In Weihnachtsgottesdiensten rund um Schopfheim ging es um Krieg und Frieden, um Leistungsgesellschaft und Populismus. Wir haben einige Gedanken aus den Predigten zusammengetragen.
Pfarrer Steffen Mahler nahm seine Zuhörer in Christmette in der evangelischen Stadtkirche mit auf die Suche nach der wahren Bedeutung von Weihnachten und nach dem Gottesbild, das sich in den Worten des „Gloria in excelsis Deo“ vermittelt. Seine eindringliche Mahnung: Über allem Trubel, der uns in der Weihnachtszeit umgibt – „in einer Zeit, in der die Engel massenweise durchs Gemüt und die Schaufenster schwirren“ –, ist es wichtig, auf die eigentliche Botschaft zu achten.
Von der Bedeutung des Handelns
Lässt man sich darauf ein, erscheine Gott im Hymnus „Gloria in excelsis Deo“ (auch) als himmlischer Vater, „der, wie jeder anständige Elternteil, seine Kinder vor Schaden und Gefahr behüten möchte“. Und der zu diesem Zwecke die Zehn Gebote formuliert hat, die ihre Bedeutung indes erst in der konkreten Umsetzung, im Handeln gewinnen: „Das Geplänkel um das pi-pa-putzige Kindelein ist so folgenlos, dass es schwere Folgen hat. Der Friede auf Erden den Menschen kommt eben nicht durch das Singen netter Lieder, sondern durch das Festhalten an den Lebensworten Gottes. Gloria singen ist das eine – gloria-reich leben, glorreich leben ist das andere“, vermittelte Mahler in sehr zugänglichen Formulierungen.
Die gängige Übersetzung „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede sei auf Erden!“ entlarvte Mahler als fehlerhaft: „Ehre IST Gott in der Höhe, und Frieden IST auf Erden“, heißt es korrekt – mit einer entscheidenden Verschiebung in Bedeutung und Greifbarkeit: Es geht nicht allein um einen fernen Gott und ein fernes Heilsversprechen, sondern es geht um etwas viel Konkreteres: „Frieden ist auf Erden. Wenn die Ehrfurcht vor dem Leben .... ins Handeln dringt. Wenn wir Ja sagen zu allem Lebendigen und Nein im Namen des lebendigen Gottes zu allem, was tötet!“
„Fähigkeiten und Gaben auch für andere nutzen“
Auch in den Predigten in den katholischen Kirche in Schopfheim und Hausen spielte die mit Weihnachten verbundene Verheißung „Frieden auf Erden“ eine wesentliche Rolle – in der Predigt von Diakon Uwe Degenhardt an Heiligabend mit konkretem Bezug zu ihrem Gegenpol, dem Krieg, und den konkreten Orten, in denen dieser Tage Terror und Gewalt zu Hause sind: Dem Gazastreifen etwa, „wo durch Terror und dem sich anschließendem Krieg viele Menschen nicht nur ihre Wohnung, sondern die ganze Existenz, Zukunft, und viele ihre Leben verloren – nicht weit von dem Ort der Geburt Jesu.“
Auch von Diakon Degenhardt erreichte die Gläubigen der Aufruf, ins Handeln zu kommen und die Verständigung und das Miteinander über alle Unterschiede in Herkunft, Sprache, Religion oder auch in kleinen Alltäglichkeiten hinweg im eigenen Leben umzusetzen. Denn eben dazu wolle Weihnachten anstiften: „Friedlich zusammen zu leben. Jede und jeder möge seine Fähigkeiten und Gaben auch für andere nutzen – und geeint sein im Glauben, in der Dankbarkeit für Gottes Liebe.... Warten wir darum nicht erst auf andere“, formulierte Diakon Degenhardt.
„Solidarisches Tun“
Auch der katholische Pfarrer Michael Latzel bezog sich in seiner Predigt am ersten Weihnachtsfeiertag auf die Kriege im Gazastreifen, in der Ukraine und dem Sudan – und setze diesem Leid als Kontrapunkt das Miteinander über alle Unterschiede hinweg entgegen. Von diesem spreche auch die Bibel in ihrer Rede von der „Menschwerdung“ Gottes in der Geburt Jesu – in einer universellen Bedeutung, „ohne jegliche nationale oder geschlechtsbetonende Färbung oder sonstiger menschlicher Einteilung und Abgrenzung“.
