Ein Jahr im Weinberg. Bis die Trauben so gesund und saftig aussehen und aus ihnen der Wein entsteht, ist eine Menge Arbeit nötig. Zuerst im Weinberg, dann im Keller - und beim Marketing. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Foto: AP

Kleinen und mittelgroßen Wengerter-Genossenschaften droht  das Aus.

Stuttgart - Heile Welt im Weinbau? Von wegen! Durch den steigenden Kostendruck in der Kellertechnik stehen in den nächsten Jahren viele kleine und mittelgroße Wengertergenossenschaften vor dem Aus. Der Weinbauverband sieht eine Fusionswelle auf Württemberg zurollen.

Trotz gefüllter Viertelesgläser mussten die Wengerter in Mundelsheim jüngst trocken schlucken. Bei der Bezirksversammlung des Weinbauverbands stellte Präsident Hermann Hohl dem Weinbau in Württemberg eine düstere Prognose aus. Um künftig erfolgreich existieren zu können, sei selbst eine Genossenschaft wie Mundelsheim mit 210 Hektar Rebfläche zu klein.

Für den Weinbauverband ist ein Strukturwandel in der Kellerwirtschaft überfällig. Durch hohe Energiekosten ist Flaschenglas um gut 30 Prozent teurer geworden. Auch für Spritzmittel zahlen die Wengerter fast ein Drittel mehr. Schlimmer noch ist für den Weinbau aber der Konkurrenzkampf im Einzelhandel. Mit Durchschnittswein für den Discounter wird immer weniger Geld verdient. Um ihren Trollinger und Lemberger im Supermarkt ins Regal zu bekommen, müssen die Württemberger teils mit erheblichen Preisnachlässen arbeiten. Die Konkurrenz aus Spanien, Italien oder Übersee produziert ihre Tropfen schlichtweg billiger.

Private Weingüter wie Genossenschaften müssen die Herstellungskosten künftig stärker im Blick haben. Das dürfte vor allem kleine Betriebe vor kaum lösbare Probleme stellen. "In Württemberg gibt es oft im Abstand von nur fünf Kilometern selbstständige Keltern mit eigenen Kellermeistern und natürlich sonstigem Personal", weiß Gerhard Schwinghammer vom Weinbauverband um ungenutzte Einsparmöglichkeiten. Der Schulterschluss unter den Genossenschaften wird vielerorts noch verhindert. "Da wird bei der Mitgliederversammlung lauthals beklagt, dass die Kelterkosten zu hoch sind. Und im selben Atemzug blockieren einige Sturköpfe eine sinnvolle Kooperation", wundert sich ein Branchenkenner.

Wie wenig rational es mitunter im Land des Trollingers zugeht, zeigt das Beispiel der Wengertergenossenschaft Unteres Murrtal. Obwohl die Verkaufszahlen für Rebensaft aus Rielingshausen und Kirchberg seit Jahren schwächeln, liegt für die meisten Wengerter ein Zusammenschluss mit dem nahe liegenden Marbach am Neckar offenbar weit jenseits des Vorstellbaren. Die 80 Mitglieder liebäugeln mit einer Fusion mit Bad Cannstatt - nicht zuletzt, weil Helmut Jenner, der ehrenamtliche Vorstandschef der Rielingshäuser, schon vor Jahren am Neckar einen Weinberg übernommen hat und seither den Kontakt mit den Cannstattern pflegt. Mehr als heimliches Gebruddel über die sinkende Qualität des Leseguts durch die langen Transportwege ist aus den Reihen der Wengerter aber nicht zu hören. Schließlich sind die Cannstatter mit namhaften Auszeichnungen beim Rotwein und guten Verkaufszahlen im Premium-Segment keine schlechte Adresse. Und schließlich wollten die Murrtäler auch eine Verschmelzung mit der nicht weit entfernten Bottwartalkellerei nicht ernsthaft überlegen - aus Angst, als kleines Anhängsel einer großen Wengertergenossenschaft unterzugehen.

