Handelt es sich wirklich um eine Schwangerschaft? Der in Schömberg praktizierende Internist und Notarzt Mujahid Kahf jr. setzt bei medizinischen Untersuchungen häufig das Ultraschallgerät ein. Foto: Dillmann

In der Medizin gibt es viele skurrile Fälle. Der in Schömberg praktizierende Mujahid Kahf jr. erläutert, was dahinter steckt.

Als die wohl bekannteste unerklärliche Schwangerschaft der Weltgeschichte gilt die jungfräuliche Empfängnis Marias, weswegen vielerorts Weihnachten und somit Christi Geburt gefeiert wird. Doch wie verhält es sich eigentlich aus medizinischer Sicht, wenn eine Patientin beim Doktor vorstellig wird und erklärt, sie sei schwanger, es habe jedoch keinen Geschlechtsverkehr gegeben?

 

Fachliche Expertise und Glaubensbekenntnisse

Diesem Phänomen muss sich auch Mujahid Kahf jr. stellen. Im September hat er seine Arztpraxis in Schömberg eröffnet und war bereits vorher in Tuttlingen sowie Immendingen selbstständig tätig. Seine Ausbildung absolvierte er im Klinikum Tuttlingen, war dort zuletzt Funktionsoberarzt und spezialisierte sich in seiner Laufbahn als Internist und Notarzt.

Bei all der fachlichen Expertise ist ihm jedoch wichtig, im Vorfeld klarzustellen: „Als Muslim und Arzt glaube ich auch an die Erschaffung Jesu im Leibe Marias ohne einen Mann. Das ist auch im Kuran beschrieben, dass es einen nicht wundern soll, wenn Gott spricht und es wirklich wird. Jesus ist für mich einer der heiligsten Propheten. Maria ist die einzige Frau, der die Ehre zuteil wurde, dass eine eigene Sure nach ihr benannt wurde und ist damit auch eine heilige Persönlichkeit, die wir Muslime wertschätzen. Jesus kommt ohnehin mit einem ganzen Paket an Wundern. Er spricht bereits als Säugling zu den Menschen und heilt später mit Gottes Hilfe, erweckt Tote und haucht einer Tonfigur in Form eines Vogels Leben ein. Wenn wir es also in Anbetracht dieser Gesamtwunder anschauen, ist das Wunder, dass er von Gott erschaffen wurde in Maria, ohne Zutun eines Mannes, hingegen sehr nachvollziehbar und glaubwürdig für mich als Gläubiger.“

Die moderne Reproduktionsmedizin

Doch in der modernen Gesellschaft lässt sich nicht alles auf theologische Kontexte zurückführen. Als Mediziner ist Kahf angehalten, nach wissenschaftlichen und biologischen Konzepten zu urteilen. Wie würde also der Arzt in seiner Sprechstunde reagieren, wenn eine Frau mit rundem Bauch erscheint, aber das Stattfinden einer natürlichen Befruchtung ausschließt?

Viele Aspekte spielen eine Rolle, wie Kahf ausführt. In der modernen Reproduktionsmedizin beispielsweise ist es mittlerweile möglich, auch ohne Geschlechtsverkehr schwanger zu werden. Von der Einpflanzung befruchteter Eierstöcke bis hin zu Leihmüttern gibt es viele Methoden. „Aufgrund von Spermienbanken braucht man eigentlich nicht mal mehr einen Mann, sondern nur ein Spermium auf zellulärer Ebene.“

Asexuelle Fortpflanzung – beim Menschen möglich?

In der Embryologie und der Genetik gibt es darüber hinaus die Parthenogenese, also eine Form der asexuellen Fortpflanzung. Diese kommt bei einfachen Tieren vor, wie etwa Blattläusen, aber auch bei Wirbellosen sowie Tieren mit Wirbelsäule, wie bestimmten Echsen bis hin zu Krokodilen. „Das heißt, aus der Zelle der Mutter entwickelt sich einfach ein neues Tier. Beim Menschen wurde es bisher nicht beobachtet, doch es wird in der Wissenschaft diskutiert. In ganz seltenen Fällen könnte es, zumindest in der Theorie, auch beim Menschen möglich sein. Aber davon gehe ich natürlich primär nicht aus, wenn eine Patientin zu mir kommt.“

Im Fall der Fälle würde Kahf als allererstes eine ausführliche Anamnese aufstellen sowie das Umfeld befragen. „Ich würde zunächst davon ausgehen, dass es nicht stimmt und sicherlich Geschlechtsverkehr stattfand. Es gibt durchaus viele Fälle von Neglect, die habe ich auch erlebt. Das ist ein psychologischer Zustand, in dem man eine Situation nicht wahrhaben will, weil man sich von einem Partner getrennt hat, es von diesem Partner nicht will oder weil es viele Partner gibt – oder oder. Oft kommen die Patientinnen schon mit einem großen Bauch und sagen: ‚Ich weiß nicht, was ich da im Bauch habe.‘ Das ist dann ein schwerer Neglect, bei dem die Frau die Realität nicht wahrhaben will und nicht damit klarkommt.“

Konfrontation

Der Arzt steht dann vor der Herausforderung, die Patientin mit der Wahrheit zu konfrontieren. Im näheren Gespräch ergeben sich oft doch die Zusammenhänge, die die Schwangerschaft aus der Unerklärbarkeit in die Nachvollziehbarkeit führen. Auch fehlgeschlagene Verhütung sei in vielen Fällen ein realistischer Aspekt.

„Bei Frauen, die das wirklich komplett verneinen, muss man noch an kriminelles Geschehen denken, aber das sind dann wirklich Einzelfälle, wie etwa bei K.-o.-Tropfen und anderen berauschenden Mitteln. Dann geht es um Geschlechtsverkehr, den die Frau nicht bewusst erlebt hat oder an den sie sich nicht erinnern kann.“

Mögliche Erkrankungen

Bei entsprechendem Verdacht kann die Kriminalpolizei zurate gezogen werden. Es gibt außerdem seltene neurologische Erkrankungen, wie die idiopathische transiente Amnesie. Dabei handelt es sich um einen Zustand, in dem plötzliche Erinnerungslücken auftreten. Häufig bleibt die Ursache ungeklärt. „Es kann also sein, dass es Verkehr gab, ganz normal mit dem Partner, aber die Person an diesem Tag eine sogenannte TGA-Attacke erlitten hat und dadurch nicht mehr weiß, was passiert ist.“ In diesem Fall kann ein MRT vom Kopf gemacht werden sowie eine neurologische Vorstellung.

Neben der Amnesie gibt es Krankheiten, die auf den ersten Blick ähnliche Symptome aufweisen wie eine Schwangerschaft. Dazu zählen unter anderem sowohl gutartige als auch bösartige, schnell wachsende Tumore, Wasseransammlungen, Nieren- oder generelle Organzysten und ausgeprägte Blähungen oder Darmsyndrome, wie zum Beispiel der „Megacolon“.

Das Phänomen rund um Jesu Geburt betrachtet Kahf jedoch nicht aus der Sicht des Mediziners. „Mir ist die Heiligkeit von Jesus und Maria wichtig. Für mich sind das zwei getrennte Themen“, stellt er klar.