Bäcker Heiner Beck schneidet ein Brot aus Futtergetreide auf. Foto: © Verena Müller / Greenpeace/Verena Müller

Ein Bäcker von der Alb backt Brot aus Futterweizen für die Umweltorganisation Greenpeace. Dahinter steckt eine Diskussion darüber, welches Getreide wir überhaupt essen.

Langsam schneidet Heiner Beck den frischen Laib Brot auf. Er nimmt eine Hälfte, drückt sie vor seiner Nase und saugt den Duft auf. Dann schneidet er eine Scheibe ab und prüft die Poren in der Scheibe. Schließlich legt er sich ein Stück der Krume auf die Zunge. „Das ist ein abgerundeter, milder Brotgeschmack“, sagt der Bäcker. Er ist zufrieden mit dem Resultat. Allein – der Weizen, den Beck da verbacken hat, war eigentlich gar nicht dafür bestimmt.

 

Für die Umweltorganisation Greenpeace hat er in seiner Backstube in Römerstein unweit des Albtraufs bei Bad Urach mit Mehl aus Futterweizen gebacken. Getreide also, dass eigentlich für den Trog gedacht war. Bäcker Beck weiß, dass das funktioniert. Er testet seit Jahren verschiedene Sorten zusammen mit der Uni Hohenheim.

Auf der Alb bezieht er sein Getreide von verschiedenen Landwirten. „Wir bekommen jedes Jahr anderes Getreide und müssen uns immer neu einstellen.“ Es gehe in erster Linie darum, wie viel Wasser das Getreide braucht, wie lange es geknetet wird und wie viel Zeit er dem Teig gebe. Der Laib, der vor Heiner Beck im Obergeschoss seiner Backstube liegt, ist von einem „normalen“ Brot nicht zu unterscheiden, obwohl das verwendete Getreide eigentlich nicht die richtigen Eigenschaften hatte, um in Deutschland als Backweizen in den Handel zu kommen. Deshalb gilt der Weizen als „nicht backfähig“, obwohl Bäcker wie Heiner Beck es schaffen, damit gute Brote zu backen.

Eigentlich sollte Protein keine Rolle mehr spielen

Es ist dieser Beweis, den Greenpeace mit der Aktion antreten will. Gemeinsam mit der Hilfsorganisation Misereor fordern die Umweltschützer in einer Petition, die Bundesregierung müsse dafür sorgen, dass Getreide nicht länger für Biokraftstoffe eingesetzt werde, außerdem müsse der Einsatz von Brotgetreide und Mais als Futtermittel deutlich reduziert werden. „Lebensmittel werden dringend gebraucht, damit die Nahrungsversorgung für Millionen Menschen sicher und bezahlbar ist“, so lautet die Argumentation. Politikern wollen sie das Brot von Bäcker Beck kredenzen, um sie davon zu überzeugen, dass Futterweizen dennoch wertvolles Getreide ist. Da nutzt es, dass die Diskussion um Getreide in Tank und Trog in jüngster Zeit wieder einmal stark an Fahrt aufgenommen hat.

Wird Hunger gegen Tierhaltung ausgespielt?

Angesichts hoher Lebensmittelpreise wegen des Ukraine-Kriegs und der eskalierenden Klimakrise rufen Forscher und Hilfsorganisationen dazu auf, deutlich weniger Fleisch und Milchprodukte zu essen. Der Agrarexperte und Vorsitzende des Beirats von Misereor, Felix Prinz zu Löwenstein, sagte vor Kurzem, die hohen Getreidepreise könnten kurzfristig gesenkt werden, wenn in Europa die Schweinemast und damit die hohe Nachfrage nach Futtermitteln schnell und effektiv befristet gedrosselt werde. Die betroffenen Betriebe müssten entschädigt werden, fordert er.

Tatsächlich ist der Anteil des verfütterten Getreides in Deutschland besonders hoch: Nur ein Fünftel der in Deutschland verwendeten 43 Millionen Tonnen Getreide landet auf dem Teller. Während laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung weltweit im Schnitt 20 Prozent des Getreides verfüttert werden, sind es in Deutschland rund 58 Prozent. Rund neun Prozent werden zu Biosprit verarbeitet.

Die Bundesregierung arbeitet bereits daran, den Einsatz dieser Kraftstoffe zu reduzieren. So ist angedacht, die staatliche Förderung von Biokraftstoffen aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen bis 2030 schrittweise auf null senken, damit sie sich nicht mehr rentieren.

