nun wohnen dort Studierende zu günstigen Preisen, zudem wird das ganze Projekt gemeinschaftlich betrieben.
Experten haben Ideen gegen die Klimamüdigkeit
Außerdem führe mehr Partizipation, also Beteiligung von Bürgern, auch zu mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit, sagt sie. Mannheim etwa gelte als eine Industriestadt, stehe aber beim Klimaschutz gut da. So nimmt Mannheim bei einem Programm der EU teil, bei dem 100 Städte ausgewählt wurden, die sich das Klimaneutralitätsziel bis 2030 setzen. Auf dem Onlinetool Climate-View kann jeder sehen, was wie viel bringt und wo Mannheim momentan steht.
Unterdessen sei es kontraproduktiv, wenn ein partizipatives Verfahren – wie der Bürgerrat Klima in Stuttgart – kaum Eingang in politische Entscheidungen finde, sagt Nagel: „Wenn so etwas eher eine Alibiveranstaltung ist, wird es ganz gefährlich und bringt mehr Frustration für die Bürgerinnen und Bürger.“
Und wenn man selbst erkennt, dass man zuletzt klimamüde geworden ist, künftig aber wieder aktiver werden will? Der Psychologe Christoph Burger sagt: „Entscheidend ist die Einsicht, dass ich zwar darüber diskutieren kann, was in China klimatechnisch alles falsch läuft – aber gleichzeitig schon morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren kann und damit selbst etwas bewirken.“