Weit verbreitet und doch kaum bekannt In der Regel krank
Jeden Monat leiden Millionen Frauen teils unter großen Schmerzen, weil sie Endometriose haben. Lange wurde diese Unterleibserkrankung in der medizinischen Versorgung vernachlässigt. Das wollen neue Forschungsprojekte ändern.
Claras Stuhl im Büro ist bislang jeden Monat etwa für eine Woche leergeblieben. Die Kollegen wissen Bescheid, die Vorgesetzten ebenfalls. Wenn Clara ihre Periode hat, arbeitet sie von zuhause aus, „weil ich dann – wenn die Krämpfe so schlimm werden – mich hinlegen kann.“ Die 30-Jährige aus dem Bodenseekreis, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat nicht einfach Regelschmerzen – sie hat Endometriose.
Bei der Unterleibserkrankung breiten sich kleine Inseln von Zellen der Gebärmutterschleimhaut im Körper aus – in den Eierstöcken, im Bauchfell, an der Darmwand oder an der Blase. Wie im Uterus folgen diese Zellinseln einem Zyklus. Sie schwellen an und setzen Botenstoffe frei. Das führt zu Entzündungsreaktionen, Vernarbungen und Verwachsungen, die häufig mit heftigen Schmerzen einhergehen.
Doch es sind nicht nur die physischen Auswirkungen der Krankheit, die Kraft kosten: „Es ist noch immer ein Tabuthema, über das obendrein noch viel Unwissen herrscht“, sagt Clara. Und das, obwohl in Deutschland bis zu zehn Prozent der Frauen diese Krankheit haben. Selbst von Fachärztinnen hat sich die junge Frau schon Sätze anhören müssen wie: „Jetzt stellen Sie sich nicht so an, dass eine Frau Schmerzen hat, wenn sie die Regel hat, ist doch völlig normal.“
Rätsel für die Wissenschaft
Doch es ist häufig nicht normal, bestätigt Bernhard Krämer, Leiter des Endometriosezentrum an der Universitäts- Frauenklinik in Tübingen. Der Gynäkologe kennt den Leidensdruck der Betroffenen: „Noch immer dauert es im Schnitt sechs bis acht Jahre, bis ein Arzt diese Erkrankung sicher diagnostiziert.“
Teils liegt es daran, dass sich über gynäkologische Untersuchungen wie dem Ultraschall nicht immer alle Verwachsungen und Herde erkennen lassen. Häufig ist eine Tastuntersuchung der Vagina und des Enddarms notwendig. In manchen Fällen bedarf es auch einer speziellen Bauchspiegelung.
Schon kleinere Herde können heftige Beschwerden verursachen
Grundsätzlich brauchen Endometriose-Patientinnen vor allem aber Zeit mit ihrem Arzt, sagt Krämer. So lässt sich mithilfe einer genauen Befragung der Patientin zu ihrer Regelblutung, zu wiederkehrenden Beschwerden und zu ihrem Sexualleben ein Verdacht erhärten: „Häufig klagen erkrankte Frauen nicht nur über heftige Unterleibskrämpfe an bestimmten Tagen ihres Zyklus, sondern auch über Verdauungsprobleme, Schmerzen beim Gang auf die Toilette oder beim Geschlechtsverkehr.“
Die Auswirkungen müssen dabei nicht unbedingt in Relation zum Ausmaß der Erkrankung stehen: Schon kleinere Herde können heftige Beschwerden verursachen. Es gibt auch Patientinnen mit ausgedehntem Befall, die lange nichts von ihrer Krankheit bemerken.
