Bei der „Kundi“ steht der Mensch im Mittelpunkt. Foto: Michael Werndorff

Was vor 130 Jahren als Angebot für Handwerksgesellen begann, ist heute eine soziale Institution: Die Kundenweihnacht in Basel

Stephan Plattner erinnert sich noch gut an seine ersten Erfahrungen bei der „Kundi“, wie die sogenannte Kundenweihnacht in Basel liebevoll genannt wird. Plattner war einer von jährlich etwa 50 Helfern des Cevi Basel (entspricht dem deutschen CVJM), die traditionell an Weihnachten arme und einsame Menschen bewirten. „Das war ein ganz eindrückliches Erlebnis“, erzählt Plattner. So ist er dabei geblieben und zwischenzeitlich als Vorstandsmitglied einer der Organisatoren.

 

Am 25. Dezember ist es wieder soweit: Der Cevi Basel lädt bedürftige Personen zur „Kundi“, und wie beim ersten Mal vor 130 Jahren geht es im Kern „um die christliche Nächstenliebe“, wie Plattner betont.

Wie üblich findet die „Kundi“ in Kleinbasel statt, aber weil der Union-Saal im Quartierszentrum als angestammter Ort dieses und nächstes Jahr nicht zur Verfügung steht, weicht der Cevi Basel in ein anderes Quartier aus. In der Johanneskirche gibt es in diesem Jahr gleich zwei aufeinanderfolgende Feiern am Nachmittag und am frühen Abend, um in diesem kleineren Saal die erwartete Zahl von 200 bis 300 Gästen unterzubringen.

Höhepunkt im Alltag

Die Veranstalter kennen ihre Klientel und die Gäste wissen, was sie an der „Kundi“ haben. Viele kommen bereits seit vielen Jahren, für sie ist die Einladung des Vereins ein Höhepunkt im oft mühsamen und einsamen Alltag. Alfred Meyer, einer der Stammgäste, der bereits seit mehr als 50 Jahren kommt, schilderte die „Kundi“ in einem Podcast der Basler Zeitung einmal als Ausgangspunkt seiner wenigen sozialen Kontakte. Man trifft sich bei der „Kundi“, lernt sich kennen und baut im Idealfall eine nachbarschaftliche Beziehung auf. Genau so stellen es sich die Organisatoren vom Cevi Basel auch vor. „Menschen zusammenbringen, die es schwer haben, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, beschreibt Stephan Plattner das Ziel der „Kundi“. Wenn dann die Gäste immer wieder kommen, untereinander Kontakte knüpfen oder einfach nur für Stunden das sonst so vermisste Gefühl von Zusammensein spüren, dann hat der Anlass seinen Zweck erfüllt. „Das ist schon die Idee“, sagt Plattner mit Verweis auf den christlichen Sinn des Gemeinsamkeit stiftenden Weihnachtsfestes. „Und die ‚Kundi‘, das ist das Weihnachtsfest für diese Menschen.“

Erste Feier im Jahr 1890

Daran hat sich im Laufe der Zeit nichts geändert. Motivation für die Altvorderen des christlichen Vereins sei es Ende des 19. Jahrhunderts gewesen, die herumziehenden Handwerker und Hausierer, die damals von Haus zu Haus gingen und ihre Dienste anboten, an Weihnachten von der Straße zu holen. 1890 gab es dann die erste Weihnachtsfeier für diese „Kunden“ genannte Gruppe heimatloser Menschen.

Religiöser Impuls

Im Laufe der Zeit hat sich für die „Kundi“ ein fester Ablauf herauskristallisiert. Als Festtagsmenü gibt es stets Schinken mit Kartoffelsalat und zum Nachtisch Christstollen mit Kaffee. Das Mahl ist bewusst bescheiden gehalten, denn im Mittelpunkt soll das Miteinander stehen. Neben einer Begrüßung steht auch noch ein kurzer religiöser Impuls auf dem Programm. „Damit der christliche Ursprung des Festes nicht vergessen wird“, sagt Plattner. Ein kleines Unterhaltungsprogramm rundet die Feier ab.

