Zu einem Diskussionsabend hatte die evangelische Kirchengemeinde eingeladen.
Pfarrer Michael Hoffmann stellte in einem Vortrag zunächst die geschichtlichen, theologischen und gesellschaftspolitischen Aspekte des Themenfeldes vor, das uns auch heute beschäftigt, wie die anschließende lebhafte Diskussion zeigte. Dabei wurde auch deutlich, wie sich die christliche Kirche vor allem nach der Zeit der Reformation an der Bildung gravierender Vorurteile gegen Juden und das Judentum schuldig gemacht hat.
Kirche hat sich schuldig gemacht
Jesus hat als Jude auf der Basis der jüdischen Tradition gepredigt und gehandelt, die ersten Jünger waren Juden und erst später schlossen sich die „Heidenchristen“ der Botschaft an, als interessierte „Mitglieder light“, wie Hoffmann sagte. Interessant waren auch seine Ausführungen zum Verständnis der Evangelien, die ja deutlich nach der Lebenszeit Jesu entstanden sind. Die neutestamentlichen Aussagen zu Jesus müssen nach Hoffmann auf ihren jüdischen Hintergrund befragt werden. Die vier Evangelien seien als Glaubenszeugnisse zu verstehen. Sie deuteten im Rückblick Erfahrungen für die damalige Gegenwart der Evangelisten und ihrer Leser.
Christen gründeten ihren Glauben auf jüdischer Tradition
Den Begriff „Palästina“ habe erstmals Kaiser Hadrian benutzt, um nach dem so genannten Bar-Kochba-Aufstand die Erinnerung an Judäa zu löschen. Ob Jesus der erwartete Messias sei, sei für die Christen eine zentrale Frage geworden, während sie in der jüdischen Tradition eher „mit einer gewissen Großzügigkeit“ behandelt wurde, erklärte Hoffmann. Wie es zur Trennung von Christen und Juden kam und welche Langzeitfolgen das hatte, zeichnete Hoffmann im zweiten Teil seines Vortrags nach, immer vor dem Hintergrund, dass die ersten Christen ihren Glauben auf der jüdischen Tradition gründeten und die später hinzukommenden „Gasthörer“ zum Teil ein pantheistisches Weltverständnis hatten.
„Geschichte von Verfolgung, Abwertung und Vernichtung“
Später in der Diskussion ging es auch um den Monotheismus der drei großen Weltreligionen und die Faszination dieses Gottesbildes. Hass auf die Juden provozierte laut Hoffmann schon früh das Narrativ von den Juden als Gottesmörder. Luthers späten Judenhass erklärte er damit, dass der Reformator in seiner Erwartung getäuscht war, die Juden zum Christentum zu bekehren, nachdem anstelle der Gesetzestreue durch Werke die Gnade Gottes und das Evangelium getreten waren. „Die ganze jüdische Geschichte ist eine Geschichte von Verfolgung, Abwertung, Vorurteilen und Vernichtung“, bilanzierte Hoffmann. Inzwischen habe sich die Wissenschaft glücklicherweise von den Vorurteilen distanziert und die Möglichkeit einer neuen Sicht auf das Verhältnis Juden-Christen ermöglicht.
Wo Israel als Staat abgelehnt wird
Dass der moderne Antisemitismus vielfach mit einer Pauschalablehnung des Staates Israel verwoben ist, war der dritte Themenkreis des Vortrags. Um Antisemitismus und nicht um berechtigte Kritik handele es sich dann, wenn die „drei D“ greifen: Doppelte Standards, Dämonisierung und Delegitimierung. So zeigte Hoffmann, wie selbstverständlich doppelte Standards angelegt werden, wenn es um die Beurteilung von Juden und Israel geht. So gab es bei den Vereinten Nationen in den zurückliegenden Jahren mehr Resolutionen gegen Israel als gegen alle anderen Länder zusammen. Zwischen 2006 und 2022 verurteilte der UN-Sicherheitsrat Israel 15-mal, dagegen Länder wie Nordkorea, Iran, Myanmar und Syrien jeweils nur einmal. „Nach diesen Abstimmungen erscheint Israel als der mit Abstand verwerflichste, unmenschlichste und kriegerischste Staat der Welt“, zitierte Hoffmann den deutsch-israelischen Journalisten Chaim Noll.
Zur Legitimation von Israel als Staat
Zur Legitimation Israels als souveräner Staat müsse man die historischen Fakten der Staatsgründung heranziehen, ein weites Feld, aber eindeutig in der Bejahung der Frage der Rechtmäßigkeit. „Das Judentum ist und bleibt die Grundlage unseres Glaubens, unserer Werte und Kultur“, bilanzierte Hoffmann am Ende. Deshalb gehöre es nicht nur zu unserer Geschichte, sondern auch zu unserer eigenen Identität.