Die Mindestgröße wird bei 400 Hektar liegen

Für den Weinbauverband müssen sich kleine Genossenschaften wie Bad Cannstatt mit einer Rebfläche von derzeit 45 Hektar Rebfläche ernsthafte Sorgen machen, denn künftig werden nur die weiter existieren, die eine Mindestgröße von etwa 400 Hektar bewirtschafteter Rebhänge haben. Über dieser Marke aber liegen derzeit nur sieben der 30 Genossenschaften mit eigener Kellerwirtschaft. Und: In einem internen Papier zur Fusion der Wengerter an Kocher und Jagst werden gar 800 bis 1000 Hektar Rebfläche als Idealgröße genannt - ein Maßstab, den in Württemberg nur die Zentralgenossenschaft WZG in Möglingen erreicht.

"Wir kommen in den nächsten Jahren um Fusionen nicht mehr herum", sagt auch Karl-Heinz Hirsch, der Geschäftsführer des Weinbauverbands. Seiner Schätzung nach schlagen die Kosten für Kellertechnik, Vertrieb und Buchhaltung pro Liter Wein mit bis zu 1,80 Euro zu Buche - je größer der Betrieb ist, desto niedriger sind die Fixkosten.

Gerade relativ kleine Genossenschaften haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass mit herausragender Qualität durchaus gutes Geld zu verdienen ist. So hat sich für die Untertürkheimer Wengerter nicht nur die Fusion mit Obertürkheim, sondern auch die Umbenennung in Weinmanufaktur ausgezahlt, auch in Uhlbach und Rotenberg führten der neue Name Collegium Wirtenberg und die konsequente Mengenreduzierung zu hoffnungsvollen Verkaufszahlen. Wer seiner Kundschaft auch Spitzengewächse bieten kann, muss sich wirtschaftlich weniger Sorgen machen - die Masse macht's in Württemberg nicht mehr.

Umso wichtiger ist, dass viele Genossenschaften den Zwang zum Strukturwandel durchaus erkannt haben - und als ersten Schritt wenigstens beim Vertrieb den Schulterschluss suchen. So haben fünf Genossenschaften aus Zabergäu und Stromberg jetzt die Handelsmarke Fünfklang ins Leben gerufen. Von Brackenheim bis Bönnigheim stehen künftig 2400 Mitglieder mit mehr als 1300 Hektar Rebfläche vor allem für den bundesweiten Verkauf unter einem Marketing-Dach. Noch weiter geht die 2008 in Stuttgart gegründete Weinvilla: Die Wengerter aus Bad Cannstatt und von der Weinmanufaktur Untertürkheim treten unter diesem Signet nicht nur auf dem überregionalen Markt gemeinsam auf. Sie haben auch Personalwesen, Mitgliederbetreuung und kaufmännische Leitung aus Kostengründen in eine gemeinsame Hand gelegt. Selbst beim Chefposten wird Geld gespart: Geschäftsführer Günter Hübner kümmert sich in Personalunion mittlerweile um beide Genossenschaften.

Auch zwischen Korb und Weinstadt hat inzwischen ein Umdenken eingesetzt: Um den Verkauf anzukurbeln, schreckt die Remstalkellerei nicht mal vor der Kooperation mit badischen Winzern zurück, hat mit sechs Genossenschaften eine überregionale Vertriebsfirma gegründet. Außerdem geht wohl auch die Zeit der völlig unwirtschaftlichen Traubenannahme zu Ende. Um keine Untergenossenschaft zu vergrätzen, leistet sich die Remstalkellerei bisher den Luxus, neben der Zentrale in Beutelsbach noch acht weitere Filialen für die Anlieferung des Leseguts zu halten. "Bei Immobilien, die wir für höchstens acht Wochen im Jahr nutzen, müssen wir selbstverständlich überlegen, ob wir das Herbstgeschäft nicht besser organisieren können", bekennt Geschäftsführer Heiko Schapitz. Seiner Schätzung nach schlägt die überdimensionierte Struktur mit Mehrkosten von gut drei Cent pro Liter zu Buche. "Wenn es im Weinbau wie erwartet abwärtsgeht, ist das viel Geld. Wir haben vom Aufsichtsrat den klaren Auftrag, zu überlegen, wie wir unsere neun Einzelgenossenschaften fusionieren können."

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