Wenn Türchen Nummer 22a in der Großen Gass in Haltingen sich öffnet, dann erinnert sich Walter Kaufmann an Weihnachten in den „Baracken“.
Hinter der Haustür Nummer 22a, in der Großen Gass, wohnt Walter Kaufmann mit Frau Gerda. Sein Lebensweg ist eng mit den bewegten Zeiten seiner Heimat Haltingen verknüpft. Als Walter Kaufmann sechs Jahre alt war, wurde sein Heimatdorf in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni bei einem verheerenden Artillerieangriff fast vollständig zerstört. „Unser Oberdorf lag in Trümmern, viele Häuser brannten nieder – auch unser Elternhaus wurde Opfer der Flammen“, erinnert sich der heute 91-Jährige.
In den zwölf Jahren nach dem Angriff lebten Walter Kaufmann und seine Familie gemeinsam mit etwa 500 anderen obdachlos gewordenen Haltingern in der Konstantin-Hierl-Siedlung, die im Volksmund „Baracken“ genannt wurde. Dort verbrachten die Familie von 1940 bis 1952 auch Weihnachten – inmitten von Krieg und den Entbehrungen der Nachkriegszeit. „In der Adventszeit und an Weihnachten hatten wir nicht viel; wir froren und hatten Hunger“, berichtet Walter Kaufmann rückblickend. Geschenke und festliches Essen waren eine Seltenheit. Manchmal brachte jemand eine Tafel Schokolade aus Basel mit – ein besonderer Luxus.
Trotz aller Not war ein Weihnachtsbaum stets Teil der bescheidenen Feierlichkeiten. „Mein Großvater, der Landwirt war, hat den Baum im Wald geschlagen“, erzählt Kaufmann. Der Schmuck, wenn überhaupt vorhanden, bestand meist aus selbstgebastelten Papierketten. Einige Familien konnten in den Ruinen noch Gegenstände wie einen eisernen Weihnachtsbaumständer bergen. Kerzen gab es keine, doch in der „Bachi“, dem Backhaus der „Baracken“, haben die Frauen Brot gebacken und hin und wieder sogar Zuckerbrödli für die Kinder.
1952 fand die Familie Kaufmann in der Großen Gass 22a ein neues Zuhause, wo Walter Kaufmann 1970 im ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesen seiner Eltern einen Installationsbetrieb als Meister eröffnete. Er ist heute nur noch selten im Geschäft, doch eine Tradition wird aufrechterhalten: Die alljährliche Weihnachtsfeier mit den Mitarbeitern und deren Familien liegt ihm besonders am Herzen. Jahrelang hat seine Frau Gerda für alle Familienmitglieder gebacken – heute übernehmen die beiden Enkelinnen diese Aufgabe und backen zu Weihnachten gemeinsam Linzer.
Was Walter Kaufmann besonders Freude bereitet, ist seine kreative Arbeit mit den im Betrieb anfallenden Blechresten. In seiner Werkstatt fertigt er filigrane Blumen, große Blüten, Schalen, Herzen, Pferdeköpfe und sogar Weihnachtsbäume – alles Unikate, die zum Schluss in leuchtenden Farben erstrahlen und auch in manchem Haltinger Garten zu finden sind.
Geborgenheit und Hoffnung
Für Kaufmann ist das Weihnachtsfest ein Anlass, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Sein Lebensweg zeigt, dass selbst in schwierigen Zeiten das Weihnachtsfest Geborgenheit und Hoffnung schenken kann.