Bundesregierung will handeln

Der Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) will aber auch an dem Anteil drehen, der im Trog landet: „Weniger Fleisch zu essen, wäre ein Beitrag gegen Herrn Putin“, sagte er im Frühjahr dem Magazin „Spiegel“. „Und grundsätzlich ist ein System nicht nachhaltig, in dem 60 Prozent des Getreides in den Futtertrögen landen, wie in Deutschland. Das ist nicht tragbar und funktioniert nicht im globalen Kontext.“

Rüdiger Beck, der zufällig den gleichen Nachnamen trägt wie der Bäcker von der Alb, sieht das etwas anders. Der Landwirt sitzt an einem Spätsommertag auf der Terrasse seines Hofs in Hochdorf westlich von Ludwigsburg. Der Hof ist idyllisch gelegen, in der Nähe findet sich ein Grabhügel aus der Keltenzeit. Seit dem 17. Jahrhundert in Familienhand, hat der 48-Jährige die Hoffnung, dass einmal seine Kinder den Hof übernehmen. Beck baut dort auf mehr als 200 Hektar Getreide, Zuckerrüben und Kichererbsen an, daneben hält er rund 1800 Schweine.

Viele Schweinehalter geben auf

Bei der Diskussion um die Reduktion der Tierhaltung kann er nur trocken lachen. Seit Jahren sinkt die Zahl der Schweinehalter im Land, weil viele seiner Kollegen wegen des Preiskampfs am Markt aufgeben. „In Baden-Württemberg haben wir beim Schweinefleisch noch einen Selbstversorgungsgrad von 45 Prozent“, sagt Beck. „Wenn es keine staatliche Unterstützung gibt, wird das alles ins Ausland verschwinden.“

Beck verfüttert überhaupt keinen Weizen. Das sei viel zu teuer. Für seine Schweine baut er Wintergerste an. Ihn ärgert die Diskussion um Trog oder Teller. „Es gibt kein Schwarz-Weiß“, sagt er: „Wir müssen in Kreisläufen denken: Pro Kilogramm menschlichen Nahrungsmittels haben wir drei Kilogramm nicht verwertbares Material. Das landet im Trog oder in der Biogasanlage. Bei Mehl fallen beispielsweise 20 bis 50 Prozent Weizenkleie an. Wenn Sie keine Tiere haben, müssen Sie überlegen, was sie damit machen.“ Hinzu kommt: „Es gibt auch viele Flächen, auf denen kein Weizen wächst.“ Was dort stattdessen wachse, könne nur über die Tierhaltung zu Lebensmitteln werden, ansonsten gingen die Ernten in die Energieproduktion oder würden komplett wertlos.

Was verhindern starre Regeln?

Rüdiger Beck baut selbst Weizen an. Die Sorte sollte dieses Jahr eigentlich in der Handelsklasse E laufen – höchste Qualität also. Der wird in der Regel besser bezahlt. Doch dieses Jahr hat das nicht funktioniert. „Wir haben nur 11,5 Prozent Proteingehalt.“ Das lag an der Trockenheit und weil er auf seinen Feldern im Wasserschutzgebiet nicht so viel Stickstoff einbringen kann. Je besser die Stickstoffversorgung, desto höher der Proteingehalt des Weizens, so die Faustregel.

Obwohl sich das Bundessortenamt 2019 bei der Einteilung in die Handelsklassen vom Kriterium Protein verabschiedet hat, spielt es im Handel national und international immer noch eine große Rolle.

12 Prozent galten lange Zeit als die magische Grenze, nach der der Weizen als backfähig gilt, weil damit bestimmte Eigenschaften beim Brot einhergehen. Handwerksbäcker wie Heiner Beck schaffen aber auch gut mit Mehl, das unterhalb dieser Grenze liegt. Großbäckereien, die keine direkten Verbindungen zu Landwirten und Müllern unterhalten wie Heiner Beck, der sich die Mühe macht, sein Brot auf das Mehl abzustimmen und nicht umgekehrt, vertrauen hingegen nach wie vor darauf. Auch der Bauernverband vertritt den Standpunkt, von den 7,6 Millionen Tonnen Weizen, die in der Tiernahrung landen, sei nur etwa die Hälfte davon „nicht backfähig“.

Für Friedrich Longin von der Universität Hohenheim ist das der Kern des Problems. Er untersucht seit Jahren mit Heiner Beck die Backfähigkeit verschiedener Getreide und sagt: „Das Handelskriterium Protein ist überholt.“ Es verhindere, dass Sorten auf den Markt kommen, die weniger Proteingehalt haben, aber dennoch gut backen und mehr Ertrag bringen. „Weil es immer nur um den Proteingehalt geht, kann ein Züchter solche Sorten nicht züchten, weil er sie nicht verkauft bekommt.“

Dabei ist auch er der Überzeugung, dass weniger Getreide im Tank oder Trog landen müsste. „Wenn wir die Weltbevölkerung ernähren wollen, müssen wir weniger Fleisch essen“, sagt Longin. „Wir sollten aber nicht den Fehler machen, dass die Politik den Landwirten sagt, sie müssten etwas ändern. Das muss vom Verbraucher kommen.“