Von hier aus schlug Pfarrer Latzel die Brücke zu aktuellen politischen Entwicklungen, zu nationalistischen und populistischen Strömungen – und von dort wiederum zu Verantwortlichkeit und Handeln des Einzelnen, im Umgang mit den Mitmenschen, in Konsumverhalten und im Lebensstil. „Nicht Amerika – oder Europa first, nicht Nationalismen verkünden die Evangelien, sondern gleiche Würde und gleiche Wertigkeit aller Menschen aller Zeiten!“, predigte Pfarrer Latzel. „Wenn wir also Gottes Menschwerdung feiern, dann sollte für uns alle erst recht gleiches auch in unserem gesellschaftlichen und politischen Umgang miteinander gelten“, so seine Botschaft. „Ich wünsche Ihnen, euch, mir selbst auch, dass Weihnachten unser Herz neu und mehr universal schlagen lässt und sich in solidarischem Tun zeige.“
Ein menschenfreundlicher Gott
Das Bild eines menschenfreundlichen Gottes stellte Pfarrerin Nina Reichel ins Zentrum ihrer Predigt am ersten Weihnachtsfeiertag in der evangelischen Stadtkirche, gepaart mit der Frage nach der Bedeutung dieses Gottesbildes für den Einzelnen und seine (Selbst-)wahrnehmung. Die Vorstellung eines menschenfreundlichen Gottes sei manch einem angesichts der Lebensrealitäten in der Konsum- und Leistungsgesellschaft vielleicht nicht unmittelbar zugänglich, so Pfarrerin Reichel. Dabei gelte: „Das Geschenk Gottes greift das Leistungsdenken an. Es attackiert die Vorstellung, dass Liebe verdient werden muss. Es zielt auf den Gedanken, dass nur perfekte Menschen liebenswert sind. Es schwächt die Vorstellung, dass Geschenke verdient sein müssen.“
In diesem Sinne sei das „überraschenden Weihnachtsgeschenk“ Gottes ein Friedensangebot. „Er lädt Menschen ein, mit sich selbst im Frieden zu leben. Ein Friedensangebot in dem Krieg, den viele Menschen in ihrem Inneren gegen sich selbst führen.“
Dieser Frieden freilich reiche über den Einzelnen hinaus, so Pfarrerin Reichel: „Das Wort Gottes blüht dort, wo Menschenliebe gelebt wird. Wo Liebe und Mitgefühl sich selbst und anderen gegenüber spürbar werden. Es lädt uns ein, in seinem Licht unsere Einstellungen zu uns, zum Leben und zu anderen für die Zukunft neu zu wählen.“
Von den extremen Gegensätzen
Die evangelische Pfarrerin Ulrike Krumm machte in ihrer Predigt am ersten Weihnachtsfeiertag in Kürnberg und Fahrnau die „extremen Gegensätze“ zum Leitmotiv, und die Erkenntnis, wie eben doch beide Seiten zusammenhängen und ein Ganzes ergeben. Die extremen Gegensätze beim Blick in die Welt etwa: Hier die großen politischen Fragen von Wirtschaft bis Wehrpflicht – dort das einzelne Schicksal. Oder die Gegensätze im Erleben des Einzelnen: „Situationen, in denen etwas ganz Wichtiges im Leben eines Menschen passiert“, ein Mensch stirbt, oder ein Kind erblickt das Licht der Welt – „ und im selben Moment hört man etwas völlig Nebensächliches von außen“, ein Auto, oder einen bellenden Hund. „Das Große, Schwerwiegende und das Kleine, Alltägliche... Die große Weltgeschichte und die winzige kleine Menschengeschichte fallen zusammen. Und sind eins wie das andere gleich wichtig“, führte die Pfarrerin aus.
Das freilich erhebe dann auch das Handeln des einzelnen zu großer Bedeutung: „Weil dies so ist, können die Kleinen nicht mehr sagen: Ach, ich kann doch nichts tun.“ Darum sei das geselliges Beieinander am Weihnachtsabend „wichtiger als wir glauben“ und darum könne man auch die Schreckensnachrichten ausblenden, auch am Heiligen Abend nicht. „Und darum müssen und können wir auch die Gegensätze und tiefen Kontraste in unserem Leben ertragen und annehmen und leben: Glück und Verzweiflung, Energie und Hilflosigkeit, Gelingen und Scheitern, Licht und Schatten, Vollkommenes und Unvollkommenes.“ Weihnachten reiße diese Gegensätze auf, so sehr, dass es schmerzt, und hält sie gerade dadurch zusammen.