Fünf Forschungsverbünde werden gefördert
Oft wird die Diagnose erst gestellt, wenn sich die Frauen ein Kind wünschen – aber nicht schwanger werden. Denn die Endometriose kann die Eierstöcke oder das Milieu in der Gebärmutter so verändern, dass sich keine Eizelle einnisten kann. So war es auch bei Clara: „Jeder sagte zu mir: ich solle mal locker lassen, mit meinem Mann in Urlaub fahren, dann klappt’s auch mit dem Kind.“ Nach zwei Jahren erfolgloser Versuche ordnete der Frauenarzt eine Bauchspiegelung an. Diese zeigte an Claras Eileitern einen ausgedehnten Befall einer Endometriose.
Es ist für die Wissenschaft noch immer ein Rätsel, wie es zu diesen Absiedelungen der Schleimhautzellen kommt. Zwar gibt es seit rund 20 Jahren medizinische Zentren, um betroffenen Frauen zu helfen. Doch aus dem Bereich der Forschung interessierte sich lange kaum jemand für diese vielschichtig ausgeprägte Erkrankung, erklärt Krämer. Nur langsam setzt ein Umdenken ein: Seit September werden fünf Forschungsverbünde in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit mehreren Millionen Euro gefördert. In Baden-Württemberg wurde neben der Uniklinik Ulm auch die Tübinger Uniklinik mit ihren Endometriosezentren bedacht.
Förderungen für zwei Klinken aus dem Südwesten
Mit einer Förderung von 3,5 Millionen Euro für einen Zeitraum von drei Jahren wollen die Tübinger herausfinden, ob und welche Risikofaktoren es für die Erkrankung gibt. Dabei wird vor allem Grundlagenforschung im Labor betrieben: So geht es zunächst darum, möglichst viele Gewebeproben aus verschiedenen Zyklusphasen von betroffenen Frauen zu sammeln – etwa um nach zellbiologischen Übereinstimmungen zu suchen, die das Wachstum der Krankheit beeinflussen können. „Auch wollen wir testen, welche körperlichen und umweltbedingte Faktoren zusammenkommen müssen, um die Erkrankung überhaupt entstehen zu lassen – und auch, in welcher Ausprägung“, so Krämer. Die Forscher suchen dabei nach Hinweisen etwa beim Stoffwechsel, im Immunsystems und Hormonhaushalt der Frauen.
Bislang keine Heilung möglich
Mit Hilfe von sogenannten Bio-Chips, die physiologische Abläufe im Organismus der Betroffenen genau nachbilden sollen, wollen die Tübinger neue Verfahren entwickeln, die sowohl die Möglichkeiten der Diagnose als auch der Therapie erweitern sollen.
Bislang gibt es keine Heilung für die Erkrankung. Den Frauen bleibt nur die Möglichkeit, die Beschwerden zu lindern. Schmerzmittel können in Notsituationen helfen – aber nicht bei jedem und vor allem nicht auf Dauer. Viele Ärzte setzen daher auf eine langfristige hormonelle Behandlung, sodass die Frauen nicht mehr menstruieren und die Beschwerden verringert werden. Viele Frauen lassen sich auch mehrmals operieren und die Herde der Endometriose dabei abtragen.
Mehr 1000 Eingriffe jährlich in Tübingen
In der Frauenklinik in Tübingen unterziehen sich jährlich mehr als 1000 Frauen diesem meist minimalinvasiven Eingriff. Auch Clara war dort in Behandlung: „In einer Kinderwunschklinik hat man mir noch geraten, die Eileiter entfernen zu lassen“, sagt sie. Bei diesem Befund käme nur eine künstliche Befruchtung infrage. Im Endometriose-Zentrum der Uniklinik Tübingen fand Krämer einen anderen Weg, der jungen Frau zu helfen: Mit Hilfe einer speziellen Operationstechnik konnten nicht nur die Endometriose-Herde entfernt und die Vernarbungen im Gewebe gelöst, sondern zugleich auch die befallenen Eileiter stabilisiert werden.
Nun hofft Clara, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Die Chancen dafür stünden gut. Und noch etwas habe ihr die Operation ermöglicht: Sie habe inzwischen ihre Periode bekommen – und das ganz ohne Schmerzen.