Estelle Koschnike-Nguewo Foto: Steffen Maier

Der Weltfrauentag am 8. März wird gefeiert, um auf die mangelnde Gleichberechtigung von Frauen und Männern hinzuweisen. Was sagen Frauen aus der Region dazu?

Wir haben vier Frauen aus der Region Zollernalb gefragt, in welchem Bereich der westlichen Welt sie die unfairste Ungleichheit zwischen Männern und Frauen sehen. Folgendes haben sie uns geantwortet.

 

Dorothee Müllges, Erste Beigeordnete Hechingens

„Zwei Ungleichheiten möchte ich herausgreifen. Die sogenannte Care-Arbeit, also die Pflege von Familienangehörigen und die Erziehungsarbeit, könnte gerechter verteilt werden.“ Auch die Ungleichbehandlung im Sport sei unverständlich – trainierten Sportlerinnen doch genauso zeitintensiv und hart und das auf Kosten ihrer weiteren beruflichen Entwicklung nach der aktiven Karriere. Als Beispiele nennt Müllges „Frauenfußball – und ganz aktuell: Skispringen.“

Wie könnte das verändert werden – per Gesetz oder muss so etwas von selbst wachsen?, ist eine weitere Frage. Die Erste Beigeordnete: „Die Sensibilisierung der Gesellschaft beziehungsweise der Wirtschaft für diese Themen ist eine Daueraufgabe.“ Die könne unter Umständen durch gesetzliche Regelungen unterstützt werden.

Dorothee Müllges Foto: Müllges

Anke Traber, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Balingen

Auch die Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit kritisiert die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Aus einer aktuellen Bertelsmann-Befragung zitiert Traber zur subjektiven Wahrnehmung der Arbeit im Haushalt: „44 Prozent der Frauen geben an, dass Aufgaben im Haushalt gleich verteilt sind. Bei den Männern sind es 68 Prozent.“ Und 54 Prozent Prozent der Frauen halten sich im Haushalt für zuständig – allerdings nur 22 Prozent der Männer. Auch interessant: „Der tatsächliche Zeitaufwand bei Paaren, die sagen, ‚wir machen es gemeinsam’: Im Haushalt arbeiten die Frauen 10,6 Stunden wöchentlich – Männer hingegen nur 6,7 Stunden.

Ähnlich sehe es bei der Kindererziehung aus. Traber kommt zu dem Schluss: „Frauen investieren deutlich mehr Zeit in Hausarbeit und Kinderbetreuung, und Männer überschätzen ihren Beitrag!“

Was Frauen selbst dagegen tun können? Unter anderem zählt Traber auf: „ Geschlechtsneutrale Erziehung von Söhnen und Töchtern, sich für Geld interessieren und sich klarmachen, dass Altersarmut weiblich ist, Frauennetzwerke fördern und sich politisch und gesellschaftspolitisch einbringen.“

„Natürlich sollen Frauen frei sein, das zu tun, was sie für richtig halten. Wir wollen nicht sein wie Männer.“ Jedoch: Wenn Frauen „nur“ auf Probleme und Missstände aufmerksam machten und darauf warteten, dass Männer bereitwillig Platz in der Gesellschaft machen, und alles in der Geschwindigkeit laufe wie bisher, „dauert es noch zirka 130 Jahre, bis die Geschlechterlücke überwunden ist“.

Anke Traber Foto: Traber

Raphaela Gonser, Bürgermeisterin in Bitz

Die Bürgermeisterin von Bitz sagt: „Eine der unfairsten Ungleichheiten in der westlichen Gesellschaft zeigt sich für mich nach wie vor bei den Karrierechancen von Frauen – sei es in der Wirtschaft, in der Politik oder in anderen Führungspositionen.“ Raphaela Gonser weiter: „Frauen hinterfragen oft viel stärker ihre eigene Eignung. Männer hingegen gehen mit solchen Situationen häufig spontaner und selbstbewusster um. Sie springen eher ins kalte Wasser und sind bereit, auch mit gewissen Unsicherheiten eine neue Aufgabe anzunehmen.“ Hinzu komme, dass Frauen für dasselbe Verhalten oft anders bewertet würden als Männer: „Zeigt ein Mann Durchsetzungsvermögen und eine klare Haltung, wird das meist als selbstbewusst und führungsstark wahrgenommen. Zeigt eine Frau dieselben Eigenschaften, wird sie schneller als schwierig oder zu forsch wahrgenommen.“

Raphaela Gonser Foto: Lengerer

Estelle Koschnike-Nguewo, Gleichstellungsbeauftragte

Estelle Koschnike-Nguewo, Kommunale Gleichstellungsbeauftragte des Zollernalbkreises, meint: „In vielen Teilen der Welt bestehen nach wie vor Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, insbesondere bei Löhnen, Karrieremöglichkeiten und politischer Repräsentation.“ Diese Ungleichheiten könnten durch eine Kombination aus gesetzlichen Maßnahmen und gesellschaftlichen Veränderungen angegangen werden.

Und: „Gesetze spielen eine wichtige Rolle. So können beispielsweise Gesetze zur Lohntransparenz dazu beitragen, Chancenungleichheit am Arbeitsplatz abzubauen.“ Gleichzeitig sei ein gesellschaftlicher Wandel notwendig, darunter anderem auf Sensibilisierung und Förderung der Gleichberechtigung abziele.

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