Fünf Wochen lang feierten Künstler das Kesselhaus als eine neue Plattform und zuhause für die Kunst in der 3-Länder-Stadt.
Erlebnis- und Kulturräume für alle schaffen, die kulturellen grenzüberschreitenden Beziehungen im Dreiland vitalisieren und Menschen in die Entstehung künstlerischer Prozesse einbeziehen: Das waren drei der vielen Ziele, mit denen das städtische Kulturamt Weil am Rhein und die Regio-Kulturstiftung vor genau 30 Jahren im Kesselhaus-Areal einen fünfwöchigen Regio-Kultursommer vom 15. Juli bis zum 20. August veranstaltet hatten. Gleichsam eine endgültige Eröffnung des Kulturzentrums, da mit den Ateliers und dem „Kulturcafé Emporio“ im Mai 1995 die letzten ursprünglich geplanten Mosaiksteine fertiggestellt waren. Später kamen dazu noch Probe-Räume für Jugendbands und das Kunstzentrum der Volkshochschule.
Fulminante Aufbauphase im Kulturbereich
Für den Autor dieser Zeilen war es nach einer fulminanten Aufbauphase im Kulturbereich in den ersten neun Jahren des Kulturamtes seit 1986 ein überregional wahrgenommenes Fanal mit einer Reihe von ungewöhnlichen Veranstaltungen, Uraufführungen und Workshops. Nach der wesentlichen Erweiterung der Volkshochschule und der Musikschule, dem Quantensprung der städtischen Bibliothek von einem kleinen Raum im Haus der Volksbildung in den dreigeschossigen Einbau in die ehemalige Kirche St. Peter und Paul, dem Aufbau dreier neuer Museen in Alt-Weil, Ötlingen und beim Kesselhaus, der Etablierung verschiedener Festivals wie dem „Weiler Kulturfrühling“ oder „Jazz in Weil“ sowie Theater- und Konzertabos also ein kultureller Höhepunkt, der auch die urbane Rolle der Stadt Weil am Rhein in einer großen grenzüberschreitenden Agglomeration markierte.
Industrie und Kulturstiftung ermöglichen das Fest
Ermöglicht wurde das Dreiland-Festival vor allem mit finanziellen Mitteln der Basler Industrie. Bereits seit 1994 war der Autor Mitglied des Stiftungsrates der Regio-Kulturstiftung, mit der ihr Gründer Felix K. Gysin aus Basel unter dem Dach der Regio Basiliensis große Namen der Regio-Wirtschaft wie Georg Endress oder Peter Rogge, Jürg Schärer, Gaudenz Staehelin und Theo Hotz an einen Tisch zusammenbrachte.
Große Namen stehen hinter dem Kultursommer
Öffentliche Kultur-Manager beteiligen sich, wie der Freiburger Thomas Landsberg, der Kulturreferent Auguste Vonwille aus Saint-Louis, André Weber für den Kommunalverband SIPES, Vera Stauber aus Riehen und der Verfasser dieser Zeilen. Und bereits 1994 erfolgte die Erstauflage des Regio-Kultursommers am Hellhof beim Euro-Airport.
Die Idee des Regio-Kultursommers war es, ausschließlich kulturelle Akteure aus der Regio eine Bühne zu bieten und Bewohnern der Regio vielfältige kulturelle Beteiligungsmöglichkeiten. So konnte ich viele kompetente Fachleute wie den Jazz-Musiker Matthias Daneck für die Planung und Begleitung von fünf sonntäglichen Jazz-Konzerten, Annemarie Schubert für die Koordination von 30 Workshops aus vielen Kreativbereichen, Irena Hustedt und Eva-Maria Staudenmaier für das Festivalbüro und vom Kulturamt Gerhard Broß für die Verwaltungsabwicklung gewinnen. Sigrid Schaub und Andreas Wallat sorgten dafür, dass das neue Museum Weiler Textilgeschichte während der Festivalzeiten geöffnet bleiben konnte.
