Der Weltfrauentag im Zollernalbkreis macht sichtbar, wo Gleichstellung gelingt – und wo noch Handlungsbedarf besteht.
In einer idealen Welt wäre dieser Tag überflüssig. Es müssten sich keine 55 Organisationen auf dem Albstädter Bürgerturmplatz versammeln, niemand müsste Mitmachaktionen organisieren. Begriffe wie „Gendergaps“ und „Frauenarmut“ wären nicht notwendig. Ja, in einer idealen Welt bräuchte es keinen Weltfrauentag, um die Menschen für Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern zu sensibilisieren, sagt Estelle Koschnike-Nguewo.
Doch diese Welt existiert nicht. Und deshalb sei es wichtig, am 8. März für Frauenrechte einzustehen – gegen Femizide und geschlechterspezifische Gewalt, für gleiche Bezahlung und politische Teilhabe sowie gegen Rückschritte in der Gleichstellung, so die Gleichstellungsbeauftragte des Zollernalbkreises. In den vergangenen Wochen hat sie ein Programm für den Weltfrauentag zusammengestellt (siehe Infokasten).
Ziel sei es, deutlich zu machen, dass Unterschiede etwa bei Lohn, Rente und Sorgearbeit wesentliche Faktoren der Frauenarmut sind: „Frauenarmut ist kein Zufall und nicht immer individuelles Schicksal, sondern häufig das sichtbare Ergebnis struktureller Ungleichheit zwischen den Geschlechtern“, erklärt Koschnike-Nguewo.
Was in Albstadt geplant ist
Los geht es am Samstagmorgen um 10 Uhr auf dem Bürgerturmplatz in Albstadt. Neben Live-Musik wird es Impulse und verschiedene Aktionen geben. „Mir ist es ein Anliegen, alle Generationen und alle Menschen zu erreichen. Denn das Thema Gleichberechtigung geht uns alle an.“
Sie betont, dass es auch darum geht, die junge Generation für Ungleichheiten zu sensibilisieren – unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Auch klassische Rollenbilder, etwa die Vorstellung, dass Care-Arbeit „Frauensache“ sei, müssten überwunden werden. Dabei seien auch Männer gefragt, die sich für Gleichstellung einsetzen, um gemeinsam etwas zu bewegen.
Erst vor wenigen Tagen kündigte ein Kollege an, er werde mit seinem Sohn vorbeischauen, erzählt Koschnike-Nguewo. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt. Überhaupt blickt sie optimistisch in die Zukunft: „Wenn ich die Resonanz von vor drei Jahren mit heute vergleiche, merke ich: Es tut sich etwas. Es lohnt sich, dranzubleiben.‘“
Möglichkeiten auf dem Land
Diese positiven Entwicklungen sieht sie auch im ländlich geprägten Zollernalbkreis, wo sich Gleichstellung anders umsetzen lasse als in einer großen Stadt: „Ich schaue nicht auf die Grenzen, sondern auf die Möglichkeiten, die der ländliche Raum bietet.“ Hier kennen die Menschen einander, geben aufeinander Acht, so ihre Überzeugung. „Wenn es zum Beispiel um häusliche Gewalt geht, kann das entscheidend sein. Auffälligkeiten werden schneller bemerkt, Hilfsangebote können schneller vermittelt werden.“ Die Gleichstellungsbeauftragte schiebt hinter: „Man kann die Menschen direkter erreichen.“ Großstädte präsentieren sich zwar häufig offener und toleranter, seien jedoch deutlich anonymer.
Auch für Frauen in Führungspositionen biete die hiesige Region Chancen: „Wir haben viele Vorbilder im Zollernalbkreis, die sollten wir nur mehr ins Licht bringen.“ Wichtig sei, ein klares Bild davon zu haben, wie Gleichstellung sein sollte, um gezielt daran arbeiten zu können – also ein Vorstellungsbild von dem, was erreicht werden kann. Solidarität sei der Schlüssel, betont Koschnike-Nguewo.
Was müsste passieren, damit der Internationale Frauentag irgendwann überflüssig wird? Koschnike-Nguewo hat klare Vorstellungen: „Ich würde mir mehr Empathie wünschen – dass Männer ihre Privilegien teilen. Dann bräuchten wir keinen Frauentag mehr: Dann wäre jeder Tag einfach ein Tag der Menschen, der Solidarität.“
Gleichstellung fange schon bei der Kinderbetreuung an, die zuverlässig angeboten werden müsse, damit Frauen nach der Geburt eines Kindes wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen könnten. Flexible Arbeitszeiten und geteilte Führungspositionen seien weitere Schritte, um traditionelle Rollenbilder aufzubrechen. Denn gerade in sozialen Medien, etwa unter Schlagworten wie „Trad Wives“, gewinnen traditionelle Geschlechterrollen dieser Tage wieder an Fahrt, warnt sie.
Wichtige Anlaufstellen
Grundsätzlich, sagt die Wahlbalingerin, sei der Zollernalbkreis gut aufgestellt. Das Hilfsangebot für Frauen wachse immer weiter. Im Bereich häusliche Gewalt zeige sich, wie wichtig gezielte Unterstützung sei: Seit einem Jahr gibt es eine Frauenberatungsstelle, die als „wirklich wichtige Anlaufstelle“ diene.
Zusätzlich gebe es die Chancengleichheitsbeauftragte der Agentur für Arbeit, das Frauenhaus und zahlreiche Initiativen wie etwa „Feuervogel“ und das Frauennetzwerk. Eine Lücke sieht Koschnike-Nguewo dennoch: Noch fehle es an Täter-Interventionsprogrammen im Landkreis. Koschnike-Nguewo verweist dabei auf Modelle wie die „Pfunzkerle“ in Tübingen, die bereits erfolgreich wirken.
Wenn die Menschen gemeinsam solidarisch sind, lassen sich Veränderungen erreichen – Schritt für Schritt, Tag für Tag, so ihre feste Überzeugung.