Eine Aufnahme des Kometen Ison durch das Hubble-Teleskop Foto: dpa

Das Schicksal des Kometen Ison wird sich an diesem Donnerstag entscheiden. Überlebt der 4,6 Milliarden Jahre alte Schweifstern, oder macht ihm die Sonne beim Vorbeiflug den Garaus? Die Astronomen wagen keine Prognose, hoffen aber, dass Ison uns nicht verlässt.

Katlenburg/Stuttgart - Etwa 1,5 Kilometer im Durchmesser misst der Brocken aus gefrorenen Gasen, Wasser und Gestein. In kosmischen Dimensionen eher ein Winzling, begeistert Ison dennoch seit Wochen Hobbyastronomen und Experten. Weil er so schön leuchtet. Weil die Himmelserscheinung an die biblische Geschichte vom Weihnachtsstern über Bethlehem erinnert.

Wissenschaftler wie Werner Curdt vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau (Niedersachsen) sehen das nüchtern. Curdt beobachtet seit Tagen den Kometen durch ein Spezialgerät, einen Koronografen. Das Instrument deckt, vereinfacht gesagt, die Sonne ab und dämpft so die Helligkeit. „Ison hat einen großen Kopf und einen schönen Schweif, wie es sich für einen Kometen gehört“, erläutert der Forscher unserer Zeitung.

Sonne regt Schweif des Kometen zum Leuchten an

Am Abend des 28. November entscheidet sich, ob Wissenschaftler und Hobbyastronomen sich weiter an dem faszinierenden Gebilde erfreuen dürfen. Ison jagt mit höllischer Geschwindigkeit auf die Sonne zu, legt sich in die Kurve und umrundet unser Zentralgestirn. Mit der Annäherung an die Sonne wird der Schweif immer intensiver, da gefrorene Gase oder gefrorenes Wasser des Kometen auftauen und zum Leuchten angeregt werden. Doch das Rendezvous könnte Isons Aus bedeuten – wenn er den Feuertod durch die enorme Hitze der Sonne stirbt.

Werner Curdt gibt – vorsichtige – Entwarnung. „Das letzte Wort ist da noch nicht gesprochen“, sagt er. Alle Theorien, wie es mit dem Schweifstern weitergeht, seien pure Spekulation. „Noch nie war ein Komet der Sonne so nah wie dieser“, sagt er. „Deshalb können wir nicht vorhersagen, was passieren wird.“ Ison gilt als neuer oder frischer Komet, wie die Experten sagen. Curdt vergleicht ihn „mit einer Schneeflocke“. Der Halleysche Komet dagegen, der zuletzt 1986 in Erdnähe kam, sei von der Zusammensetzung eher ein Stück Eis „mit einer dicken Dreckschicht obendrauf“.

Anfang Dezember könnte Ison zum Weihnachtsstern werden

Am Donnerstagabend nach 20 Uhr wissen Curdt und seine Wissenschaftskollegen mehr über das Schicksal von Ison. Dann hat der Durchreisende aus den Tiefen des Universums das Schlimmste überstanden. Während des Transits um die Sonne kann es an der Oberfläche des Kometen bis zu 1500 Grad heiß werden. Eine echte Bewährungsprobe.

Für Curdt birgt der Besuch des Schweifsterns in Erdnähe eine seltene Chance, in die Vergangenheit zu schauen. „Ison stammt vermutlich aus der Oortschen Wolke“, erläutert der Forscher. In diesem hypothethischen Gebilde am äußersten Rand des Sonnensystems wird Materie vermutet, die mehr als vier Milliarden Jahre alt ist. Damals sind Planeten wie die Erde entstanden. In Ison könnten Gestein oder Gase aus der Zeit erhalten sein – tiefgefroren wie in einem gigantischen Eisschrank. Curdt späht mit einem Spektrometer hinein in den Kometen, als ob er in einem sehr alten Buch liest.

Wird Ison, dessen Schweif mehr als eine Million Kilometer lang ist, nun ein Weihnachtsstern, wie viele hoffen? „Überlebt der Komet, dürfte er eher in der ersten Dezemberwoche als rund um Weihnachten an einem klaren Nachthimmel zu sehen sein“, sagt Curdt. Aber nur mit einem starken Fernglas oder einem Teleskop.

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