Damals gab es in den beiden Shed-Hallen nur die Einbauten der Ateliers und des Cafés. Also viel Platz, um großräumige Skulpturen- und Kunstausstellungen mit Künstlern wie Stefan Hübscher oder Fritz Hauser aus Basel, Konrad Grund aus Hausen, Helmut Lutz aus Breisach oder Minka Strickstrock aus Lörrach einzuplanen. Und größere Rockkonzerte zum Beispiel mit E.X.P. durchzuführen. Das Musikschulorchester begleitete Talente aus Kaliningrad vor großen Theaterkulissen, die von Tournee-Theatern zur Verfügung gestellt worden waren. Und als besonderes Highlight die Theater-Uraufführung von Kassandra nach Christa Wolf in der Produktion von Gian Gianotti.
Open-Air-Kino und zahlreiche Konzerte
Zwischen Museum und Halle Süd wurde eine Bühne installiert, auf der der bekannte elsässische Liedermacher Roger Siffer mit seiner Gruppe das Programm „Teufelsgeiger“ vorstellte. Dort unterhielt das JoJo Clowntheater oder spielte die Freiburger Gruppe „Contradanse“ mit mittelalterlichen Instrumenten. Zauber-Profis wie Sebastian oder auch Trachtengruppen aus allen drei Ländern traten dort unter freiem Himmel auf. Aber es gab auch an drei Abenden Open-Air-Kino mit ausgewählten Filmen aus den drei Ländern. Oder eine Multivisionsshow von Martin Schulte-Kellinghaus über „Europa-Stelldichein am Oberrhein“. Dahinter hatte die Zirkustruppe von „Cirqu’enflex“ mehrere Abende auf dem Vorplatz mit magischer Akrobatik geglänzt.
Wochenkurse und Tagesworkshops
Und im Kesselhaus wurde ein dichtes Programm mit Chansons, Theaterabenden mit Norbert Schwientek, einer Opéra Surprise mit zwei Pianistinnen, Rock- und Folkkonzerten wie mit Jetsam und Literaturprojekten wie mit der Basler Wortwerkstatt angeboten. Wochenkurse und Tagesworkshops gab es für alle Altersgruppen und viele Kreativbereiche. Kurz: es brummte fünf Wochen lang so intensiv, dass viele sich eine jährliche Wiederholung wünschten.
Aber der nächste Kultursommer folgte 1997 in Riehen. Auch die Veranstaltungen der Landesgartenschau Grün99 hatten von dem entstandenen Netzwerk der Regio-Kulturstiftung profitiert, das der Autor als Veranstaltungs- und Kunstmanager gerne dafür nutzte. Und das Kesselhaus hatte sich seither in der gesamten Regio einen Namen gemacht, nachdem das Theater im Kesselhaus schon vier Jahre lang ein Publikum aus dem deutschsprachigen Bereich angezogen hatte.
Die Industrie brachte viele Arbeitsplätze
Rund 100 Jahre lang gab es in Friedlingen das Textilzeitalter.
In der Hochzeit der Textilindustrie arbeiteten in Friedlingen etwa 2300 Mitarbeiter in den Betrieben. Die erste Ansiedlung wird einem Färbereibetrieb im Jahr 1880 zugeschrieben, die später als Färberei und Appretur Schusterinsel bekannt wurde. Mit der Färberei & Appretur Schetty kam 1898 und mit der Seidenstoffweberei Robert Schwarzenbach im Jahr 1923 weitere große Betriebe dazu. Ausschlaggebend waren die Lage am Wasser, der Anschluss an das Eisenbahnnetz und zollrechtliche Vorteile. Im Dreiländereck mit seiner ländlichen Strucktur standen zudem günstige Arbeitskräfte zur Verfügung. Die Zeit der Hochindustriealisierung bedeutete wirtschaftlichen Aufschwung. Modernere Maschinen, vor allem aber günstigere Arbeitskräfte machten dieser Industrie den Gar aus. Mit der Schließung der Seidenweberein Schwarzenbach ging die rund 100-jährige Geschichte der Textilindustrie 1982 zu Ende. Das Museum Weiler Textilgeschichte hält die Geschichte am Leben. Unter anderem sind dort Schlosserei und Schreinerei des früheren Kesselhauses erhalten geblieben.