Bereits etwa 6,5 Millionen Deutsche waren 2024 an Diabetes erkrankt. Karlheinz Dengler, Betroffener und früherer Leiter einer Selbsthilfegruppe im Kreis Calw, beunruhigt das zutiefst.
„Die Welt ist zuckerkrank“: Was vor fast zehn Jahren vom Magazin „Spiegel“ veröffentlicht wurde, ist aktueller denn je. Damals waren mehr als 400 Millionen Menschen weltweit betroffen, 2024 waren es laut dem Diabetesatlas der Internationalen Diabetes-Federation bereits 589 Millionen. 6,5 Millionen davon allein in Deutschland. Die Zahl ist in diesen zehn Jahren also um nahezu 50 Prozent gestiegen. Darauf macht der Weltdiabetestag am 14. November aufmerksam.
Der Weltdiabetestag ist, so heißt es auf der gleichnamigen Internetseite, die „größte Diabetes-Kampagne weltweit“. Die 1991 eingeführte Veranstaltung erreicht inzwischen über eine Milliarde Menschen in mehr als 160 Ländern. Dabei ist der 14. November nicht zufällig gewählt. Es handelt sich um den Geburtstag von Sir Frederick Banting, einem kanadischen Chirurgen und Physiologen. Er entdeckte zusammen mit Charles Best 1922 das Hormon Insulin, so die Veranstalter des Weltdiabetestag.
Ein Betroffener berichtet
Mehr als 50 Jahre lebt Karlheinz Dengler mit der Diagnose Diabetes-Typ-1. Der Wildberger engagiert sich ehrenamtlich viel für Diabetes-Erkrankte, unter anderem im Deutschen Diabetiker Bund, und für Selbsthilfegruppen im Landkreis Calw. Diabetes ist eine Krankheit, die sein ganzes Leben beeinflusst. „Es beginnt morgens nach dem Aufstehen mit Blutzuckermessen.“ Von diesem Wert ist dann sein Frühstück abhängig, berichtet er. Ob beim Sport oder beim Essen, ständig muss er seinen Blutzuckerwert kontrollieren und gegebenenfalls mit Tabletten oder Insulin-Spritzen in den Normbereich bringen. Da Dengler seine Diagnose mit 18 Jahren bekommen hat, ist das für ihn inzwischen Normalität. Trotzdem kommen mit der allumfassenden Krankheit auch Herausforderungen. Beispielsweise sorgt eine Unterzuckerung bei ihm für ein mentales Tief, das er auch Stunden später noch merke.
Schon 1985 wird er Teil einer neu gegründeten Selbsthilfegruppe im Kreis Calw. Nach kurzer Zeit übernimmt er die Leitung und behält sie knapp 22 Jahre lang.
Selbsthilfegruppe im Kreis
Anfänglich kamen zu den monatlichen Treffen Ärzte und Therapeuten, um Vorträge über verschiedene Aspekte der Erkrankung zu halten. Dementsprechend kamen viele Teilnehmer sporadisch zu den Abenden. Trotzdem gab es auch einen kleinen Kreis von 15 bis 20 Personen, die zu jedem Treffen erschienen und zwischen denen sich echte Freundschaften bildeten.
Irgendwann wiederholten sich die Themen und es wurde gemeinschaftlich entschieden, den Fokus der Stunden zu verschieben, hin zu persönlichen Erfahrungen und Alltagssituationen.
Neue Entwicklungen
Der Austausch untereinander hilft den Betroffenen gegen Einsamkeit, aber auch bei der Lösung von alltäglichen Problemen. Allmählich entstand ein Gemeinschaftsgefühl: „Ich bin nicht allein mit meinem Problem“, wie Dengler es beschreibt. Das lag auch daran, dass sich ein Großteil der Teilnehmer ungefähr im selben Alter befand. „Ich war einer der Jüngeren“, erzählt Dengler. Die Meisten seien über 50 alt Jahre gewesen.