Die „Kundi“ gehört zu den wenigen Orten oder Anlässen, wo Armut in Basel greifbar wird. Auch wenn der Cevi Basel die Menschen so nehmen will wie sie nun einmal sind und weder Erhebungen anstellt, noch jemanden einfach in Schubladen stecken möchte, so werde die Notlage vieler Menschen doch sehr deutlich.

Früher seien es mehr Obdachlose gewesen, die im Laufe der Zeit von den Notschlafstellen aufgefangen wurden. Heute gibt Stephan Plattner eine eher allgemeine Beschreibung der Gäste: „Es sind Leute, die es schwer haben“, sagt Plattner. Altersarmut trete deutlich zu Tage und damit einher gehe oft Einsamkeit, weil sich die Betroffenen ihrer Lage schämen und sich noch mehr zurückziehen. Nach seinem Eindruck würden viele Menschen öffentliche Hilfen gar nicht in Anspruch nehmen, weil sie „dem Staat nicht auf der Tasche liegen wollen“.

Starkes soziales Netz

Diese Eindrücke decken sich exakt mit dem Bild, das die Sozialstatistiken vermitteln. Gerade die verschämte Armut ist in Basel ein erkanntes, aber nur schwer zu greifendes Phänomen. Der jüngste Sozialbericht des Kantons Basel hat sich deshalb stark auf das Phänomen der nicht abgerufenen Sozialhilfe konzentriert. Grundsätzlich ist Sozialhilfe in der Schweiz eine Angelegenheit der Kantone. Es werden Hilfen für den Lebensunterhalt gewährt, außerdem gibt es Mietzuschüsse und Nachlässe bei der Krankenversicherung. „Wir haben in Basel ein starkes soziales Netz“, hält der Sozialbericht des Kantons fest. 36 Millionen Franken hat Basel im Jahr 2022 aufgewendet, um Notsituationen zu vermeiden. „Ihre Wirkung können die Sozialleistungen aber nur entfalten, wenn sie bei den berechtigten Personen ankommen“, heißt es weiter im Bericht. Auch ohne die verborgene Armut – ihr Anteil wird auf ein Drittel aller Berechtigten geschätzt – gehört Basel zu den Kantonen mit der höchsten Sozialhilfequote in der Schweiz. Etwa fünf Prozent der Basler Bevölkerung nehmen eine Sozialleistung in Anspruch.

Mehr als acht Prozent leben in Armut

Ganz grundsätzlich ist in der Schweiz Armut so verbreitet wie in den europäischen Nachbarländern. Nach den Zahlen des Schweizer Bundesamts für Statistik leben in der Schweiz etwas mehr als acht Prozent der Bevölkerung in Armut, wenn man den alltäglichen Bedarf zugrunde legt. Heruntergebrochen auf Basel wären das rechnerisch fast 17 000 Personen. Nach der in Europa gebräuchlicheren Methode, wonach all jene als von Armut bedroht gelten, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens haben, kommt die Schweiz sogar auf eine Quote von mehr als 16 Prozent. Damit bewegt sich die Schweiz im europäischen Mittelfeld und sie liegt sogar noch über dem Wert in Deutschland.

Bei der „Kundi“ spielen solche nüchternen Zahlen keine Rolle, hier soll der Mensch im Mittelpunkt stehen. Zum Miteinander gehört auch der Einsatz der Helfer, die ihre Gäste umsorgen. „Eine schöne Arbeit“, erinnert sich Plattner noch an die Zeit, als er selbst noch Essen verteilt, Kaffee ausgeschenkt und dabei mit den Gästen ins Gespräch gekommen ist. „Die Menschen sind dankbar“, sagt Plattner, „und man bekommt als Helfer so viel zurück.“