Kassier Jochen Küfner (links) und Zunftmeister Robert Baier (rechts) von der Narrenzunft Wellendingen freuen sich über das mittlerweile historische Narrenkleid aus den 1930er-Jahren, das Andrea Schöndienst und ihr Mann Werner der Zunft geschenkt haben (rechtes Bild). Links: ein außergewöhnliches Detail. Fotos: Riedlinger Foto: Schwarzwälder-Bote

Fasnet: Narrenkleidle eines Wellendinger Urgesteins bleibt im Ort / Larve und Glockenriemen versteckt

Ein mehr als 80 Jahre altes historisches Narrenkleid in fast tadellosem Zustand wurde der Narrenzunft Wellendingen, die 2024 ihren 100. Geburtstag feiern kann, geschenkt. Ein Glücksgriff, wie es kaum einen zweiten gibt.

 

Wellendingen. "Dieses Narrenkleid muss der Zunft gehören", befanden Andrea und Werner Schöndienst vor kurzem. Und Zunftmeister Robert Baier, Kassier Jochen Küfner und die beiden ehemaligen Besitzer strahlen um die Wette, als sie es im großem Raum des Narrenhäusles auf dem Ratstisch ausbreiten.

Anfang der 1930er-Jahre hatte es Fritz Hugger, der Vater von Andrea Schöndienst, anfertigen lassen und die Larve dazu selber geschnitzt. In einer Zeit, als man nicht alles einfach kaufen konnte, sondern Lebensmittel wie Kartoffeln für den Stoff eintauschte. "Und doch war damals die Fasnet für eine kleine Schar von vielleicht zwei Dutzend Narren so wichtig, dass sie sich das nicht nehmen ließen", ist sich Robert Baier sicher. Genäht wurde es damals von Fritz Huggers Schwester Emilie Angst, geborene Hugger. Sie war immer nur als "Angsta Emilie" oder "Angsta Baas" im Ort bekannt gewesen.

Truhe unter dem Dach

Fritz Hugger war zu Recht viele Jahre lang stolz auf sein Narrenkleid. Doch er war ein Schelm: "Das Narrenkleid war immer im Schrank, aber er hatte die Larve und die Glockenriemen versteckt. Er hat sie uns mal gezeigt und dann waren sie wieder weg. Niemand wusste bis über seinen Tod im Jahre 1990 hinaus, wo er sie hatte. Wir wurden fast verrückt. Denn ohne die beiden Dinge konnte man mit dem Narrenkleid nichts anfangen. Die Utensilien mussten irgendwo im Haus sein, aber keiner wusste wo", erinnert sich Andrea Schöndienst.

Erst rund zehn Jahre nach seinem Tod wurde nach dem Installieren des Kabelanschlusses um die Jahrtausendwende die Antenne auf dem Dach abgebaut. Und da fand sich unter dem Dach in einer Ecke versteckt eine Truhe. In dieser waren die Glockenriemen und die Larve abgelegt.

Heute sind die Glockenriemen hart und rissig. Wenn überhaupt, kann man nur mit einem geeigneten Fett vorsichtig versuchen, sie vor dem Verfall zu bewahren. Wie heute zieren jeweils sieben Glocken jeden Riemen, schon damals mit zwei Bohrungen und einem Schlitz als Verbindung. Der Stoff ist an der Außenseite der Jacke durch Sonneneinstrahlung etwas vergibt. Auf der Innenseite sind die Farben noch strahlend frisch. Kleine Boppel aus blauer Wolle zieren zum Teil im Gegensatz zu den heutigen Farben die Jacke. Stoffschleifen wurden liebevoll an den Hosenbeinen angebracht. Der Saum der Jacke wurde wahrscheinlich aus preisgünstigerem schwarzen Stoff anstatt aus Samt angefertigt.

Sprungbändel von einst

Eine wunderbare Patina geht von dem gesamten Narrenkleid aus. Und am Kopfstück sind unter anderen auch die Narrenbändel von 1937, 1938, 1939 oder auch von 1947 deutlich lesbar. "Ob es vor 1937 schon Sprungbändel gegeben hat, weiß man heute nicht mehr", meint Robert Baier. "Aber schon 1947, nur anderthalb Jahre nach Kriegsende, muss laut diesem Beleg schon wieder ein Narrensprung stattgefunden haben."

Laut Andrea Schöndienst gibt es vielleicht ein zweites Narrenkleid aus genau derselben Zeit im Ort. Denn Emilie Angst hat damals ein zweites Narrenkleid für ihren Mann genäht.

Insider der Vereinigung Schwäbisch Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) kennen heute kaum mehr jemanden, der sich auf die richtige Behandlung solch alter Stoffe versteht. Deshalb wird Robert Baier den Kontakt suchen zu Ordensschwestern, die sich zum Beispiel auf die Restaurierung alter Vereinsfahnen spezialisiert haben. Mit ihnen wird zu erörtern sein, in wieweit eine Sanierung des historischen Kleidles sinnvoll oder machbar sein wird.

Auf jeden Fall wird es innerhalb der Ortschaft bleiben und nicht etwa in den Narrenschopf wandern, dies war die einzige Bedingung von Andrea und Werner Schöndienst.