Natürlich erfordert es viel Arbeit, eine solche Gruppe zu leiten, weswegen er 2008 die Leitung der Gruppe abgab. Bis 2018 wurde diese weitergeführt, jedoch konnte auf Dauer keine Leitung gefunden werden, was zum Ende der Diabetes Selbsthilfegruppe im Kreis Calw führte.
Karlheinz Dengler bedauert das. Für ihn sind Selbsthilfegruppen ein Herzensprojekt, ebenso wie die Aufklärung über Diabetes. Allerdings begrüßt er es auch, dass durch das Internet neue Möglichkeiten geboten werden. Sei es zum Beschaffen von Informationen oder zum Austausch mit anderen Betroffenen – und das bequem von zu Hause aus. Doch nicht nur die Möglichkeiten steigen, auch die Zahl der an Diabetes mellitus Erkrankten wächst mit jedem Jahr weiter.
Sorgvoller Blick in Zukunft
Zwar ist Diabetes gut therapierbar, wenn die Betroffenen mitarbeiten, doch es bleibt eine ernstzunehmende Krankheit mit noch ernsteren Folgen, so Dengler. Außerdem gehen mit der „Zuckerkrankheit“ oft Depressionen oder depressive Verstimmungen einher. Das belastet Diabetiker ebenso wie Krankenkassen.
Dengler befürchtet, wenn die Gesellschaft so weitermacht wie bisher, gilt es bald als Ausnahme, kein Diabetes zu haben, denn die genetische Veranlagung, meint Dengler, habe heute fast jeder in sich. Es brauche Änderungen im Lebensstil. Gewiss gebe es kleinere Strömungen, die gesunde Lebensweisen wieder in den Vordergrund stellen, gleichwohl diese, laut Dengler, eher Ausnahmen darstellen. Schaue er sich das Verhalten von Urlaubern an einem „All-you-can-eat“-Buffet an, komme bei ihm ein Gefühl von „pure[m] Irrsinn auf“, so Dengler.
Auch wenn die Krankheit zur Beunruhigung veranlassen kann, ist es Karlheinz Dengler wichtig zu betonen, dass Diabetes kein Feind ist, den Erkrankte bekämpfen sollten. „Einen Kampf gegen Diabetes kann man nicht gewinnen.“ Stattdessen rät er: „Ihr müsst Diabetes akzeptieren, als Teil von eurem Leben.“ Das bedeutet , sich zu informieren und das eigene Leben so zu gestalten, dass die Krankheit zur persönlichen Normalität wird, auch wenn die Umstellung anstrengend sei und konsequentes Handeln erfordere.
Info: Diabetes
Jeder zehnte Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens an Diabetes mellitus. Das kann bereits im Kindesalter genetisch bedingt mit dem Diabetes-Typ-1 sein, später durch äußere Umstände mit dem Diabetes-Typ-2 oder auch nur für einen gewissen Zeitraum in Form einer Schwangerschaftsdiabetes.
Alle drei Versionen der Krankheit haben eines gemein: Der Körper versagt bei der Herstellung des Hormons Insulin oder entwickelt eine Resistenz gegen das Hormon, welches den Blutzuckerspiegel reguliert.
Mehr als 90 Prozent der „Zuckerkranken“ leiden an Diabetes-Typ-2, wie das Bundesgesundheitsministerium schreibt. Diese Form, die früher auch Altersdiabetes genannt wurde, tritt nicht mehr nur bei älteren Personen auf. Auslöser sind beispielsweise Übergewicht, ein Mangel an Bewegung, aber auch Tabakkonsum. Laut Bundesgesundheitsministerium leiden bereits Jugendliche und junge Erwachsene an Diabetes-Typ-2.
Generell helfen bei allen Typen eine angepasste Ernährung und ein normales Körpergewicht. Wenn das allein nicht ausreicht, kann es helfen, Tabletten zu nehmen oder sich Insulin zu spritzen, so das Ministerium.
Die Folgen sind schwerwiegend. In jedem Fall müssen Betroffene etwas gegen die Krankheit tun. Die Techniker Krankenkasse nennt unter anderem Herzkrankheiten, Schlaganfälle und Wundheilstörungen als häufige Folgen von Diabetes.