Zweiter Weltkrieg: Vor 75 Jahren flogen Brandgranaten auf Haltingen / Drei Zeitzeugen erinnern sich
Von Sabine Theil
Weil am Rhein-Haltingen. Vor 75 Jahren erlitt Haltingen einen schweren Schicksalsschlag. Vom 10. auf den 11. Juni 1940, morgens um 3 Uhr, flogen die ersten Brandgranaten auf das Oberdorf, die sofort einige Höfe in Brand setzten. Weitere Brand- und Sprenggranaten aller Kaliber folgten auch am nächsten Tag. Inge Kaufmann, Kurt Holdermann und Emma Beierer, geborene Grether, waren damals noch Kinder. Sie erzählen in drei Beiträgen von ihren Erinnerungen an diese Zeit als ein Großteil Haltingens in Schutt und Asche lag.
Die wenigen Männer und einige im Ort verbliebene Soldaten sowie die Kameraden der Weiler Feuerwehr versuchten trotz zerstörter Wasserleitung und durch Granatsplitter beschädigter Schläuche zu retten, was zu retten war. Doch Anwesen um Anwesen und das altvertraute Ortsbild fielen dem Feuer zum Opfer.
Das, was die zuvor evakuierten und zurückkehrenden Haltinger vorfanden, war ein rauchender Trümmerhaufen. Über einhundert Wohn- und Ökonomiegebäude waren abgebrannt, bis auf einige vom Rauch geschwärzte Mauern und Giebel mit leeren Fensterhöhlen.
Die Futtervorräte, Gärten, Kirschbäume sowie das Blattwerk der Reben und die Gescheine waren zerstört. Stallungen für das Vieh, Scheunen und sonstige Schuppen für Vorräte mussten geschaffen werden. 500 Haltinger hatten kein Zuhause mehr. Für sie wurden Notunterkünfte westlich des Werkhofs der Firma Schumacher, nördlich des Heldelinger Wegs die „Barackensiedlung“, wie sie im Volksmund genannt wurde, erbaut.
Inge Kaufmann war im Jahre 1940 erst drei Jahre alt. Sie wuchs in der Barackensiedlung auf, wo sie mit ihrer Familie von drei bis 14 Jahren in der ersten Baracke im Märktweg gelebt hatte. Für sie war das Barackenleben normaler Alltag. Sie kannte es kaum anders und erinnert sich, dass sie im Oberdorf in den Kindergarten und zur Schule ging. Diese Gebäude waren erhalten geblieben.
„Zu zweit haben wir unsere kleinen Geschwister zum Kindergarten mitgenommen – eins vorne auf der Stange und eins hinten auf dem Rad“, so Inge Kaufmann, die sich auch noch daran erinnert, dass sie sich bei der Taufe der Zwillinge Traudel und Reinhold 1944 zwei Mal unterstellen mussten – wegen der Flieger. „Zum Schanzen beim Rumänen-Friedhof hat unsere Mutter uns Kinder alle mitgenommen, teilweise im Kinderwagen.“
Das Leben in den Baracken hat Inge Kaufmann in guter Erinnerung. Es gab ein Backhäuschen mit zwei Helfern. Mittwochs, freitags und samstags haben die Frauen ihren Teig dort hingebracht und haben das Brot backen lassen. Nebenan befand sich ein großer Raum, in dem geschlachtet wurde. Dort konnte man auch Fleischbrühe holen, die verdünnt wurde, um die Menge zu erhöhen.
An der Mauer der Firma Schumacher stand ein Schopf mit Hasen und Hühnern. Nach der Unterführung befand sich der Lebensmittelladen Knoll, wo man mit Lebensmittelkarten einkaufen konnte, die man zuvor auf dem Rathaus abholen musste. Der Tauschhandel gehörte zum Alltag, so tauschte man zum Beispiel Fleisch gegen Stoffe. „Es gab keinen Neid und man hat sich gegenseitig geholfen“, erinnert sich Kaufmann.
Neben dem „Metzgete“-Raum war ein Badehäuschen. In den Wohn-Baracken selbst gab es kein Wasser und keine Toilette. Jede Familie hatte aber ihre eigene Toilette in speziellen Baracken. „Wir hatten es gut, wir mussten nur unter der Wäscheleine durch – in der gegenüberliegenden Baracke war unser Plumpsklo“, weiß Inge Kaufmann noch und merkt an, dass andere Familien einen weiteren Weg zur Toilette hatten, und sich deswegen nachts auch mit einem Eimer behalfen.
Die direkte Nachbarschaft zur Firma Schumacher und dem dazugehörigen Bauhof war für die Kinder verlockend. Neben „Räuber und Gendarm“ spielen, badeten die Kinder gerne im Lehm-Bach, der meist neben der Schottermaschine entstand. Die Buben fuhren mit dem Eisenwägelchen auf den Schienen, wenn der Betrieb geschlossen war. „Sie durften sich allerdings nicht erwischen lassen“.
Denjenigen, die vor dem Beschuss bereits ein eigenes Haus hatten, war es erlaubt zu bauen – die Großeltern hatten ihr Haus beim Beschuss verloren. 1951 konnte die Familie Kaufmann in das heutige Haus, Große Gaß 22, einziehen. Unten haben die Großeltern gewohnt und im oberen Stock die Familie Kaufmann mit zwölf Kindern. Einige Jahre darauf verstarb der Vater, er war erst 47 Jahre alt. Inge Kaufmann half ihrer Mutter im Haushalt und mit den kleineren Geschwistern. „Durch den Abriss der Firma Schumacher ist für mich ein Stück eigene Vergangenheit verloren gegangen“, bedauert die heute 77-jährige Inge Kaufmann.